Gianni Sola – „Bei Licht ist alles zerbrechlich“

„Wenn wir unser Schicksal nicht ändern können, sind wir nichts.“

Die Welt des Jungen ist überschaubar. Vater, Mutter, Schwester, das kleine Dorf, die Schweine, die Davide schon als Kind hüten muss. In die Schule geht er nicht, wie sein Vater kann das Kind nicht lesen und schreiben. Es herrschen dunkle Zeiten in Italien des Jahres 1942. Es ist Krieg, der Duce regiert. Eines Tages kommt eine Gruppe Juden, die zwangsumgesiedelt werden sollen, nach Tora e Piccilli. Auch Nicolas, der das Leben von Davide und seiner Freundin Teresa fortan für immer verändern wird. In seinem Roman „Bei Licht ist alles zerbrechlich“ erzählt der italienische Autor Gianni Solla von Liebe und Freundschaft, vor allem jedoch davon, wenn einer das Leben eines anderen führt.

Der Vater ein Faschist

Davide ist sofort fasziniert von Nicolas, wobei ihre Freundschaft zuerst keinen guten Anfang nimmt. Mit einer Gruppe Jugendlicher greift Davide den Jungen und dessen Vater an. Die Juden, in Propaganda-Schriften verspottet, werden als Fremdkörper angesehen. Viele im Dorf sind Faschisten, auch Davides Vater. In der Küche der Familie hängt ein Zeitungsfoto Mussolinis neben einem Bild des Heiligsten Herzens Jesu. Doch Davide lernt Nicolas schließlich kennen, ist hin und hergerissen zwischen dem jüdischen Jungen und der Dorfjugend, der er so gern angehören will. Denn viele Freunde hat der gehbehinderte Sohn eines armen Schweinehirten nicht.

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Davide, Nicolas und Teresa, Tochter des Seilers, werden schließlich unzertrennlich. Zusammen streifen sie durch die Gegend. Nicolas‘ Vater lehrt Davide Lesen und Schreiben, zum Ärger des Schweinehirten, der seinem Sohn den Umgang mit den Juden verbietet und ihn verprügelt, als der sich widersetzt. Das Lesen und Schreiben öffnet ihm die Tür zu einer anderen Welt. Zunehmend entfremdet sich Davide von seiner Familie und empfindet für Teresa tiefere Gefühle.

dramatisches Ende

Doch mit dem Sturz Mussolinis ändert sich die politische Lage – selbst in einem kleinen Dorf wie Tora in der Provinz Caserta. Die Deutschen sind nicht mehr Italiens Verbündete, sie werden zu Feinden, die die Juden verfolgen. Als Nicolas angeschossen wird, bittet Teresa Davide, den gemeinsamen Freund heimlich zu verstecken. Doch der ist eines Tages verschwunden, Davide verlässt voller Schuldgefühle sein Heimatdorf.

Daraufhin strandet er in Neapel, wo er Bombenangriffe und den Ausbruch des Vesuvs erlebt. Jahre gehen ins Land, der Krieg ist beendet. Aus dem Außenseiter, der ob seiner Behinderung und seines Dialektes belächelt wird und sich mit Hilfsjobs über Wasser hält, wird ein gefragter Schauspieler. Eines Tages erfährt er von der Existenz einer jüdischen Theatergruppe, deren Mitglieder einst deportiert worden waren. Davide will Nicolas finden, den er wie Teresa nie vergessen konnte. Eine Frau in Rom gibt ihm schließlich den entscheidenden Hinweis, wo sich der Freund mittlerweile aufhält. An dieser Stelle soll nicht verraten werden, wie sich die Handlung vor allem im letzten Abschnitt des insgesamt dreiteiligen Roman zuspitzt. Nur so viel: Es wird dramatisch und sehr emotional, wobei jeder aus dem heutigen Wissen heraus schon ahnt, was ein Jude, der den Holocaust überstanden hat, für ein Grauen erleiden musste.

„Wird ein Wort sichtbar, ist ein Ding in der Welt.“

Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern begann die systematische jüdische Verfolgung erst mit der deutschen Besatzung von Nord- und Mittelitalien, Süditalien hatten die Alliierten eingenommen. Obwohl Mussolini bereits 1938 Rassengesetze erlassen hatte, gab es bis Herbst 1943 weder Internierungen noch eine ausufernde Gewalt gegen Juden. Noch 1943 gelingt einigen die rettende Flucht. Rund 8.500 Juden gelang diese indes nicht, sie wurden deportiert, 7.800 von ihnen wurden in Vernichtungslagern ermordet.

Die Geschichte des Landes und seiner Menschen, Krieg und Faschismus sind noch immer die großen Themen in der Literatur. Italien ist Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse und wird seine Literatur unter dem Motto „Verwurzelt in der Zukunft“ vom 16. bis 20. Oktober präsentieren. Mehr als 150 Neuerscheinungen aus dem Italienischen sind im Zuge dessen in deutscher Sprache erschienen. Wie im Fall des Klassikers „La Storia“ von Elsa Morante inspirierte auch Solla eine wahre Geschichte, angesiedelt im Ghetto Neapels, zu seinem Roman, der in zwölf Sprachen veröffentlicht wird.

„Schreiben hatte etwas mit dem Körper zu tun, es war, wie die Wassereimer zu tragen oder den Karren zum Markt zu schieben.“

Und wie Morante setzt Solla auf eine besondere Nähe zu den Figuren – und eindrückliche Emotionen, erzählt er doch wie seine Landsmännin eine ergreifende Geschichte, in der jedoch nicht eine Mutter und ihre beiden Söhne, sondern drei Jugendliche im Fokus stehen, deren Leben eng miteinander verwoben sind. Erzählt wird die Handlung, die sich über etwas mehr als ein Jahrzehnt erstreckt, von Davide, der mit Hilfe der Sprache und der Bücher aus seiner kleinen Welt ausbrechen kann und wohl letztlich das kreative Leben seines Freundes, der schon als Jugendlicher aus Shakespeares Tragödie „Richard III.“ zitierte, führen kann und dem dieses Leben nicht vergönnt ist. Davide und Nicolas tauschen quasi die „Rollen“.

„Bei Licht ist alles zerbrechlich“ erzählt voller Poesie von der Freundschaft und Liebe in einer fragilen Dreiecksbeziehung und von der Faszination für das geschriebene Wort, für die Magie der Literatur, die die vielen Facetten des Lebens und fremde Welten erschließt. Ein Buch, das tief bewegt und lange nachwirkt.

Eine weitere, sehr lesenswerte Besprechung gibt es auf dem Blog „Peter liest“.


Gianni Solla: „Bei Licht ist alles zerbrechlich“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Italienischen von Verena von Koskull; 320 Seiten, 24 Euro

Foto von Dean Milenkovic auf Unsplash

3 Kommentare zu „Gianni Sola – „Bei Licht ist alles zerbrechlich“

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