Samantha Harvey – „Umlaufbahnen“

„Nur ihre Füße, die über einem Kontinent baumeln, ihr linker Fuß verdeckt Frankreich, ihr rechter Deutschland. Die behandschuhte Hand verbirgt Westchina.“

In 400 Kilometern Höhe umkreist sie mit einer Geschwindigkeit von 28.000 Kilometern pro Stunde die Erde. 16-mal am Tag. Seit 1998 ist die Internationale Raumstation (ISS) da oben im All, manchmal von hier unten auch mit dem bloßen Augen zu erkennen. In ihrem Roman „Umlaufbahnen“ verlagert die britische Schriftstellerin Samantha Harvey den Fokus. Der Leser begleitet einen Tag von sechs Astronautinnen und Astronauten auf einer namenlosen Raumstation. Der Blick ist grandios und atemberaubend, die Auswirkungen sind prägend.

In 90 Minuten um die Erde

Seit mehr als 80 Tagen sind Anton, Chie, Roman, Shaun, Nell und Pietro an Bord. Gemeinsam bilden sie ein internationales Team. Ihr Aufenthalt wird neun Monate dauern. In dieser Zeit werden sie, der Schwerkraft ausgesetzt, Experimente und Beobachtungen durchführen, essen und schlafen, nach Draußen schauen. In rund 90 Minuten umfliegen sie einmal die Erde. Auf den ersten Blick ein immergleicher Alltag und Rhythmus.

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Die Sonne geht 16-mal auf und unter. Die Kontinente und Ozeane ziehen an ihnen vorbei. Städte leuchten in der Nacht. Polarlichter flimmern. Ein Taifun über Asien lässt Ungutes erahnen. Dieser Blick auf die Erde und in die Weite des Alls, wohin zur selben Zeit eine Mond-Mission gestartet ist, hat ein Pendant: den Blick nach innen, der vielgestaltig und vielstimmig ist.

Wir erfahren vom Leben der Astronautinnen und Astronauten auf engstem Raum: Wie sind sie an Bord gekommen, was war ihre Motivation, diese ungewöhnliche wie gefährliche Reise anzutreten, die nur wenige Menschen überhaupt erleben. Wen und was haben sie zurückgelassen. Nur wenige Dinge konnten die Besatzungsmitglieder mitnehmen. Roman hat einen Filzmond seines Sohnes als Glücksbringer dabei. Besonders berührend: Chiens Geschichte, die während der Zeit auf der ISS ihre Mutter verliert, die einst den Atombombenabwurf als Kleinkind überlebt hatte.

„(…) in dem Maße, in dem wir begreifen, dass das schwindelerregende Ausmaß unserer eigenen Nichtigkeit ein stürmisches und wellenumtostes Friedensangebot ist, verlieren wir Stück für Stück unsere Mitte.“

Harveys unvergleichlich poetisches Erzählen erinnert an ein Schwimmen oder Schweben in verschiedene Richtungen. Es gibt keinen klaren roten Faden. Auf Beschreibungen des Lebens in der Raumstation, die auch Weizen und Mäuse aufgenommen hat, folgen tiefgehende Reflexionen. Über das Wesen und die Zerstörungskraft des Menschen, der im Verhältnis zum All ein Nichts ist, im Kosmos ohne schützende Technik nicht überleben würde. Ein Außeneinsatz ist kein Spaziergang am Strand, jeder noch so kleine Fehler könnte schlimme Folgen haben. Die menschenbemannte Raumfahrt hat es oft gezeigt.

„Wo auch immer die Menschheit hingeht, hinterlässt sie irgendeine Art der Zerstörung, vielleicht liegt es in der Natur allen Lebens, das zu  tun.“

Der stetige Blick auf den Erdball hat eine meditative Wirkung, er lässt staunen und lehrt Demut. 4,5 Milliarden ist unsere Heimat alt. Nur dank ihrer speziellen Bedingungen ermöglicht sie Leben das bunt und artenreich, unendlich kostbar und doch so gefährdet ist. Anhand eines Jahres beschreibt Harvey die Entstehung des Alls, unseres Sonnensystems, der Erde und ihrer Geschöpfe.

Mit Booker-Prize geehrt

Die Weltraumorganisationen Nasa und Esa haben die Autorin bei ihren Recherchen unterstützt, wie sie in ihrem Dank am Ende des Buches schreibt. Seit 1998 in internationaler Kooperation von 16 Staaten beziehungsweise fünf Raumfahrtagenturen betrieben und weiterentwickelt, ist die ISS der größte künstliche Satellit im Orbit. Samantha Harvey erhielt für ihren nun jüngsten Roman den renommierten Booker-Prize verliehen. Bereits für ihr Debüt „The Wilderness“ war die 1975 geborene Autorin und promovierte Philosophin 2009 für diesen Literaturpreis nominiert.

„Umlaufbahnen“ ist kein futuristischer Science-Fiction-Roman, in dem es vorrangig um die Eroberung des Alls, die Suche nach neuem Leben oder nach einer neuen Heimat für die Menschheit geht. Vielmehr beschreibt Harvey einen Ist-Zustand in der besonderen Kombination aus romanhaften Elementen, Nature Writing und Essay. Ihr preisgekröntes Buch fasziniert durch seinen speziellen Blick und seine Hingabe für das Leben, das Staunen über die Existenz von Zeit und Raum. Demut lässt uns selbst zurücknehmen. Es ist die Grundeinstellung für eine schützende Haltung gegenüber jedem und allem. Und das braucht es aktuell mehr denn je. „Umlaufbahnen“ ist ein literarisches Ereignis, ein Stern, der hoffentlich lange strahlt.

Weitere Besprechungen sind zu finden auf den Blogs „Lust auf Literatur“ , „Buch-Haltung“, „Bookster HRO“ und „Literaturleuchtet“.


Samantha Harvey: „Umlaufbahnen“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, in der Übersetzung aus dem Englischen von Julia Wolf; 224 Seiten, 22 Euro

Foto: Nasa/Wikipedia

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