„Er war schon an einigen Orten gewesen, aber nirgendwo zu Haus.“
Ein Dorf irgendwo in Süddeutschland. Mit Häusern, Höfen, Menschen und Tieren. Mittendrin Richard. Der Achtjährige wächst bei seinem Onkel auf. Seine Eltern kennt er nicht. Der Junge wird eher geduldet, als geliebt. Der zweite große Krieg ist nur wenige Jahre vorbei. Gewalt und Kälte, aber auch Herkunft und Identität sind die großen Themen in dem schmalen, aber eindrücklichen Debüt „Abseits“ des Journalisten und Autors Ulrich Rüdenauer.
Für die meisten unsichtbar
Der Titel lässt sowohl an die Situation des jungen Helden als auch an Fußball, was im Verlauf des Romans eine wichtige Rolle spielen wird, denken. Richard, ein Tagträumer, bleibt für viele der Einwohner unsichtbar, er wird kaum gesehen. Auf dem Hof seines Onkels, dem Bruder der Mutter, ist er ein zusätzlicher Esser. Zuneigung erfährt er von der Familie kaum. Er gilt als Taugenichts, wird auch von seinen Cousins Anton und Paul und den beiden Cousinen Elisabeth und Maria belächelt. Für die Feldarbeit holt der Onkel die Kinder aus der Schule. Es herrschen raue Zeiten. Der Krieg steckt noch in den Köpfen. Kirche und Religion prägen das Leben, ohne jedoch für mehr Mitmenschlichkeit und eine gewisse Zuversicht sorgen zu können. Der Pfarrer ist als Prügelmeister bekannt.

Einzig zum Großvater hat Richard ein inniges Verhältnis, zugleich ist der Alte, versehrt vom Ersten Weltkrieg, ein Mentor, der ihm viel von der Natur erzählt. Der Junge streift allein durch die Gegend, durch Wälder, über Wiesen. Die Landschaft ist Trostspenderin und Zuhause zugleich. Hier kann er der sein, der er sein will. Die Fragen, die ihm stets und ständig durch den kleinen Kopf schwirren, bleiben jedoch: Wo komme ich her, wo sind meine Wurzeln? Was mache ich hier?
Schuldgefühle nach tragischem Unfall
Mehrere Ereignisse stellen Richards Leben auf den Kopf. Bei einem schrecklichen Unfall mit einem Pferd verletzt sich der Onkel schwer, der Junge gibt sich die Schuld daran. Ihn plagen daraufhin Alpträume. Zugleich beschäftigen ihn alte Fotos, die er auf dem Kleiderschrank findet, und das Geheimnis um Adam, der im Werkzeugladen von Herrn Adler arbeitet. Und dann stirbt auch noch die alte Lisbeth, die so vieles erlebt hat.
„Mit den Sätzen wurde die Welt gelesen, und die Welt selbst war vielleicht nicht zu verstehen, aber zumindest zu sehen. Es gab Geheimnisse und Rätsel. Richard selbst war eines, denn er gehörte niemandem und nicht einmal sich selbst, oder zumindest hatte er sich noch nicht gefunden, und er wusste nicht, wer er war und einmal sein könnte.“
„Abseits“ ist ein Roman der Gegensätze, der still, aber zugleich auch dramatisch ist, von einer trostlosen wie traurigen Kindheit erzählt, aber wiederum eine stille Hoffnung in sich trägt. Es ist das Jahr der Fußball-WM in Bern. Im Gasthaus verfolgen die Einwohner die Spiele, gemeinsam fiebern alle mit der deutschen Mannschaft, während Richard schließlich die Bekanntschaft mit dem Fußballer Charly macht, der ihm von seinem Leben und seinem Weg erzählt und dem Jungen einen wichtigen Rat gibt. Wer sich die Mühe macht und Charly und Fußball-WM in Bern einmal googelt, wird eine überraschende Entdeckung machen.
Bildhaft und mitfühlend
Der Zauber des Romans liegt nicht nur in seiner berührenden Geschichte mit einem jugendlichen Helden, der einem ans Herz wächst. Rüdenauer findet eine sinnliche und erhabene Sprache, die sowohl die Geschehnisse im Dorf mit seiner archaischen Welt bildhaft als auch die Gefühle und Gedanken des Jungen präzise und mitfühlend schildert. Der Erzähler kennt den Jungen, schildert dessen Geschichte rückblickend aus dessen Erinnerungen. Der Verdacht liege nah, dass der Autor womöglich die Erlebnisse seines Vaters oder eines anderen männlichen Verwandten verarbeitet.
Rüdenauer, 1971 im baden-württembergischen Bad Mergentheim geboren, studierte Germanistik und Politikwissenschaften und arbeitete als Journalist sowie Literatur- und Musikkritiker für Presse und Rundfunk. Mehrere Jahre lang gehörte er der Jury zur SWR-Bestenliste an. Zudem kuratiert er seit fast 20 Jahren die Veranstaltungsreihe „Literatur im Schloss“ im Residenzschloss Mergentheim und trat auch als Herausgeber in Erscheinung, so unter anderem bei dem Band „Berichterstatter des Tages: Briefwechsel zwischen Peter Handke und Hermann Lenz“ (Insel Verlag). „Abseits“ ist nun sein erster Roman.
Ein Roman, dem man viele Leser wünscht, die wiederum anderen dieses Buch ans Herz legen. Stille Bücher haben es nicht leicht, aber sie sind letztlich jene, die oft in besonderer Erinnerung bleiben.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „BooksterHRO“.
Ulrich Rüdenauer: „Abseits“, erschienen im Berenberg Verlag, 192 Seiten, 22 Euro
Foto von Markus Spiske auf Unsplash


Eine einfühlsame Rezension, der man viele Leser wünscht…
LikeGefällt 1 Person
Vielen Dank für den lobenden Kommentar und viele Grüße
LikeGefällt 2 Personen