Andrzej Stasiuk – „Grenzfahrt“

„Noch nie haben wir in so einer Finsternis gesessen.“ 

Der Fluss trennt zwei Länder voneinander – und deren Menschen. Lubko ist der Fährmann, der sie übersetzt. Von einem Ufer an das andere. Kirchgänger genauso wie Flüchtlinge, die einen vor und nach dem Gottesdienst im Nachbarort, die anderen auf ihrem Weg in die geglaubte Sicherheit. Doch wo ist es sicher, wenn Krieg ist, sich Soldaten, Besatzer eines anderen Landes, mit Mann und Maschinen für ihren nächsten Angriff versammeln. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk führt in seinem neuesten Roman den Leser in die ostpolnische Grenzregion und in den Frühsommer 1941, als die deutsche Wehrmacht vor dem Einmarsch in die Sowjetunion steht. Ein meisterhafter, sehr tiefgreifender Roman, der davon erzählt, wie viele kriegerische Ereignisse auf einem Landstrich lasten können, um davon auf lange Zeit geprägt zu sein.

Viele verschiedene Menschen an einem Ort

Die Pläne zum „Unternehmen Barbarossa“ werden ab dem 22. Juni 1941 zur grausamen Wirklichkeit. Dass dieser menschenvernichtende Angriffskrieg schließlich zur Wende im Verlauf des Zweiten Weltkriegs führen wird, können die Soldaten nicht ahnen, die am Ufer der Bug stehen. Die Deutschen quartieren sich in einem Dorf ein, das umgeben ist von sandigen Hügeln, Weide- und Sumpfland. Und sie rüsten auf: Immer mehr Material wird nach Osten versetzt. Lastwagen, Panzer, Motorräder. Mittendrin und dem ausgeliefert: die Bewohner des Ortes, eine zusammengewürfelte Schar, zu der auch polnische Partisanen im Untergrund gehören sowie das jüdische Geschwisterpaar Doris und Max aus gutem Hause, das hofft, dem Holocaust zu entfliehen und im autonomen Oblast Birobidschan, im fernöstlichen Russland, eine neue, sichere Heimat zu finden.

Alle werden zu Beobachtern der zielgerichteten wie maßlosen Aufrüstung. Keiner traut sich, gegen die übermächtige Wehrmacht vorzugehen. Jeder versucht, sein eigenes Leben zu bewahren. Selbst Siwy, Zugführer der Partisanen, ein Patriot wie er im Buche steht, schaut sich das Treiben der Deutschen an. Zur Hilflosigkeit verdammt. Zwischen Partisanen und dem Fährmann kommt es zu Spannungen, bis Lubko ihnen hilft, einen polnischen Hauptmann auf die andere Seite zu bringen. Eine Nacht- und Nebelaktion, die letztlich eskaliert und einige Menschenleben fordert.

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Zeitsprung: Ein namensloser Ich-Erzähler durchstreift Jahrzehnte später die Gegend, in der er und sein mittlerweile dementer Vater aufgewachsen ist. Eigene Bilder aus der Kindheit treten zutage, während der Vater um jeden noch so kleinen Gedanken an die Geschichte ringt. Der Ich-Erzähler trifft auf die Zeugnisse jahrhundertealter Historie: Festungen, Kirchen, Holzkreuze, nimmt die Erinnerungen der Männer auf, die am Tisch sitzen und über das Damals erzählen. Und er widmet sich dem Land und seinen Bewohnern, die nach einer eigenen Identität suchen, weil immer wieder ein anderer Staat auf das Land Anspruch erhebt, es zerteilt und zergliedert. Dass nach Westen und Osten und zurück schaut, aber sich nie auf sich selbst besinnt, wie es an einer Stelle heißt.

„Als kröche hier eine gigantische Metallschlange. Als wäre sie der Erde entwachsen, schon vollkommen fertig, geformt, zu undurchbohrbaren Flächen verschweißt, mit Nieten, Gelenken und Haken verbunden, um einen Flächenbrand zu entfachen, um ihr Drachenfeuer zu speien (…).“

„Grenzfahrt“ ist ein überaus sinnliches, jedoch vor allem dunkles Buch. Man hat den Eindruck, nie scheint die Sonne. Nur Lagerfeuer und der Mond, das Glimmen einer Zigarette oder Scheinwerfer erhellen die darüber hinaus metalllastige Szenerie. Als „Eisenschlange“ wird die monströse Ansammlung der Truppen bezeichnet, die sich als Fremdkörper mit unzähligen Maschinen und Soldaten durch das eigentlich idyllische Land wälzt, um den Weltenbrand auszulösen, Tod und Zerstörung zu bringen. Ein Bild, das sich in die Köpfe und Seelen der Menschen einbrennt. Gerüche und Geräusche finden sich im Übermaß. Sowohl als Folgen des Krieges als auch als natürliche Begleiterscheinungen einer vom Wasser geprägten Landschaft. Stasiuks Roman ist vor allem ein Buch eines alles dominierenden Kontrastes: Die Gewalt des Menschen trifft auf eine friedliche wie unschuldige Landschaft, die extensiv wie intensiv beschrieben wird. Die auf dem Fluss treibenden Leichen sind ein Sinnbild dieses Gegensatzes.

„Dieses Übermaß an Ereignissen, die kein Mensch braucht. Blut, Tod, Flächenbrand. Als würde es hier ewig brennen, ewig rauchen unter der Erde hervor, hier im Herzen des Kontinents.“

Und Gewalt gibt es in diesem Roman reichlich. Die Eroberer schießen auf wehrlose Frauen, auf ein verwundetes Pferd eines tauben Mannes, das ihnen im Weg steht. Sie plündern Läden. Die Partisanen hingegen hängen einen Mann auf, auch vor ihren eigenen Männern machen sie nicht Halt. Noch vor dem Überfall bricht die Gewalt sich Bahn. Zwischendrin: teils heftige Sexszenen, das pulsierende Festklammern am Leben.

Das ganze Land wird unfreiwillig ein Dunkelort, der nicht nur überfallen und zerstört wird, sondern auch zum Tatort des größten Verbrechens in der Menschheitsgeschichte wird. Ein namenloser Junge, der sich den Partisanen angeschlossen hat, stammt aus dem nahe gelegenen Sobibor, dort, wo die Nazis eines ihrer Vernichtungslager errichten. Eine Viertelmillion Juden werden hier ermordet.

Vielstimmig und sprachmächtig

Stasiuk, 1960 in Warschau geboren und einer der führenden Autoren seines Landes, hat mit „Grenzfahrt“ einen großen vielstimmigen wie dichten und sprachmächtigen Roman geschrieben, der eine in vielerlei Hinsicht fordernde Lektüre bereitet. Weil der Leser weiß, was vor und nach den Junitagen 1941 geschehen ist – und was heute im Osten Europas erneut passiert. Der erschreckende Bilderstrom ist keine Fiktion, sondern basiert auf realen Vorlagen, so wie es in dem Roman neben fiktiven Orten auch Bezüge zu realen Orten gibt, wie es Übersetzerin Renate Schmidgall am Ende des Buches in ihrer Anmerkung schreibt. Literatur und Wirklichkeit verschmelzen somit in einem Buch, das gerade mit Blick auf die aktuellen Geschehnisse und in der Verbindung von Geschichte und Gegenwart eine gewisse Zeitlosigkeit in sich trägt.


Andrzej Stasiuk: „Grenzfahrt“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Polnischen von Renate Schmidgall; 355 Seiten, 25 Euro

Foto von Artem Stoliar auf Unsplash

2 Kommentare zu „Andrzej Stasiuk – „Grenzfahrt“

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