Jonathan Drori „In 80 Bäumen um die Welt“

Für mich ist er ein Freund, oder soll ich eher Freundin sagen? Schließlich handelt es sich bei ihr um eine Platane. 1825 im Park in Schulpforte nahe Naumburg gepflanzt, ist sie gemessen an ihrem Kronen-Durchmesser der dritthöchste Baum in Deutschland, ein Naturdenkmal, ein Geschöpf, das staunen lässt. Um seinen Stamm steht eine Bank. Ein Platz, den ich gern aufsuche, weil er Kraft und Ruhe spendet. In seinem Stamm sehe ich ein Gesicht, wenn auch etwas verrunzelt, die riesigen Äste sind kräftige Arme, die mir bei meiner Ankunft im Park nahezu zuzuwinken scheinen.

Diese Platane ist für mich der lebende Beweis, dass Bäume mehr sind als nur eine Ansammlung von Zweigen und Blättern, Schattenspender, Holzlieferant und über die sich nachzudenken lohnt. Jonathan Drori haben es Bäume besonders angetan.  Der Engländer ist Botschafter der Umweltorganisation „World Wide Fund for Nature“ (WWF)“ sowie Kurator des „Eden Project“, eines beliebten, 50 Hektar großen botanischen Gartens in Cornwall. In seinem wundervoll illustrierten Band „In 80 Bäumen um die Welt“ lädt er zu einer besonderen Reise ein – in Anspielung an den berühmten und vielfach verfilmten Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ von Jules Verne aus dem Jahr 1873.

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Die botanische Welttournee durch alle Klimazonen und rund um den Globus nimmt ihren Lauf in England, in Droris Heimat, führt über Europa und Asien nach Afrika und Ozeanien und schließlich nach Nord- und Südamerika. Der Engländer stellt – wie es auch der Titel des Bandes verrät – insgesamt 80 Bäume vor.  Jedes Porträt eines Baumes umfasst die botanischen Merkmale, seine Besonderheiten – so hinsichtlich seiner speziellen Beziehung zu Tieren, was und warum der Mensch ihn nutzt und wie er an seine Umwelt angepasst ist. Bekanntes, aber vor allem Unbekanntes, ja sogar Überraschendes weiß der Botaniker zu berichten.

Das Buch ist reich an Wissen und Geschichten. Venedig ist auf Erlenholz errichtet worden, manch Afrikaner glaubt, der Affenbrotbaum ist der Sitz guter Geister. Norwegen schenkt jedes Jahr den Städten New York, Washington und London je eine Fichte, deren Holz im Übrigen allgemein für wertvolle Streichinstrumente Verwendung findet, als Weihnachtsbaum. Die Vogelbeere enthält die als antibakteriell geltende Sorbinsäure und damit einen natürlichen Konservierungsstoff. Die Linde sorgt bei Bienen für einen rauschartigen Zustand. Dieses umfassende Wissen stammt aus den unterschiedlichsten Gebieten und Bereichen, aus der Botanik und Medizin, der Geschichte und Mythologie, auch Sprachwissenschaftler werden auf ihre Kosten kommen, wenn Drori erzählt, wie ein Baum seine Bezeichnung erhalten hat oder welche Rolle sein Name in der Sprache des Landes, wo er beheimatet ist,  hat. Auch welcher Baum als Nationalbaum in einem Land verehrt wird, findet sich an so einigen Stellen.

„Die Bäume brauchen unsere Wertschätzung, und viele brauchen Schutz.“

Meist umfasst ein solches Porträt zwei Seiten, manchmal auch einige mehr. Gerade dann, wenn die wunderbaren Illustrationen der heute in London beheimateten Französin Lucille Clerc etwas mehr Raum zur Entfaltung brauchen. Zu manchen Bäumen hat sie nicht nur das jeweilige äußere Erscheinungsbild, die Blattstruktur oder die Form der Frucht zu Papier gebracht. Auch auf welche spezielle Weise ein Baum genutzt wird oder welche besonderen Beziehungen er zu anderen Lebewesen eingeht, wird in Farbe und in einer ausdrucksstarken künstlerischen Weise gezeigt. Clercs Arbeit hat viele Facetten, sie wirkte unter anderem sowohl für Museen und Mode-Labels als auch für Verlage als Illustratorin. Sie arbeitet hauptsächlich in Zeichen- und Siebdrucktechniken.

Im engen Zusammenwirken von Text und Illustration macht der Leser eine besondere Erfahrung: Er lernt und genießt zugleich ein Kunstwerk. Er kann intensiv lesen oder einfach erst einmal durchblättern, um die Bilder auf sich wirken zu lassen. In einem Nachwort verweist der Autor darauf, dass dieser Band, der zudem ein Register und eine Literaturliste umfasst, eben keinen wissenschaftlichen Anspruch erhebt. Sein Werk ist allerdings mehr als nur eine spannende Reise um die Welt auf den Spuren der Baumvielfalt unseres Planeten. Drori, der den Lesern den Besuch von botanischen Gärten ans Herz legt, hat damit ein eindrucksvolles Plädoyer für den Schutz und Erhalt unserer Natur verfasst. An vielen Stellen schreibt er, dass Arten bedroht sind, dass der Mensch zur Rettung besonders aktiv werden muss. „In 80 Bäumen um die Welt“ ist ein wundervolles Buch für die ganze Familie, um eben Jung und Alt für die Faszination, die von Bäumen ausgeht, zu sensibilisieren.


Jonathan Drori: „In 80 Bäumen um die Welt“, erschienen im Laurence King Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Eschenhagen und Ulrich Korn; 256 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

5 Gedanken zu „Jonathan Drori „In 80 Bäumen um die Welt““

  1. Liebe Constanze, welch schöne Vorstellung, besonders der erste Absatz hat mir gefallen. Eines der großen Dramen unserer Zeit ist, dass viel zu viele Menschen die Bäume nicht mehr wertschätzen, ihre Bedeutung nicht einmal mehr erahnen. Und Bäume können so viel Kraft schenken, beruhigen, gerade in emotional turbulenten Zeiten. Auf dieses Buch, wäre ich ohne Dich wahrscheinlich nicht aufmerksam geworden. Auch hier noch einmal liebe Grüße

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