Amity Gaige – „Unter uns das Meer“

„Dem Meer ist es egal, wer du bist.“

Wer verspürt nicht ab und an das Verlangen, die Leinen zu kappen, Segel zu setzen, allseits bekannte Ufer hinter sich zu lassen, um Neuland zu entdecken. Die Partlows nehmen diesen Ausdruck wortwörtlich. Michael kauft eine Segel-Yacht. Die Familie wagt sich auf eine Tour aufs weite Meer und lässt ihr bisheriges Vorstadt-Leben in Connecticut hinter sich. Michael und Juliet wollen damit ihre Ehe retten, in der es heftig kriselt, die von beiden infrage gestellt wird. Mit „Unter uns das Meer“ hat die Amerikanerin Amity Gaige einen spannenden wie berührenden Roman geschrieben, der hochgradig psychologisch aufgeladen ist.

Logbuch voller Gedanken und Erinnerungen

Zu Beginn sehen wir Juliet an einem ungewöhnlichen Ort. Sie sitzt allein in einem Schrank, darin zurückgezogen voller Schmerz und Trauer. In der Hand hält sie das Logbuch, in dem ihr Mann seine Gedanken und Erlebnisse niedergeschrieben hat. Die Erinnerungen führen sie zurück auf das Boot, auf dem das Paar mit ihren beiden Kindern Sybil und George, genannt Doodle, von Panama aus unterwegs war. In Bocas wurde ihr neues, gerade mal 14 Meter langes Zuhause repariert. Die Yacht erhielt dort den letzten Schliff sowie einen neuen Namen. Juliet heißt fortan auch das Boot, obwohl Michael davor gewarnt wurde. Denn ein Schiff umzutaufen, gilt in Seefahrer-Kreisen als böses Omen. Die Reise steht also unter keinem guten Stern.

Schon in den ersten Tagen muss die Familie einen Sturm überstehen, wobei nur Michael über Segel-Kenntnisse verfügt, die er in seiner Jugend auf dem Eriesee an der Seite seines Vaters gesammelt hatte. Später geht das Getriebe des Bootes kaputt. Zudem sitzt ein Mann dem Paar im Nacken, den Grund verheimlicht Michael seiner Frau. Doch die Partlows erleben auch die schönen Seiten ihres Lebens fernab ihrer Heimat, fernab der alltäglichen Anforderungen. Sie fühlen sich glücklich und frei, genießen das Meer, die Flora und Fauna der Tropen, das Gefühl, in einer gewissen Zeitlosigkeit zu schweben. Wenn nicht dann und wann in der Beziehung von Michael und Juliet wieder dunkle Wolken aufziehen, weil beide wieder in ihre Rollen zurückfallen. Dass diese Traumreise ihre letzte gemeinsame sein und in einer Tragödie enden wird, Juliet über sich hinauswachsen wird, ahnen sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Ein Trauma aus der Kindheit

Meisterhaft verwebt die Autorin die Schilderungen der spannungsgeladenen Fahrt über das weite Meer von Panama über Kolumbien bis nach Jamaika mit einem Rückblick in das Leben von Michael und Juliet, die beide Verluste erlebt haben, sie zudem in der Kindheit ein traumatisches Erlebnis erfahren musste, das mit der Schwangerschaft zu einer Depression geführt hat, die sie wie ein böser Engel weiter verfolgt. Im Vergleich zu ihrem Mann, der bei einer Versicherung arbeitet und das Geld nach Hause bringt, fühlt sich Juliet nutzlos. Ihre literaturwissenschaftliche Dissertation über die Lyrik der US-amerikanischen Dichterin Anne Sexton – in Gaiges Roman gibt es mehrere Verweise, die einladen, sich mit deren Werk zu beschäftigen -, hat sie nicht abschließen können. Ihrem Mann, der sich in seinen politischen Äußerungen und Meinungen zunehmend nach rechts bewegt, wird sie immer fremder.

„Wir kommen aus dem Nichts & kehren ins Nichts zurück, doch in der Zwischenzeit sollen wir ein würdevolles, ein mutiges Leben führen?“

„Unter uns das Meer“ ist ein komplexer, vielschichtiger Roman, der viele Themen und damit auch verschiedene Leser anspricht. Jene, die Geschichten über das Meer und dessen Wirkung auf uns Menschen lieben, jene, die sich vielleicht eher mit dem Thema Ehe- und Familienleben beschäftigen wollen. Gaige gelingt es, das jeweilige Innenleben ihrer erwachsenen Helden in verschiedenen Facetten mit Hilfe der unterschiedlichen Perspektiven zu erzählen. So entsteht ein Rundumblick auf die Reise, die Ehe, das gemeinsame Familienleben mit all seinen guten und schlechten Zeiten sowie die Beziehungen zwischen den Generationen. In kurzen Abschnitten kommt sogar die kleine Tochter Sybil zu Wort, wird auch das schwierige Verhältnis zwischen Juliet und ihrer Mutter geschildert.

Gaige, 1972 in Charlotte/North Carolina geboren, debütierte 2005 mit ihrem Roman „O my darling“. Für ihr Schaffen wurde sie bereits mehrfach mit Preisen geehrt. Ihr 2013 erschienener Roman „Schroders Schweigen“ war für den Folio Prize nominiert. Unter anderem die New York Times Book Review, Huffington Post, Washington Post und das Wall Street Journal bezeichneten das Werk als eines der besten Bücher. Amity Gaige ist eine Fulbright und Guggenheim Fellow. „Unter uns das Meer“, unter dem Titel „Sea Wife“ im Original erschienen, ist ihr bereits vierter Roman und ein rundum großartiges Werk mit einer faszinierenden Sogwirkung, der man sich nicht entziehen kann und möchte.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Buzzaldrins Bücher“ und „Lieslos“


Amity Gaige: „Unter uns das Meer“, erschienen im Eichborn Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von André Mumot; 384 Seiten, 22 Euro

Foto von Geran de Klerk auf Unsplash

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