„Die große Ozeanmaschine trieb die Welt an und entschied über die Zukunft allen Lebens.“
Diesmal geht es tief hinab. Unter den Meeresspiegel, in die weite Welt der Ozeane, wo auch die eindrucksvollen Mantas leben, die Lieblingstiere der Ozeanologin, Taucherin und Umweltschützerin Evie Beaulieu. Sie ist eine der vier Hauptfiguren im neuen Roman „Das große Spiel“ des US-amerikanischen Schriftstellers Richard Powers, der darin einen ganzen Kosmos an Themen und die großen Fragen unserer Zeit verarbeitet.
Zwei FReunde werden zu Gegnern
Wo beginnen mit seiner Geschichte, die auf dem Land und im Meer verortet ist, von uralten Mythen und der modernen Welt erzählt und die Erlebnisse von vier unterschiedlichen Menschen schildert? Vielleicht mit zwei Freunden, die jedoch später zu erbitterten Gegnern werden. Rafi Young und Todd Keane lernen sich auf einer Jesuitenschule in Chicago kennen. Rafi ist schwarz und hochbegabt, er stammt aus prekären Verhältnissen. Sein Vater führt ihn in die Welt der Bücher ein. Todds Vater ist hingegen Broker, die Familie vermögend. Er programmiert schon in jungen Jahren und holt Rafi in den schuleigenen Schachclub. Wie besessen spielen sie gegeneinander, später beschäftigen sie sich fast fanatisch mit dem Brettspiel Go. Sie diskutieren über das Leben und den Tod.

Ihre Wege trennen sich jedoch allmählich, als sie studieren, Rafi die Künstlerin Ina kennen- und auch lieben lernt. Während Todd mit dem Programmieren und später mit einem Social-Media-Portal zu einem der reichsten Männer wird, scheitert Rafi als Autor. Wir springen einige Tausend Kilometer auf ein Atoll im Pazifik. Die Insel Makatea gehört zum französisch-polynesischen Tuamotu-Archipel. Auf dem Eiland leben nur noch rund 80 Menschen, darunter Rafi und Ina, ihre beiden Kinder Afa und Hariti sowie die Ozeanologin Evie, die, mittlerweile betagt, sich nicht von ihrem hohen Alter abhalten lässt und bei ihren regelmäßigen Tauchgängen die bunte Unterwasserwelt des Ozeans erforscht. Dort, wo einst das Leben seinen Anfang nahm, dort, wo noch die meisten unentdeckten Tierarten leben.
Raubbau und Plastikmüll
Wurde Makatea einst für den Abbau von Phosphat ausgebeutet, ist die Insel, an dessen Ufern der Plastikmüll der Welt strandet, nunmehr das touristische Ziel von ambitionierten Kletterern. Bis sich ein Investor mit hochfliegenden Plänen für ein Wohnprojekt am Meer meldet und die Bewohner über ihre Zukunft entscheiden müssen. Soll alles so bleiben oder wird es Zeit für Veränderung und mehr Wohlstand?
„Das Leben war nicht zu fassen, es entzog sich sogar der Vorstellungskraft, die es selbst erschaffen hatte. Kein Landbewohnergehirn konnte das Experiment in seinem vollen Ausmaß begreifen.“
Erzählt wird die komplexe Geschichte des Romans in verschiedenen Handlungssträngen und durch mehrere Stimmen, darunter auch Todd, der, mittlerweile schwer erkrankt, sein und Rafis Leben einer KI erzählt. Für die Figur der Wissenschaftlerin Evie steht die Biografie der amerikanischen Ozeanografin und Umweltaktivistin Sylvia Earle Pate, die sich für den Schutz der Meere einsetzt. 1970 leitete sie das erste Frauenteam des Unterwasserprojekts „Tektite“, bei dem die Aquanautinnen mehrere Tage unter Wasser forschten. 1979 stellte Earle mit einem Tauchgang zum Meeresgrund in 381 Meter Tiefe einen Weltrekord auf.

Die Liebe zum Meer teilt Powers mit seinen Hauptfiguren, selbst der Tycoon Todd erinnert sich am Ende seines Lebens daran, dass er als Junge Ozeanograf werden wollte. 1957 in Evanston, Illinois, geboren, studierte Powers Literaturwissenschaften, um später ein Studium der Physik aufzunehmen. In seinen Romanen nimmt die Wissenschaft stets eine wichtige Rolle ein. Immer verwoben mit aktuellen Problemen und Erscheinungen, politischer wie gesellschaftlicher Art. Für sein Buch „Die Wurzeln des Lebens“ erhielt 2019 Powers den renommierten Pulitzer-Preis. Zwei Jahre später gelangt dem US-Amerikaner mit seinem Roman „Erstaunen“ den Sprung auf die Shortlist des britischen Booker Prize.
„Der Ozean breitete sich ewig aus, experimentierte, spielte mit der Form, und jeder Teil davon kommunizierte unablässig über das, was vor sich ging. So wie sie. Wie jedes Lebewesen, das aus dem Wasser stammte. Also alle.“
Ein fast kindliches Staunen und Erstaunen entsteht während der Lektüre dieses klugen und berührenden Buches, das eine Reihe Literaturverweise enthält, viele Tierarten benennt und beeindruckende Natur-Szenerien beschreibt. Auf nahezu spielerische Weise – Passagen zum Spielen als Methode des Lernens und der Entwicklung finden sich zahlreich – vermittelt Powers umfangreiches Wissen und widmet sich Themen wie Leben und Tod, Natur und Klima und deren Schutz sowie die Rolle von KI und Social Media. Letztlich stellt der Roman eine große Frage: Was ist uns Menschen lieber – die reale Welt und damit die Natur mit all ihren Wesen und Erscheinungen oder eine künstliche Welt, die wir uns mittels KI oder Hologrammen irgendwann erschaffen, weil wir unsere Umwelt zerstört haben. Denn letztlich ist das Paradies von Makatea auch nur eine Vision.
Natur VS. Künstlichkeit
Powers Roman stellt indes nicht nur die Natur der Künstlichkeit sowie mittels der Hauptfiguren Todd und Rafi die Technik der Kunst gegenüber. Eine der großen Prinzipien der Natur ist die Endlichkeit, eine der größten Wünsche des Menschen die Unsterblichkeit. Auf die Frage, wie wir nach unserem Tod weiterleben, gibt der Roman eine Antwort: durch das Erzählen und Geschichten. Und darin liegt ein gewisser Trost.
Weitere Besprechungen auf den Blogs „Bücheratlas“, „Bookster HRO“ und „arcimboldis world“,
Richard Powers: „Das große Spiel“, erschienen im Penguin Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Eva Bonné; 512 Seiten, 26 Euro
Foto von Marc Guggenberger auf Pixabay


Die Artikel über „Zeichen & Zeiten“ regt zum Nachdenken an und beleuchtet, wie Symbole und Zeit unser Leben prägen. Die Verbindung zwischen kulturellen Zeichen und den Veränderungen in der Gesellschaft ist faszinierend. Es ist wichtig, diese Aspekte zu verstehen, um die Welt um uns herum besser zu interpretieren. Ein gelungener Beitrag!
https://beruki.by/
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