Carl Nixon – „Kerbholz“

„Zum Ende hin verlangsamt sich alles.“

Ihr Neuanfang sollte in eine furchtbare Tragödie führen. Wenige Tage nach der Ankunft in Neuseeland, wo John Chamberlain einen neuen Job beginnen soll, verunglückt die sechsköpfige Familie aus Großbritannien. An der dünn besiedelten Westküste stürzt sie Anfang April 1978 mit dem Auto den Abhang hinunter in die Tiefe. Nur die drei älteren Kinder auf der Rückbank überleben das Unglück. Doch ihre Rettung wird zu einem jahrelangen Martyrium. Mit „Kerbholz“ erzählt der neuseeländische Schriftsteller Carl Nixon eine düstere Coming-of-Age-Geschichte inmitten einer ganz speziellen Kulisse.

Im Hinterland – Ohne Strom, ohne Telefon

Für viele zählt Neuseeland auf der anderen Seite des Globus wohl zu einem Traumziel. Für Maurice, Katherine und Tommy wird der Inselstaat indes zur Hölle. Die Kinder zwischen sieben und 13 Jahre alt werden mit dem Tod ihrer Eltern und ihrer jüngsten Schwester konfrontiert, darüber hinaus müssen sie die ersten Tagen schwer verletzt und traumatisiert in der Wildnis überstehen. Sie werden von Peters gefunden, der mit seiner Frau Martha eine Farm im Hinterland führt, mehrere Kilometer von einer Siedlung oder einer anderen Farm entfernt. Hier gibt es keinen Strom, kein Telefon, kein fließendes Wasser. Alles, was sie brauchen, bauen sie selbst an oder geben ihnen die Tiere, die sie halten oder jagen.

Für die tägliche harte Arbeit sind die Kinder willkommene Helfer, billige Sklaven. Während Kate auf der Farm anpacken muss, kommt ihr älterer Bruder Maurice zu dem gewalttätigen Peters. Tommy, der jüngste Bruder, ist seit dem schrecklichen Unfall körperlich wie mental gezeichnet, er lebt in seiner eigenen Welt und ist für das Farmerspaar eher ein Bein am Klotz. Die Zeit vergeht – ohne Höhepunkte wie Geburtstagsfeiern, Weihnachten oder Ostern. Jedes der älteren Kinder findet seinen Weg, mit der Situation fern der Heimat und ohne Eltern umzugehen. Katherine arrangiert sich zunehmend mit den rauen Verhältnissen und wird wie eine Tochter für Martha, die ihr Wissen an das Mädchen weitergibt, während ihr Bruder die Erinnerungen an England hochhält und seine Flucht plant, was die Beziehung der Geschwister auf die Probe stellt. Maurice einzige Freude sind die Bienen, um die er sich kümmert.

„Trotz ihrer größten Anstrengungen würden die Verschwundenen verschwunden bleiben. Bei diesem Gedanken fühlte sie sich plötzlich ganz leicht, als würden ihre Füße die Erde verlassen, und sie würde durch die Äste emporsteigen, bis sie schließlich hoch über dem Tal schwebte und von oben hinuntersah.“

Beide ahnen nicht, dass mehrere Tausend Kilometer entfernt ihre Tante Suzanne sich entscheidet, ihre Schwester und deren Familie zu suchen. Jahre gehen ins Land. Mehrere Reisen führen Suzanne nach Neuseeland, wo sie den Vermissten näher kommt, als gedacht. Erst später weiß sie, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Sie erhält ein Teil der Überreste eines Familienmitglieds aus Neuseeland überführt – samt einem besonderen Gegenstand, einem Kerbholz.

Alte historische Methode

Das Holzstück gibt dem Roman auch seinen Titel, der zugleich auf eine spezielle historische Praxis verweist, die die Geschwister kennenlernen. Denn sie müssen für Kost und Logis arbeiten, ihre Schulden mit Arbeit ableisten. Ein Kerbholz, auch Kerbstock oder Zählstab genannt, war vor allem im Mittelalter, aber noch weit bis in die Neuzeit eine Methode, um Schuldverhältnisse zu dokumentieren. Ein Brettchen oder ein Stock wurde mit Symbolen markiert und anschließend längs gespalten oder geteilt, so dass Schuldner und Gläubiger die an der Trennstelle zusammenpassenden Einritzungen auf ihrer Stockhälfte dokumentiert fanden. Meist erhielt der Gläubiger das längere Teilstück.

„Jeder Ort, den sie erreichten, schien erst durch ihre Ankunft ins Leben gerufen zu werden. Und sobald sie weitergingen, war dieser Teil des Waldes auch schon wieder aus der Welt verschwunden.“

Nixon, 1967 in Christchurch, Neuseeland, geboren, hat mit seinen Werken schon einige Preise gewinnen können. In Deutschland erscheint bereits sein erster Roman „Rocking Horse Road“ in Übersetzung. Es folgten die Romane „Settlers Creek“ und „Lucky Newman“ sowie der Lyrikband „Fish ’n‘ Chip Shop Song“. Der Neuseeländer verfasste zudem Theaterstücke und Kurzgeschichten. Dabei stehen immer wieder sein Heimatland, dessen gewaltige Natur und die Bewohner im Mittelpunkt.

Hier ist es nun die Wildnis der schroffen Westküste der Südinsel Neuseelands, die Nixon sehr bildhaft und atmosphärisch vermittelt und in herben Kontrast zur Heimat der Geschwister setzt, in der alles seine überschaubare Ordnung hat. Der Roman bereitet durch seine zwei Handlungsstränge und die Handlungszeit, die sich über mehr als 30 Jahre erstreckt, einen nervenaufreibenden Spannungsbogen. Und die Story ist wahrlich nichts für schwache Nerven. Es geht um Tod, ums Überleben, um körperliche wie seelische Gewalt. Mittendrin Heranwachsende, die völlig aus ihrem Leben herausgerissen und als Gefangene gehalten werden. Am Ende wird die Familie weiter reduziert, folgt Erschütterung auf Erschütterung.


Carl Nixon: „Kerbholz“, erschienen im CulturBooks Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Jan Karsten; 304 Seiten, 24 Euro

Foto von Tonia Kraakman auf Unsplash

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