Wie die Burg Ranis in Thüringen ein Ort der Bücher wurde

Hoch auf einem Felsrücken am thüringischen Orlatal im elften Jahrhundert errichtet, war sie Sitz der Markgrafen von Thüringen, später der Adelsgeschlechter Brandenstein und Breitenbuch. Seit mehreren Jahren wird an einem neuen, besonderen Kapitel der Burg Ranis geschrieben. In den Händen der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten liegend, ist sie vor allem eines: ein Ort der Kultur für jedermann. Nicht nur durch das burgeigene Museum. Seit 1997 richtet der Verein „Lese-Zeichen e.V.“ aus Jena die Thüringer Literaturtage aus – mit einem mehrtägigen Festival auf der Burg Ranis als Höhepunkt.

Wo die Idee geboren wurde

Namhafte Autoren und Schauspieler drücken sich seitdem hier die Klinke in die Hand. Prominente, die man in dieser besonderen Kombination wohl nur auf den beiden Buchmessen in Leipzig und Frankfurt am Main an Ort und Stelle oder im Fernsehen erleben dürfte. „Ingo Schulze hat einmal gesagt, es sei ein Ritterschlag für jeden Autor, wenn er auf der Burg gelesen hat“, erzählt Romina Nikolić. Die 37-jährige Jenaerin verantwortet als fest angestellte Mitarbeiterin des Vereins mit ihrem Kollegen Ralf Schönfelder das Programm. Ich treffe mich mit ihr im urigen Theater-Café in Jena.

Gleich zu Beginn erzählt sie mir die Vorgeschichte des Festivals – wie damals alles begonnen hatte. Die Idee, die Burg mit Literatur zu füllen, stammte aus einem Unternehmen, dessen Namen oft im jeweiligen Impressum eines Buches zu finden ist. In der Druckerei der GGP Media GmbH im nahe gelegenen Pößneck, einer Tochtergesellschaft des Bertelsmann-Konzerns mit rund 750 Mitarbeitern, entstehen täglich Hunderttausende Bücher. Hier wurde einst unter einer hoher Geheimhaltungsstufe Titel der weltberühmten „Harry Potter“-Reihe gedruckt, hier entstanden auch Teile des Erotik-Bestsellers „Fifty Shades of Grey“. „Die Druckerei hatte den Gedanken, dass hier nicht nur Bücher entstehen, sondern hierher eben auch Autoren kommen“, sagt die Programmmanagerin.

Literaturburg Ranis Lesung am Abend (c) Lese-Zeichen e.V.
Zum Festival im Rahmen der Literatur- und Autorentage ist der Innenhof stets gut gefüllt. (Foto: Lese-Zeichen)

Mittlerweile gehen die Thüringer Literaturtage mit dem Festival auf Burg Ranis in ihr 26. Jahr. Erwartet werden unter anderem Judith Hermann, Peter Stamm, Bachmann-Preisträgerin Anna Marwan und Deutschlandfunk-Preisträger Alexandru Bulucz sowie Schauspieler Devid Striesow, der aus Franz Kafkas Roman „Die Verwandlung“ lesen wird. Zudem gibt es mehrere Aktionen für Kinder und Jugendliche.

Die Vorbereitungen für die Veranstaltungen und Aktionen auf und um die Burg Ranis haben einen großen Vorlauf. „Wir klopfen sehr früh bei den Autoren und Verlagen an. Wir besuchen die Buchmessen, um zu sehen, was die Verlage demnächst herausbringen“, erzählt Romina Nikolić. Vor allem durch Kontinuität habe sich sowohl der Jenaer Verein als auch seine Veranstaltungsreihe einen Namen gemacht. „Wir sind bei den Agenten schon bekannt“, betont die Programmleiterin. Mehrmals in der Woche verlässt sie das Vereinsbüro in Jena, um auf Burg Ranis zu arbeiten. „Ich bin sehr gern dort, mir geht das Herz auf, wenn ich die Burg hochkomme“, sagt die gebürtige Suhlerin.

Besonderes Flair

Romina Nikolić studierte Literaturwissenschaft und Philosophie in Jena und Braunschweig und hat einst bei einer Literatur-Werkstatt das Flair der Burg, die bis 2017 umfangreich für insgesamt 8,5 Millionen Euro saniert wurde, kennengelernt. Nun trägt sie dazu bei, dass die Burg und die Region kulturell belebt wird, denn die Thüringer Literaturtage werden nicht nur in den Städten wie Jena, Suhl, Gera und Rudolstadt von Mai bis August ausgetragen, sondern – wie auch die Arbeit des Vereins „Lese-Zeichen e.V.“ generell – im ländlichen Raum verankert.

Romina Nikolic (c) Lese-Zeichen e.V.
Romina Nikolić (Foto: Lese-Zeichen e.V.)

