Leon de Winter – „Stadt der Hunde“

„Alles ist heilig.“

Sogar ein Genie kann ein Scheusal sein. Jaap Hollander gilt als einer der renommiertesten Gehirnchirurgen der Welt. Der Amsterdamer operiert selbst dann, wenn die meisten seiner Kollegen den Patienten bereits aufgegeben haben. Er hat alles: Familie, Haus, Ruhm, Geld. Doch er betrügt seine Frau Nicole mit Ärztinnen und Krankenschwestern, für seine Tochter Lea hat er nicht viel übrig. Eines Tages verschwindet sie spurlos auf einer Reise in Israel. Und sein Leben wird nie mehr, wie es einst war.

Verschwunden in den Weiten der Wüste

Leon de Winters neuester Roman führt in das heilige Land, in die Wüste Negev und nach Tel Aviv, in die Stadt, für die der niederländische Schriftsteller eine Liebe empfindet, wie er in einer Danksagung betont. An der Seite von Jaap Hollander durchstreift der Leser die Metropole am Mittelmeer und die markante Umgebung. Jedes Jahr zieht es den Mediziner zurück nach Israel. Nie hat er die Hoffnung aufgegeben, dass seine Tochter, die sich mit 18 Jahren bei einer Birthright-Tour auf die Spuren ihrer jüdischen Wurzeln begeben hatte, noch lebt. Denn nie wurden ihre Überreste gefunden.

Die Zeit vergeht, die Ehe der Hollanders geht den Bach runter, das amerikanische Ehepaar, dessen Sohn Joshua mit Lea unterwegs war, stirbt. Doch Jahr für Jahr sucht Jaap, der mittlerweile in den Ruhestand gegangen ist, nach seiner Tochter, steigt in das immerselbe sündhaft teure Hotel ab, wandert durch die Weiten der Wüste, sogar die Hilfe eines Geologen nimmt er in Anspruch. Man könnte es mit einer Abbitte vergleichen, doch da ist keiner mehr, der ihm vergeben kann.

Diese Geschichte könnte an dieser Stelle zu Ende sein, doch de Winters Roman ist eine große Wundertüte, viele überraschende, teils auch kuriose Wendungen ereilen im Fortlauf der Handlung den Leser. Eines Tages erhält Hollander bei seinem Aufenthalt in Israel den Besuch des Ministerpräsidenten, der mit einer ungewöhnlichen Bitte an den einstigen Top-Chirurgen herantritt. Er soll Noora, die Tochter eines saudischen Prinzen, die unter einer lebensgefährlichen Gefäßfehlbildung im Gehirn leidet, operieren. Ein mehr als riskanter Eingriff, bei der er im Vorfeld auch auf eine einstige Geliebte trifft …

„Vielleicht war das die Essenz des Wahnsinns; die unwiderstehliche Neugier auf die Tiefe und Weite der Welten, die sich durch diesen Wahnsinn eröffneten.“

Um an dieser Stelle nicht allzu viel zu verraten: Es wird nicht die einzige Überraschung bleiben, die de Winter in seinem ungewöhnlichen und tiefsinnigen Geniestreich erzählt, der komplexe Themen auf eine sehr beschwingte teils auch lakonische Art vermittelt. Umfangreich hat der Niederländer zum faszinierenden Thema Gehirn und Medizin recherchiert. Er beschreibt Krankheiten, das spezielle OP-Werkzeug des Chirurgen und wie kräftezehrend sowie medizinisch herausfordernd ein mehrstündiger Eingriff ist. An einer Stelle heißt es dazu: „Eine Aufführung von Bachs Matthäuspassion dauerte mit entsprechenden Pausen drei Stunden. Die OP-Zeit entsprach vier solcher Aufführungen hintereinander.“

Menschen nach Schauspielern benannt

Das Hirn erscheint als ein Wunderwerk, das uns die Welt offenbart, im Fall einer Erkrankung zugleich das Leben und dessen Wahrnehmung einschränkt, sie beschneidet, die Existenz in Gefahr bringt. Hollander, Sohn armer jüdischer Eltern, später ein selbst ernannter Gott in Weiß und mittlerweile ein recht einsamer Sonderling, kann sich keine Namen merken, um sich Menschen einzuprägen, benennt er sie nach berühmten Schauspielerinnen und Schauspielern. Er vergleicht sich selbst mit Al Pacino. Sein Umfeld besteht aus einer Schar aus John Travolta, Rutger Hauer, Meryl Streep, Nicole Kidman.

„Die Frontallappen waren eine geschäftige, randvolle, rätselhaft komplizierte und schöne Region. Ein Kosmos mit Galaxien, schwarzen Löchern, Milliarden von Sonnen, magischen Nebeln und nicht entschlüsselten Funksignalen.“

De Winter, 1954 in ’s-Hertogenbosch als Sohn niederländischer Juden geboren, hat für sein Schaffen als Schriftsteller und Filmemacher bereits mehrere Preise erhalten, seine Bücher wurden in 20 Sprachen übersetzt. Mehrere Jahre hat er – sein letzter Roman „Geronimo“ erschien 2016 – an seinem neuesten Werk gearbeitet, das auf den ersten Blick ein recht schmales Buch ist, das jedoch zugleich noch viel mehr als „nur“ von Medizin erzählt. De Winter behandelt den Nahost-Konflikt auf eine verblüffende Art und Weise, wenngleich es wiederum erschauern lässt, wie hoch das Vermögen eines saudischen Prinzen ist, der für die Rettung seiner Tochter den hochdekorierten Mediziner per Hubschrauber, Privatflugzeug, Learjet hin und her fliegen lässt und eine zehnstellige Summe als Honorar problemlos locker macht.

Versöhnlicher Abschluss

Es liegt sehr viel Hoffnung in diesem Roman, der mit einem versöhnlichen Abschluss und einer besonderen Botschaft endet, der von Leben und Tod, Trauer und Verlust erzählt. De Winters Held kann nicht seine Vergangenheit ändern, wohl aber nunmehr seinen Blick auf die Welt.

Doch am Ende sollte noch ein ganz spezieller Protagonist nicht vergessen und erwähnt werden: Ein streunender Hund, der den Mediziner auf Schritt und Tritt begleitet, führt ihn wie die mythologische Figur des Zerberus in jene Höhle, in der Lea verschwunden sein soll. Wie sich der einstige selbstverliebte Starmediziner letztlich rührend um das Tier kümmert, mit ihm sogar spricht, gibt dem Roman eine berührende wie auch heitere Note.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Buch-Haltung“.


Leon de Winter: „Stadt der Hunde“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Stefanie Schäfer; 272 Seiten, 26 Euro

Foto von Levi Meir Clancy auf Unsplash

9 Kommentare zu „Leon de Winter – „Stadt der Hunde“

  1. Du hast ihn schon durch. Ich überlege immer noch, ob ich mir den neuen Roman zulege. Vor vielen Jahren hatte ich mal eine de Winter Phase….
    Aber diese überraschenden Wendungen sind ja schon fast ein Markenzeichen.
    Danke jedenfalls für den tollen Einblick.

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