„Alles existiert, um uns etwas zu lehren.“
51 Jahre hat es gebraucht, bis diesem Roman die Reise über den großen Teich gelungen ist. Mehr als ein halbes Jahrhundert an Zeit, die manchem Menschen nicht vergönnt ist. Doch meisterhafte Literatur ist zeitlos, heißt es. Wenngleich man eben in manchen Fällen warten muss, bis sie uns erreicht. 1973 erschien das Debüt „State of Grace“ der damals 29-jährigen US-amerikanischen Schriftstellerin Joy Williams, die in ihrer Heimat mittlerweile als Kultautorin gilt, aber hierzulande erst entdeckt werden muss.
Erstmals in deutscher Übersetzung
Ein Jahr nach dem Erzählband „Stories“ erscheint nun auch ihr erster Roman erstmals in deutscher Übersetzung. Der dtv Verlagsgesellschaft, die Williams wiederentdeckt hatte, sei Dank. „In der Gnade“ ist allerdings ein Buch, das dem Leser einen Zugang nicht unbedingt leicht macht und mit dramatischen wie absonderlichen Ereignissen aufwartet. Es sollte deshalb nicht im Strandkorb zwischen Sandburgen und lachenden Kindern oder in den letzten Minuten vor dem Einschlafen gelesen werden, wenn das Erfassen eines ausgeklügelt gestalteten Textes nahezu unmöglich scheint.

Im Zentrum der Handlung steht Kate. Mit ihrem Mann Grady wohnt sie in einem Wohnwagen inmitten eines Waldes nicht weit vom Golf von Mexico. Die junge Frau, die ein Kind erwartet, war vor dem Einfluss ihres dominanten Vaters Jason Jackson, eines Predigers, der sich als gottgleich ansieht, geflohen. Nach dem tragischen Tod ihrer älteren Schwester und der schwangeren Mutter überschüttet er Kate, die damals noch ein Kind war, mit Zuneigung. Allerdings immer mit dem Ziel, sie nach seinen religiösen Vorstellungen charakterlich zu formen. Nach ihrer Flucht von der heimischen Insel im Atlantik in den Süden des Landes besucht er sie ein letztes Mal, um sie zu überreden, mit ihm zurückzukehren. Doch kurz darauf lernt sie Grady kennen – nach einer rastlosen wie ausschweifenden Zeit der Freiheit, in der sie als Kellnerin jobbt. Was ihr einst als junges Mädchen geschehen ist – zweimal sagt die Heldin an ihren Partner gerichtet: „Ich möchte Dir von Vater erzählen – bleibt ihr Geheimnis. Nie wird sie Grady über ihre Erfahrungen berichten können.
„Aber wir sind alle wie Touristen in diesem Leben, wir lassen uns viel zu leicht täuschen.“
Williams‘ Erstling entzieht sich jeglicher Lesegewohnheit. In dem dreiteiligen Roman nimmt kein roter Faden den Leser an die Hand. Es gibt Rückblicke und Perspektivwechsel. Kate übernimmt zeitweise die Rolle der Ich-Erzählerin. Ihr Bericht ist gefüllt mit Erinnerungen, Andeutungen, Wunschvorstellungen und abstrusen Ereignissen. Wer allerdings den Zugang findet, Freude hat, die einzelnen Fäden und Teile zusammenzufügen, wird sich der Story indes nicht entziehen können, die nur von wenigen, aber speziellen Figuren getragen wird. Wie Corinthian Brown, ein Freund Kates, der nachts die Tiere eines kleinen heruntergekommenen Zoos betreut. Überhaupt Tiere. Sie finden sich zahlreich. Oft auch als Symbole und Träger von Botschaften. Dass sie dabei oft leblos beschrieben werden, tot am Wegesrand liegen, verleiht dem an Bibelzitaten reichen Roman darüber hinaus eine düstere Stimmung.
Auf der Liste der Großen autorinnen
Williams, 1944 in Chelmsford/Massachusetts geboren, studierte an der Seite späterer berühmter Kollegen wie Richard Yates (1926-1992) und Raymond Carver (1938-1988) an der Universität von Iowa und lehrte an mehreren Universitäten des Landes Kreatives Schreiben. Sie verfasste Romane, Essays und Reiseführer. Einen Namen hat sie sich jedoch hauptsächlich mit Kurzgeschichten gemacht. In ihrer Heimat reiht man Williams ein in die Liste der Großen ihrer Zunft. Ihr kürzlich auf Deutsch erschienener Erzählband „Stories“ vereint insgesamt 13 Texte aus einer vier Jahrzehnte währenden Schaffensphase von 1974 bis 2014. Umwelt und Klima, der Mensch und die Natur sind ihr wichtige Themen, die sich durch ihre Texte ziehen.
„Eine schreckliche Schwäche, die Erinnerung. Erinnerungen sind doch nur ein Loch, das einen Mangel füllt.“
Nun also ihr Debüt, das einst für den National Book Award nominiert war und mehr als 50 Jahre nach seinem Erscheinen (wieder)entdeckt werden kann und sollte, obwohl es eben weder leichte Kost bietet, noch die oft gewünschte Identifizierung möglich macht. Kate und ihr Schicksal bleiben dem Inneren des Lesers eher fern. Der intensive wie sprachlich außergewöhnliche Roman, in dem sich ein erinnerungswürdiges Zitat ans nächste reiht, möchte vielleicht nicht erster Linie erschüttern, sondern Mechanismen aufzeigen und der Frage nach der persönlichen Freiheit nachgehen. Das Ende lässt einen desillusioniert zurück. Manche Bindungen, und sind sie noch so unheilvoll, bleiben mächtig.
Joy Williams: „In der Gnade“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, in der Übersetzung aus dem Englischen von Julia Wolf; 336 Seiten, 24 Euro
Foto von Tyler Casey auf Unsplash


Habe das Buch bereits gelesen. Zunächst ratlos, las ich weiter und weiter, geriet in einen regelrechten Sog. Ich kann nicht genau sagen worauf ich so ansprach. War es die Sprache? Die Perspektivenwechsel? Oder einfach das facettenreiche Romangewebe. Toll, eine echte Bereicherung der derzeitigen literarischen Angebots. Werde mir daraufhin auch die ‚Stories‘ kaufen. Vielen Dank für diese aktuelle Besprechung.
Silvia Falk
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So ging es mir auch, liebe Silvia. Ich wollte das Buch schon zur Seite legen, habe mich gott sei Dank dagegen entschieden und es bis zum Schluss gelesen. Danke für Deinen Kommentar, es freut mich, dass Dir meine Besprechung gefallen hat. Viele Grüße
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mich hat das sehr neugierig gemacht und ich werde es wohl lesen!
Elvira
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