Ränkespiele – Louise de Vilmorin „Der Brief im Taxi“

„Oh, wenn der Zufall die Hand im Spiel hat, muss man mit allem rechnen.“

In der heutigen digitalen Zeit wohl selten, aber möglich: Ein Brief geht verloren. Nicht auf der Straße oder bei der Post, sondern in einem Taxi. Der Vorfall bildet den Auftakt für ein Kammerspiel der besonderen Art – um Liebe und Eifersucht und die vermeintliche Suche nach einem Neuanfang. Nach dem wunderschönen Band „Dame mit Fuchs“ des Engländers David Garnett hat der Dörlemann-Verlag mit „Der Brief im Taxi“ der Französin Louise de Vilmorin (1902 – 1969) einen weiteren Buchschatz zurück in die literarische Erinnerung geholt.

9783038200338Erschienen war der Roman 1958 im renommierten Pariser Verlag Gallimard. Die Autorin entstammte einer französischen Adelsfamilie, war in jungen Jahren mit dem Schöpfer des „kleinen Prinzen“, Antoine de Saint-Exupéry,  verlobt, später langjährige Partnerin des Schriftstellers André Malraux, der sie auch zum Schreiben angeregt haben soll. Die Geschichte ihres Romans „Der Brief im Taxi“ – er umfasst als kleinformatiges Büchlein etwas mehr als 200 Seiten – ist schnell erzählt. Cécilie Dalfort verliert in der Hektik einen Brief im Taxi. Obwohl „nur“ ein Brief ist sie angesichts des Verlustes außer sich. Denn er enthält unschöne Informationen, die sie und ihren Mann Gustave in die Zwickmühle bringen könnten, sollten sie in die falsche Hände geraten. Eines Tages meldet sich der Finder, Paul Landriyeux, der Cécilie kennt und aus der Ferne bewundert. Wenn sie den Brief wieder haben will, soll sie sich mit ihm zu einem gemeinsamen Abendessen treffen, so seine Forderung. Aus dieser Bitte wird zwar nichts, denn zum Abend finden sich auch das befreundete und reiche Ehepaar Doubleard-Despaumes, Cécilies Bruder Alexandre sowie mit den beiden Damen Gilberte und Nanou zwei Frauen ein, die Alexandre umschwärmen. Doch nachfolgend treffen sich Cécilie und Paul mehrfach  – heimlich. Die beidseitige Zuneigung und Anziehung wächst. Während Alexandre seine einstige Geliebte Gilbert auf Abstand hält und sich ohne Gewissensbisse in eine neue Beziehung mit Nanou stürzt, sogar die Verlobung verkündet, zweifelt Cécilie indes, den letzten Schritt für einen Neuanfang zu wagen.

Während der Brief und sein geheimer Inhalt nach und nach seine Bedeutung verliert und erst gegen Ende noch eine Rolle erhält, rücken faszinierende und turbulente Ränkespiele und verschiedene Sichtweisen auf die Liebe in den Vordergrund. Denn Cécilie und Gustave legen unterschiedliche Lebensansichten an den Tag. Er will hoch hinaus, für ihn zählen vor allem Stand und Besitz. Sie ist eher die kluge und sehr belesene Lebenskünstlerin, welche die bourgeoise Einstellung ihres Mannes kategorisch ablehnt und sogar verachtet. Zwischendrin: Gilbert, die weiter auf die Zuneigung Alexandres hofft, sich schließlich aber zwischen Cécilie und Gustave drängt, nachdem ihre Hoffnungen wie Seifenblasen zerplatzt sind. Vor allem der Humor, an vielen Stellen und vor allem in den Dialogen von einem leicht beißenden Charakter geprägt, sticht hervor, der mich manches Mal an illustre Schwänke im Fernsehen erinnert hat. Einem Schauspiel, das wie ein unsicherer Boden erscheint: Allzu oft hatte ich Zweifel an der Zuneigung der lebenslustigen und agilen Cécilie zu Paul, dachte an Berechnung, damit sie letztlich an den Brief kommt. Pauls Entscheidung zum Abschluss des Bandes überrascht und imponiert zugleich.

„Wenn Gefahren, die einer Gestalt drohen, den Geist in Unruhe versetzen, ist das Herz, stets empfänglich für den Zauber des Brüchigen, bereit zum ewigen Bund, als hätte Liebe die Macht, Treuegelübde einzuhalten. Angesichts der Zukunft, die sich vor einem anderen erstreckt, dürfte jeder ermessen, in welchem Gefängnis er selbst steckt.“

Doch „Der Brief im Taxi“ ist keine unterhaltsame Komödie per se, sondern vielmehr eine psychologisch-faszinierende Tragikomödie, die tief zum Ernst des Lebens dringt, speziell auf die Liebe in all ihren Facetten und Ausprägungen blickt und mit eindrucksvollen Zitaten aufwartet, die den Leser nachdenklich stimmen. Auch die negativen Eigenschaften der Protagonisten, Missgunst und Neid, Eifersucht und Herablassung, sorgen für eine ernste Atmosphäre. Der Blick des Lesers auf die Heldin Cécilie wird sich wohl am Ende des Buches deutlich wandeln.  Daraus entsteht das Gefühl und die Gewissheit, dass dieses Buch ein Begleiter sein kann und sein muss durch die eigene Lebenszeit, in der sich die eigenen Ansichten wandeln, die letztlich mit denen der Protagonisten übereinstimmen oder verschieden sein können.  Vieles gilt es zu entdecken in diesem klugen Meisterwerk, das auch sprachlich beeindruckt.

Der Roman „Der Brief im Taxi“ erschien im Dörlemann-Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky; 208 Seiten, 18 Euro

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