Silke von Bremen – „Stumme Zeit“

„Die Welt, wie er sie sich erklärt hatte, stimmte auf einmal nicht mehr.“ 

Sehnsuchtsort, umgeben vom Wasser der Nordsee, breite Strände, Dünen, Wiesen und Heide prägen die Landschaft. Mehr als 900.000 Touristen zieht es jedes Jahr auf Sylt, Deutschlands nördlichster Insel, die, von oben betrachtet, an eine Tänzerin erinnert. Mit ihrem Debüt „Stumme Zeit“ führt die Autorin und Heimatforscherin Silke von Bremen in jene Zeit, als der Massentourismus seinen Anfang nahm, sowie in die bedrückende Geschichte zweier Familien, die auf dem Eiland lange Zeit verschwiegen wurden.

Alte Erinnerungen sind Auslöser

Helma und Rudi kennen ihre Mütter nicht. Sie wissen wenig über sie. Seite an Seite sind sie als Nachbarskinder ohne Mutter groß geworden. Harte Zeiten herrschten, in denen Kinder schnell erwachsen werden mussten. Nun sind sie mittlerweile in ihren Vierzigern, noch immer eng miteinander befreundet und noch immer daheim auf ihrer Insel. Rudis Mutter Lena verschwand plötzlich, als er noch klein war. Helmas Mutter Karen starb kurz nach ihrer Geburt. Über die Ereignisse im Jahr 1944, die in Rückblicken geschildert wird, hat sich ein Mantel des Schweigens gelegt.

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Als Helma jedoch nach dem Tod ihres Vaters, der als SS-Mitglied an der Ostfront war und sich nach dem Krieg in seine Verbitterung zurückgezogen hat, auf Erinnerungen ihrer Mutter stößt, beginnt sie in der Geschichte zu graben. Und nicht nur sie. Auch Rudi und später seine Geschwister Bendine und Heinz, die wieder zusammenfinden, als ihr Vater, der seiner Frau noch immer nachtrauert, einen Schlaganfall erleidet, treibt die Familienhistorie um. Sie verschwand, als er einst im Krieg war.

Silke von Bremen führt in die frühen 1970er-Jahre. Windige Geschäftemacher wie Hauke Henningsen kaufen alte Häuser oder historische Gegenstände für den Antiquitätenmarkt auf. Auch die Einwohner haben erkannt, dass sich mit Vermietungen gutes Geld verdienen lässt. Selbst Helma holt sich die Feriengäste auf den familieneigenen Hof. Das Leben der Einheimischen verändert sich – von Grund auf und für immer. Alteingesessene Familien verlassen die Insel, der Müll und die Apartment-Flut nehmen zu, der Autoverkehr wächst. Die Insel wird ausgenommen wie eine Weihnachtsgans. Einstige Traditionen, die von der Besonderheit der Menschen zeugen, geraten zunehmend in Vergessenheit.

„Die Gerüchte im Dorf, wenn die Landvermesser Grenzsteine auf den Grundstücken einschlugen, waren die Annoncen, die den Wegzug von alten Familien ankündigten, die über Jahrhunderte das Leben im Dorf geprägt haben.“

„Stumme Zeit“ ist ein Roman über Veränderungen, die Insel und wie ihre Menschen beeinflussen. So auch Helma und Rudi, die mit dem Schicksal ihrer Mütter ringen und deren Leben auch auf andere Weise auf den Kopf gestellt werden. So tritt Dietrich in das Leben der Heldin. Der Arzt kehrte nach Sylt zurück und war Helmas einstige Jugendliebe. Beide finden wieder zueinander und lassen ihre Gefühle füreinander zu. Zeitgleich treibt ein Feuerteufel sein Unwesen und sorgt für Angst und Schrecken – und Rudi wird verdächtigt. Trotz des idyllischen Schauplatzes mit seinen urigen Orten wie das Gasthaus „Tante Gerda“ liegt da sehr viel Spannung in der Geschichte.

„Und so lebten sie ein recht stilles Leben, verstanden sich ohne Worte, aber vielleicht waren sie ihnen auch einfach nur abhandengekommen.“

Silke von Bremen, Jahrgang 1959, wuchs im Alten Land auf. Seit mittlerweile mehr als 30 Jahren lebt sie auf Sylt. Intensiv hat sie sich mit der Geschichte der Insel beschäftigt. 2022 erschien ihr Buch „Gebrauchsanweisung für Sylt“ (Piper). Sie engagiert sich auf vielfältige Weise für das gesellschaftliche Leben. So setzt sie sich im Netzwerk „Merret reicht’s – aus Liebe zu Sylt“ für bezahlbaren Wohnraum auf der Insel ein. Außerdem gründete sie den Arbeitskreis „Erinnerungskultur Nationalsozialismus auf Sylt“.

Authentische Figuren

Alle Protagonisten, mit sehr viel Hingabe gezeichnet, wirken authentisch, manche Figur, selbst in der zweiten Reihe stehend, sticht hervor. Wie Alwine, die damals aus den Ostgebieten geflohen und nach Sylt gekommen war und hier blieb. Für Helma wurde die Frau, die ihre eigene Familie in den Wirren des Krieges und der Flucht verloren hatte und auf dem Hof der Petersen arbeitete, zur wichtigsten Bezugsperson, zur geliebten „Tante“.

Trotz aller Dunkelheit und des verhängnisvollen Schweigens als Leitthema trägt dieser Roman viel Lebenskraft und Helligkeit in sich. Von Bremen hält in ihrem Debüt eine erstaunliche Balance zwischen den Stimmungen, ohne dass das Ernste wie Berührende überdeckt wird, wenngleich die Schilderungen der neu erwachten Liebe zwischen Helma und Dietrich sowie die Annäherung von Rudi und seinen Geschwister etwas zu harmonisch erscheinen. „Stumme Zeit“ enthält viel Geschichte und viele Geschichten. Der Roman, vielschichtig, berührend und darüber hinaus sehr schön gestaltet, erinnert an eine dunkle Zeit voller Gewalt und Menschenverachtung, der viele zum Opfer gefallen sind, und beschreibt auf wunderbare Weise, wie wichtig und prägend für Menschen dieses eine Zuhause ist.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Kulturbowle“ und „Mona Lisa Blog


Silke von Bremen: „Stumme Zeit„, erschienen im Dörlemann Verlag; 400 Seiten, 25 Euro

Foto von Marvin Radke auf Unsplash

3 Kommentare zu „Silke von Bremen – „Stumme Zeit“

  1. Liebe Constanze, vielen herzlichen Dank für die Verlinkung. Ich habe „Stumme Zeit“ auch sehr gerne gelesen. Es zeigt eine andere Seite von Sylt und steht zugleich für einen Umgang mit der Geschichte, der überall in Deutschland wohl ähnlich zu beobachten war. Herzliche Grüße und schöne Osterfeiertage! Barbara

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