Bodenlos – Frank O. Rudkoffsky „Dezemberfieber“

„Manchmal habe ich das Gefühl, daß schon hinter kleinsten Rissen ein Abgrund klafft.“

Selbst Tausende Kilometer Entfernung und mehrere Zeitzonen zwischen Heimat und Urlaubsziel erleichtern Bastians Seele nicht. Das Gefühl, mit seiner Freundin Nina ein Traumland und eine Traumreise zu erleben, hält nicht lange vor. Ein Brieftagebuch seiner Eltern und seine eigenen dunklen Gedanken ziehen ihn hinunter. Stetig und unaufhörlich. Der frühe Tod seiner Mutter und das Zerbrechen der Familie infolge ihrer Depression sind Traumata, die Bastian noch längst nicht verarbeitet hat.

DezemberDenn Verdrängung ist seine Strategie, mit der er jedoch nicht weit kommt. Schon gar nicht, wenn nun der überraschende Tod seines Vaters vieles aufwirbelt, selbst wenn einige Jahre beide tragische Ereignisse zeitlich voneinander abgrenzen. Allerdings liegen nur wenige Tage zwischen der notwendig gewordenen Haushaltsauflösung und dem Flug nach Thailand, der den Beginn des Romans „Dezemberfieber“ von Frank O. Rudkoffsky markiert. Der Titel verweist indes nicht nur auf den besonderen Zustand des Helden, der als Langzeitstudent sein Leben noch nicht auf das richtige Gleis gesetzt hat und schließlich in Thailand  von Rastlosigkeit, Schwindelgefühlen, Panik-Attacken und Albträumen heimgesucht wird.  Dezemberfieber stammt als Begriff aus der Behördensprache und meint eine nahezu übliche Erscheinung in Amtsstuben, bei der zugewiesene und noch verfügbare Mittel in den letzten Wochen des Jahres hastig „verbraten“ werden.

Doch Bastians körperlicher Zustand könnte auch auf seinen reichlichen Alkohol- und Nikotinkonsum zurückzuführen sein. Bereits am ersten Tag in Bangkok ist am Abend eine Bar das gemeinsame Ziel von Bastian und Nina. Schon von da an zeigen sich erste Risse zwischen Anspruch und Realität. Gilt doch die Reise nicht nur der Erholung, sondern auch als eine Art Beziehungskitt, um die Partnerschaft zu retten. Doch anstatt Harmonie und Liebe in der Hitze Thailands übernehmen Streitlust und emotionale Kälte die Vorherrschaft. Nina schafft es nicht, an Bastian heranzukommen, der sich mehr und mehr in seinen inneren Kokon zurückzieht und mit abenteuerlichen Touren sich selbst Reize verschafft, um sich abzulenken. Dazu zählt auch eine verwegene Geocaching-Tour mit der mysteriösen Jenny und ihren beiden Freunden Sven und Dirk, die Bastian im Strandhotel auf Koh Phangan kennenlernt. Die junge Frau, der Bastian gefährlich nah kommt, hat ebenfalls einen tragischen Verlust erlitten und versucht, diesen samt ihrer Schuldgefühle zu verarbeiten.

Die Geschehnisse in Thailand und die Flucht Bastians von Nina und hinein in einen bodenlosen Strudel der Unsicherheit und Haltlosigkeit bilden dabei eine erste Ebene. Die zweite und dritte Ebene erklären schließlich Bastians familiären Hintergrund – vor allem als Basis für sein Verhalten. Der Blick des Erzählers geht dafür weit zurück in die Vergangenheit, bis in Bastians Kindheit und Jugend, in der sich bereits die schwere Krankheit seiner Mutter und die dramatischen Folgen für das innere Gefüge der Familie zeigen, obwohl alle zu Beginn eng beieinander stehen. Vor allem das Brieftagebuch, das Mutter und Vater gemeinsam über Jahre führen, vermittelt einen Eindruck, wie die Bindungen innerhalb der Familie auf eine harte Probe gestellt und schließlich nahezu gänzlich zerreißen und was die Krankheit mit der Zeit von den Betroffenen und ihren Angehörigen abverlangt. Dieses Brieftagebuch zeigt zudem das Unvermögen der Eltern, über eigene Gefühlszustände zu sprechen. Vielmehr fliehen sie voreinander, sie versteckt sich in den letzten Winkel des gemeinsamen Hauses, ihn zieht es beruflich auf Reisen. Ein Verhalten, das auch recht Bastian eigen ist; seine Gedanken formuliert er während der Thailand-Tour in einem Reisetagebuch, anstatt sich seiner Freundin mitzuteilen.

