Verloren – Leon de Winter „Geronimo“

„Deine Geschichte ist wahnwitzig, aber nichts ist wahnwitziger als die Wirklichkeit.“

Am 11. September 2001 starben in New York rund 3.000 Menschen. Die Bilder der brennenden Türme des World Trade Centers, der Männer und Frauen, die aus hoch gelegenen Stockwerken sprangen, und der von Staub überzogenen Passanten und Rettungskräfte haben die Welt schockiert. Zu dem verheerenden Selbstmordattentat bekannte sich wenig später Al-Qaida, ein Anschlag auf das Pentagon und ein Flugzeugabsturz in Pennsylvania folgten. Zum meist gesuchten Mann der Welt wurde wenig später Usama bin Laden ernannt, der Kopf des islamistischen Terror-Netzwerkes.  25 Millionen Dollar waren auf ihn ausgesetzt.

geronimo-9783257069716Die offizielle und wohl auch in die Geschichtsbücher eingeschriebene Version des Todes bin Ladens ist folgende: Eine Spezialeinheit der amerikanischen Navy Seals erstürmt am 2. Mai 2011, also nahezu zehn Jahre nach 9/11, ein Haus in der pakistanischen Stadt Abbottabad, in dem sich bin Laden versteckt hält. Der Al-Qaida-Chef wird mit vier weiteren Personen getötet. Doch jeder hat die Freiheit, diese Version infrage zustellen. Der niederländische Schriftsteller Leon de Winter versucht sich mit seinem neuesten Roman „Geronimo“ an einer ganz anderen, nur auf den ersten Blick verrückt erscheinenden Version. Darin wird jedoch nicht nur von der Suche nach und dem Tod des meist gesuchten Mannes der Welt, der im Buch meist nur UBL genannt wird, berichtet. Vielmehr schaut de Winter hinter die Kulissen eines Konfliktes, an dem sich viele Interessengruppen beteiligen und eine friedliche Lösung wohl kaum in naher Zukunft möglich sein wird. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Tom Johnson, ein ehemaliger Elitesoldat und späteres CIA-Mitglied. Seine Eltern sind Musiker, er der Berufskämpfer in der Familie. Bei einer Fete mit Freunden, die ebenfalls zur Riege der Elite-Soldaten zählen, fließt viel Alkohol. Vergessen ist das Wissen, dass geheime Pläne auch geheim bleiben. Eine Aktion, die nach dem legendären Indianer-Häuptling Geronimo (1829 – 1909) bezeichnet ist, in Pakistan stattfinden soll und für  die auf einem Übungsgelände speziell ein Haus nachgebaut wurde, wird in bierseliger Laune ausgeplaudert. Es handelt sich dabei um nichts Geringeres als um die Ergreifung bin Ladens, besser dessen Tod, der bereits als Befehl von höchster Stelle an die Truppe gegeben worden ist. Eine Diskussion beginnt um „kill“ statt „capture“. Nachdem am 2. Mai das Ableben des Terroristen-Chefs offiziell verkündet wird, erfährt Tom indes von seinem Freund Vito, dass bin Laden noch lebt und an einem geheimen Ort versteckt wird, um aus ihm wertvolle Informationen herauszuholen.

Dies ist der besondere Moment, an dem die Story sich schier überschlägt, zu den turbulenten Geschehnissen tragische Ereignisse kommen, in die Tom hineingezogen wird. Am Ende wird es jedoch neben eines traurigen Verlustes in der Vergangenheit eine persönliche Beziehung zu einem Mädchen sein, die den Amerikaner für immer verändern wird. In einem Militär-Camp in Afghanistan hatte Tom einige Zeit zuvor das Mädchen und die Halbwaise Apana kennengelernt. Ihr Vater, der als Dolmetscher für die Soldaten tätig war, kommt wenig später bei einem Angriff der Taliban ums Leben. Tom will sich um das Mädchen kümmern, auch aus einem gewissen Schuldgefühl heraus. Er weiht sie in die Musik Bachs und die Interpretationen der Goldberg-Variationen des Kult-Pianisten Glenn Gould (1932 – 1982) ein.  Doch die Wege von Tom und Apana, für die er sich verantwortlich zeigt, werden auf gewalttätige Weise getrennt. Bis es 2011 in Abbottabad, jener Stadt, in der bin Laden entdeckt wurde, zu einem mehr als überraschenden Wiedersehen kommt: Tom lernt vor Ort den Jungen Jabbar und seine Mutter kennen, die beide in der Nachbarschaft des bin-Laden-Anwesens wohnen. Sie hatten Apana, die von den Taliban grausam verstümmelt und missbraucht wurde, aufgenommen.

