Das Meer – gefühlt unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2023 und begeben uns auf eine unglaubliche Reise. Eine Tour um die Welt in 80 Tagen – unter Wasser. Wir brauchen keine Taucher-Ausrüstung anzulegen, kein Flugzeug zu besteigen, um nahe wie ferne Orte zu bereisen. Wir brauchen nur dieses eine Buch: Helen Scales‘ faszinierender weil lehrreicher und wunderbar illustrierter Band „In 80 Meerestieren um die Welt“.
Kennt die Weltmeere wie ihre Westentasche
Helen Scales ist Meeresbiologin. Doch nicht nur durch ihren Beruf kennt sie die Weltmeere wie ihre Westentasche. Die Britin ist zugleich passionierte Taucherin. Ihr gesammeltes Wissen gibt sie sowohl an ihre Studenten weiter als auch an Leser und Hörer. Sie verfasste Bücher und Artikel sowie Beiträge für die BBC. Für den Lawrence King Verlag schrieb sie nun eine Fortsetzung der beliebten Reihe „In 80 … um die Welt“, die im Verlauf der vergangenen Jahre bereits Bäume, Pflanzen und Vögeln vorgestellt hat.

Doch wie nun aus einer schier unglaublichen Vielfalt an Hunderttausenden Tieren, die die Meere und Ozeane und damit 90 Prozent der Biosphäre unserer Erde bevölkern, jene nur 80 für dieses Buch auswählen? Quasi die Spitze von der Spitze eines Eisbergs. Scales greift dabei auf ihre Erfahrung zurück. Ihr Ziel war es, eine Sammlung an Tieren zusammenzustellen, die „meine Vorstellungen vom Leben im Meer verkörpern“, schreibt sie in der Einleitung des Buches. Vor allem sollen seltsame und eher unbekannte Wesen im Fokus stehen. Viele von ihnen legen auf ihren Reisen lange Strecken zurück – wie der Leser, der mit diesem Band die verschiedenen Meeresbecken, die einen riesigen globalen Ozean bilden, kennenlernt. Vom Atlantik über das Mittelmeer und den Indischen Ozean bis hin zum Pazifik, zur Karibik und zum Polarmeer.
Manche elegant, manche bizarr
Die Tiere des Buches können nicht unterschiedlicher sein. Von winzig bis riesengroß. Sie nehmen alle erdenklichen Formen und Farben an. Sie sind Fische, Quallen, Korallen, Weichtiere. Jedes Tier wird in einem Text porträthaft vorgestellt, mit seinen besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten und wie es in die Kultur-Geschichte des Menschen Einzug fand. Wie beispielsweise der Sägefisch, dem es gelang, sich auf Münzen und Banknoten westafrikanischer Länder zu verewigen. Manche Tiere sind elegant anzusehen, manche eher bizarr. Alle haben eine besondere Rolle im Ökosystem, einige von ihnen tragen zum Klimaschutz bei, in dem sie das schädliche Kohlendioxid binden. Einige spielen in der technischen Entwicklung und der Medizin eine wichtige Rolle: wie der Pfeilschwanzkrebs, die Kegelschnecke oder der Zitterrochen.
Manche sind durchaus kurios: Tiefseeschwämme niesen in Zeitlupe und wochenlang. Der in der Tiefe lebende und erst 1939 entdecke Glaskopffisch kann seine Augen schwenken wie ein Fernglas. Die Intelligenz der Kraken ist schon legendär. Der Grönlandhai gilt als Methusalem unter den Tieren und können mehrere Hundert Jahre alt werden. Ihr breit gefächertes Fachwissen vermittelt die Meeresbiologin verständlich. Jedes Tier-Porträt wird begleitet von den erstaunlichen Bildern des britischen Illustrators Marcel George, so dass dieser Band durchaus sich auch an Familien richten kann und ein wunderbares Geschenk für jeden Naturfreund ist.
„Der Ozean ist voller Wunder und Überraschungen. (…) Er ist ein Kaleidoskop des Lebens, das darauf wartet, erforscht zu werden.“
Es ist allerdings mittlerweile die Tragik von Sachbüchern der letzten Jahre, dass sie stets auch über die Verwundbarkeit der Natur und den verherrenden Einfluss des Menschen berichten. Auch Scales kommt nicht daran vorbei, in ihrem Buch auf die Gefahren durch Umweltzerstörung, Überfischung, Müll und den Klimanwandel aufmerksam zu machen und für den Schutz dieser einzigartigen und unfassbar reichen Welt zu sensibilisieren, zu der der Mensch nur mit einer speziellen Ausrüstung Zugang findet. Scales verweist am Ende des Buches auf das Tauchen und listet eine Auswahl an Anbietern auf. Zudem werden Organisationen, die sich dem Schutz der Meere verschrieben haben, genannt.
„In 80 Meerestieren um die Welt“ ist somit nicht nur ein faszinierendes Buch, das viel Wissen versammelt, sondern es auch in einer besonderen Art vermittelt. Man lernt, man staunt – und wird diesen Band wohl nicht nur einmal zur Hand nehmen, sondern wohl immer dann, wenn die Sehnsucht nach dem Meer und seinen Bewohnern am größten ist.
Helen Scales: „In 80 Meerestieren um die Welt“, erschienen im Lawrence King Verlag, aus dem Englischen von Birgit van der Avoort, mit Illustrationen von Marcel George, 200 Seiten, 26 Euro
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