Es entsteht ein ganz eigenartiges wie faszinierendes Gefühl während der Lektüre, an dieser intimen Form der Kommunikation teilzuhaben, in der nicht nur ein Schreiber, sondern gleich zwei Schreiber beteiligt sind. So öffnet sich der Roman auch für weitere Stimmen. Obwohl der eine oder andere Tagebuch-Eintrag etwas kürzer gefasst sein könnte, erscheint dieser Nebenschauplatz mit Blick auf die psychische Dimension des Buches als der spannendere Part. Vor allem die Idee, dass der Vater das Tagebuch auch nach dem Tod der Mutter weiterschreibt, berührt sehr. Einige der Einträge zeigen, wie beide innerlich gerungen, nach Worten gekämpft haben, indem die Texte an einigen Stellen Korrekturen aufweisen. Die drei Buchstaben „ich“ als letzter Eintrag der Mutter erschüttern ungemein. Sie bringen das Gefühl eines an Depression erkrankten Menschen so präzis auf den Punkt wie keine wohl formulierte Wendung.

 „Nina genießt die Ruhe, war sofort entspannt. Ich dagegen: der einzige verfaulte Zahn im ganzen verdammten Land des Lächelns. Der Thong Nai Pan Noi ist herrlich, aber es bringt nichts, mit den Füßen im Paradies zu stehen, wenn im Kopf die Hölle ausgebrochen ist.“

„Dezemberfieber“ ist das Debüt des 1980 geborenen Autors, der im Übrigen seine Geburtsstadt Nordenham zu einem Schauplatz seines Buches werden lässt. Ein Erstling, der es vermag, den Leser sowohl eng an die Handlung und den Helden zu binden, den man manchmal ob seines abgedrehten Verhaltens einfach mal durchschütteln möchte. Eindrucksvoll gelingt es Frank O. Rudkoffsky zudem,  sowohl die Gegensätze, die Stimmung und Reize des asiatischen Landes zu beschreiben, als auch detail- und bilderreich Szenen auszugestalten. Großer Verdienst des Buches ist es allerdings auch, die Aufmerksamkeit auf die Krankheit Depression zu richten. Ein Thema, das in der Öffentlichkeit noch längst nicht angekommen ist und noch immer nicht offen debattiert werden kann. Nach Schätzungen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe erkranken jährlich in Deutschland rund fünf Millionen Menschen an einer Depression, die behandelt werden muss. Jeder Fünfte kann daran einmal oder auch mehrmals im Leben erkranken. Vermutlich sind Depressionen bei vielen Menschen, die Suizid begehen, letztlich der Auslöser. Rund 10.000 Menschen wählen pro Jahr in Deutschland den Freitod.

Eine besondere Begegnung bringt Bastian schließlich zum Umdenken, eine Wendung, die etwas zu hastig und nicht so 100-prozentig nachvollziehbar erscheint. Hier wären einige Seiten der sonst tiefgründigen und facettenreichen Geschichte wünschenswert gewesen. Denn Frank O. Rudkoffsky kann erzählen. Mit einem Auszug aus „Dezemberfieber“ stand er im Finale des Prosanova-Literaturwettbewerbs.

Der Roman „Dezemberfieber“ von Frank O. Rudkoffsky erschien im Verlag duotincta; 316 Seiten, 16,95 Euro

3 Comments

    1. vielen Dank, Frank, für Deinen Kommentar, über den ich mich sehr gefreut habe. Ich habe zu danken für die Lektüre, für die Du ja verantwortlich bist 😉 Eine gute Schreibzeit wünsche ich Dir. Viele Grüße

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