Doch diese Begegnungen kulminieren in noch mehr Gewalt, Leid und Hoffnungslosigkeit. Wenn de Winter eine Grundbotschaft in seinen Roman hineingeschrieben hat, dann eine dunkle und pessimistische. An einer Stelle heißt es dazu: „Es war ein vergeblicher Kampf gegen eine tief verwurzelte Rückständigkeit. Es herrschte anhaltendes gegenseitiges Unverständnis.“ Viel zu viele Machtinteressen stoßen an diesem Fleck der Erde aufeinander, auch das ist ein Thema des Romans: Neben den amerikanischen Soldaten und Agenten, mischen der saudi-arabische und der jüdische Geheimdienst sowie korrupte Distriktschefs und mächtige Familienclans kräftig mit. Auch die Mehrheit der Religionen finden sich ein, wird der noch immer aktuelle Konflikt zwischen Christentum und Islam thematisiert. Und an vielen Orten der Welt wird er geführt, das beweisen auch die Schauplätze des Romans, mit denen jedes Kapitel überschrieben ist; nebst der Person, von der erzählt oder die selbst berichtet. Auch bin Ladens letzte Lebenszeit wird geschildert, Momente, die fast skurril und abstrus wirken, wenn er mit dem Moped durch das Land braust, zum Einkaufen fährt, um seine jüngste Frau mit Eis zu erfreuen, und dabei unerkannt bleibt.

„Alles kommt zusammen, auf rätselhafte Art hängt alles mit allem zusammen. Ich hatte noch keinen Schimmer, wie sehr. Die Erkenntnis kam später, als Jabbar anfing zu reden und in der Geschichte von Apana das Ungeheuer selbst auftauchte.“

„Geronimo“ ist ein spannender wie berührender Pageturner mit Nachhall und Tiefe, der auf intensiven Recherchen beruht. Der Niederländer hält mit seiner Kritik nicht hinterm Berg. Nicht nur meldet er Zweifel an offiziellen staatlichen Verlautbarungen an. Schonungslos rechnet er mit der amerikanischen Bürokratie ab, die schließlich auch Menschenleben fordert. Das Kapitel, in dem der amerikanische Präsident an seiner Rede feilt, ist Satire pur. Einzig und allein die Szenen mit dem jüdischen Geheimdienst erscheinen etwas ungar, dabei hätte dieser Roman mit ein paar Seiten keineswegs an seinem Wert verloren. Rätselhaft erscheint da auch der Inhalt eines USB-Sticks, den bin Laden als seinen Schatz ansieht und der schließlich in die Hände des Jungen Jabbar fällt, der von einer glücklichen und friedvollen Zukunft in Amerika träumt. „Er habe Obama am Arsch“, ist sich der Terroristen-Chef sicher. Sind dort Beweise für neue Anschläge oder für die Mitschuld der Amerikaner an 9/11 gespeichert? Grübeln ist wohl angesagt, vielleicht sogar ein kleines Fest für Verschwörungstheoretiker. Am Ende überwiegt Schmerz, Wut und Trauer angesichts einer Endlos-Spirale der unberechenbaren Gewalt und der Gewissheit, dass Hilfe trotz jeglicher Anstrengungen meist in Hilflosigkeit mündet.

Weitere Besprechungen gibt es auf „Ruth liest“ und „Die Buchbloggerin“.

Der Roman „Geronimo“ von Leon de Winter erschien im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Hanni Ehlers; 448 Seiten, 24 Euro

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