„Das Interesse an Literatur ist noch immer vorhanden, die Begeisterung für Lesungen auf jeden Fall da“, schätzt die Thüringerin ein, wobei das ehrenamtliche Engagement in der Literaturszene dabei eine wichtige Basis bildet: „Viele Veranstaltungen wären ohne Ehrenamt einfach nicht möglich. Und es gibt viele Akteure, die sich der Literatur verschrieben haben“, so Romina Nikolić, die 2009 und 2011 Preisträgerin des Jungen Literaturforums Hessen-Thüringen war und demnächst gemeinsam mit der Dichterin Christine Hansmann die Weimarer Lyriknacht verantwortet. Kürzlich erschien ihr Lyrikband „Unterholz. Auszüge aus einem Langgedicht“ in der Edition Muschelkalk der Literarischen Gesellschaft Thüringen.

Der 1998 ins Leben gerufene Verein „Lese-Zeichen“ wurde 2003 für seine Arbeit mit dem Thüringer Kulturpreis ausgezeichnet. Vorsitzender Andreas Berner und Ehrenvorsitzender Martin Straub sind für ihren Einsatz zudem persönlich geehrt worden, so Berner 2014 mit der Kulturnadel des Freistaats Thüringen und 2018 mit dem Ehrenbrief des Freistaats Thüringen. Straub wurde 2013 mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande geehrt.

Live-Stimmung, Verlagsstände

Unterstützt werden die Thüringer Literaturtage, die in diesem Jahr unter dem Motto „Die Liebe gibt dem Menschen seinen Wert“ stehen, vom Freistaat Thüringen, von der Landeszentrale für politische Bildung, der Heinrich-Böll-Stiftung, der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen und dem Sender MDR Kultur. Neben den einzelnen Veranstaltungen gibt es Stände von kleinen Verlagen. Eine Buchhandlung verkauft Bücher. Ein Gesamtpaket entstehe, in dem vor allem die Live-Stimmung zähle, das Bücher vor Ort signiert werden, man darüber ins Gespräch komme, so die Programmleiterin. Gäste legen dafür schon mal einen langen Weg zurück, kommen aus Dresden und Halle. Romina Nikolić: „Wir haben einen großen Einzugsbereich. Und die prominenten Gäste bringen ja auch selbst weitere Besucher mit.“

Sie freut sich schon sehr auf das kommende Festival, hat auch schon die Jubiläumsauflage zum 30-jährigen Bestehen im Fokus, wobei der Blick auch immer zurück geht, sie an einstige Erlebnisse zurückdenkt. An den legendären Harry Rowohlt oder Schauspielerin Katharina Thalbach. Er saß 2012 bei seinem Besuch in Ranis bis früh im Gasthaus, sie schreckte im vergangenen Jahr der strömende Regen nicht ab, nach ihrer Ankunft sogleich auf die Bühne zu gehen.

Vorburg der Burg Ranis in Thüringen.
Vorburg der Burg Ranis (Foto: Ansgar Koreng/Wikipedia)

Und noch ein paar interessante Fakten zur Burg Ranis, die zu interessantesten Mitteldeutschlands zählt. Ein genaues Gründungsjahr ist nicht bekannt, erstmals erwähnt wurde sie 1084. Die ältesten, noch erhaltenen Grundzüge stammen aus dem 13. und 14. Jahrhundert, wobei ihr Erscheinungsbild auf das 17. Jahrhundert zurückgeht, nachdem nach einem Brand 1645 die Anlage, die einst als Grenzfeste gegen die Slawen errichtet worden war, umgebaut wurde. Im Torhaus befinden sich Reste einer romanischen Kapelle. Die Burg besteht aus einer kleineren Hauptburg und zwei weiträumigen Vorburgen. Im äußeren Burghof befindet sich der Zugang zur Ilsenhöhle, die als eine der bedeutendsten Fundstellen für den Übergang vom Neandertaler zum modernen Menschen in Mitteldeutschland gilt und in den 1930er-Jahren umfangreich ausgegraben und erforscht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente die Burg amerikanischen und russischen Soldaten sowie Umsiedler-Familien als Domizil. In den 1950er-Jahren begann die Einrichtung eines Museums. Seit 1994 liegt die Burg in den Händen der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten.

Alle Infos und Tickets online auf: www.lesezeichen-ev.de


Luftbild-Aufnahme: Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten

2 Kommentare zu „Wie die Burg Ranis in Thüringen ein Ort der Bücher wurde

  1. Das ist ja eine tolle Sache!
    Ich kannte weder die Burg, noch das Festival – vielen Dank für die zahlreichen Links, da werde ich später mal stöbern gehen.
    Vielleicht ist das für mich eine Alternative zu LBM und FBM, wo ich mir die Unterkünfte immer nicht leisten kann? Und die Kulisse ist auch viel besser!

    LG Kat

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar. War mir bis zu einem Fund im Netz auch nicht so bewusst, aber liegt von mir auch ganz in der Nähe. Ich finde die Verbindung zwischen historischem Bau und Kultur generell im wieder spannend. Viele Grüße

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