Johan Harstad – „Unter dem Pflaster liegt der Strand“

„Alle Vororte haben Ambitionen, zumindest anfangs.“

Vor fünf, sechs Jahren erschien ein dicker Wälzer mit dem ungewöhnlichen Titel „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ in deutscher Übersetzung. Ein Buch, das einen verschlingt, das man trotz seiner handtaschenuntauglichen Größe mit sich herumschleppt, um so oft es geht, darin zu lesen. Nun ist der Norweger Johan Harstad zurück – mit einem ebenso umfangreichen Roman mit mehr als 1.100 Seiten. In Sachen Themen- und Schauplatzvielfalt sowie in puncto Zeitsprüngen erlebt man mit dem neuesten harstadschen Streich eine Art Déjà-vu.

Erdöl versus KErnkraft

Wir sind wieder in Stavanger, der Stadt im Südwesten Norwegens, in der der Autor auch geboren wurde, und die als Zentrum der Erdöl- und Erdgasindustrie Norwegens gilt. Im Herbst 1969 wurde in der norwegischen Nordsee das Ölbohrfeld „Ekofisk“ entdeckt, in der Geschichte des skandinavischen Landes ein Meilenstein. Mit dem Öl begann die Entwicklung Norwegens zu einem der reichsten Länder der Erde. Der Staatliche Pensionsfonds, der sich aus Steuern und Gewinne der staatlichen Ölgesellschaften speist und mit dem zugleich in verschiedene Bereiche wie Aktien, Anleihen, Immobilien und erneuerbare Energien investiert wird, betrug im vergangenen Jahr 1,7 Billionen Euro.

Die Erdöl- und Erdgasindustrie findet in dem Roman jedoch einen Gegner: die Kernkraft. In Forus, einem Vorort Stavangers, nimmt ein Forschungsprojekt seinen Lauf: der sogenannte Kubikel-Reaktor, mit dem Energie gewonnen werden soll. In dessen Nähe wachsen Ingmar, Jonatan, Peter und Ebba auf. Eine Gruppe Jugendlicher, die enge Freunde sind, um die Häuser ziehen, die Abende miteinander verbringen, über Gott und die Welt reden, letztlich auch tiefe Gefühle füreinander entwickeln. Ebba ist die Tochter des Kernphysikers Edvard Halla, der großen Anteil am Kubikel-Projekt trägt und die Weichen für Ingmars Laufbahn als Kernphysiker und Geologe, der später im finnischen Endlager Onkalo arbeiten wird, stellt. Im Gegensatz zum fiktiven Kubikel-Projekt, das wenige Jahre später auch nach Protesten eingestellt wird, ist das Endlager ein realer Ort, der sich unter der westfinnischen Insel Olkiluoto befindet.

Ein mysteriöses Artefakt

In diese real anmutende Handlung mischt Harstad allerdings eine recht fantastische Geschichte, in dem weitere Figuren einen Platz bekommen. Es geht um einen radioaktiven schwarzen Stein. Wer ihn berührt, sieht in die Zukunft beziehungsweise einen anderen Lauf der Geschichte und wird in den Wahnsinn getrieben. Ein Meteorologe hat unter anderem ein Groß-Russland sowie ein Endzeit-Norwegen vor Augen. Auf diesen mysteriösen Stein werden über Jahre und Jahrzehnte Agenten unterschiedlichster Länder angesetzt: ein Norweger genauso wie ein Russe und später ein Amerikaner.

Mit diesem sogenannten Artefakt fächert Harstad die Story seines voluminösen Romans auf beeindruckende Art und Weise auf. Der Plot mäandert, nimmt Abzweigen, führt zu verschiedenen, auch exotischen Schauplätzen wie beispielweise die Insel Tristan da Cunha im Südatlantik gelegen, die bereits die finnische Autorin Marianna Kurtto als Kulisse für ihren Roman „Tristania“ (mare Verlag) auswählte. Der Leser, die Leserin reist zudem nach Sibirien und auf ein riesiges Container-Schiff einer asiatischen Reederei, für die später Jonatan arbeiten wird. Doch letztlich führen alle Wege wieder zurück nach Stavanger.

„Und wenn wir unser Zeitgefühl verlieren, was bliebe dann von uns übrig, bis auf Menschen im Stillstand, die umhertaumeln.“

Standen in „Max, Mischa und die Tet-Offensive“ die Themen Kunst und der Vietnamkrieg im Fokus, erzählt Harstad hier nun von der Kernenergie – ihren Vorteilen, ihren Schattenseiten, die ihren Anfang mit den verheerenden Atombomben auf Nagasaki und Hiroshima nahmen und letztlich zum Reaktorunfall in Tschernobyl führten und die uns heute vor die große Herausforderung stellt: Wie kann der radioaktive Müll sicher für die nächsten Jahrtausende gelagert werden.

Zugleich wird Harstad philosophisch, wenn er über Leben und Tod, die unterschiedlichen Möglichkeiten des Daseins, das Warten auf DAS Leben und die Erwartungen an das eigene Leben schreibt. Und auch die Gefühle kommen mit Blick auf die Liebe zwischen Ingmar und Ebba, die sich in der Jugend aus den Augen verlieren, aber wieder zueinander finden, nicht zu kurz. Wie sein erster Mammut-Roman frisst auch Harstads neuestes Werk Unmassen an bunten Klebezetteln, um damit die schönsten und  erinnerungswürdigsten Passagen für Gegenwart und Zukunft zu markieren. Der Titel verweist teilweise auf eben jenen mysteriösen Stein, zugleich ist er eine Referenz an die Studentenproteste Ende der 1960er-Jahre in Paris. Der Spruch fand später mehrfach vor allem in der linken Szene Verwendung. Peter, Sohn aus gutem Hause, der als Jugendlicher Drogen vertickt, wird sich nach der Schule der Zapatisten-Bewegung anschließen, nach Mexiko gehen und als Erwachsener eine isländische Gruppe von Ökoterroristen anführen.

„All unsere Atome waren einmal Teil der Sterne, wir sind dreizehn Milliarden alte, recycelte Konstruktionen ….“

Dabei macht es der Norweger, der für sein Schaffen bereits mehrere renommierte Preise (Bragepris, Ibsenpris etc.)  erhielt, dem Leser, der Leserin nicht unbedingt leicht. Er fordert Aufmerksamkeit und Geduld, in manchen Nebensträngen scheint er die Zeit anhalten zu wollen, um Szenen in oft auch bandwurmartigen Sätzen auszubreiten. Im Gegensatz stehen Seiten, die einen unfassbaren Sog entwickeln: vor allem die Beschreibungen der Jugendjahre der vier Helden oder der Lebensweg des Spions Alfred Blom, dessen umtriebiges Agentenleben ihn nahezu um die ganze Welt führt. Viele Verweise, viel Wissen verpresst Harstad in seinem Roman, den Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat in einer beeindruckenden Übersetzerleistung ins Deutsche übertragen haben. Sogar die Schnatterinchen-Sprechmaschine wird erwähnt, die die DDR-Staatssicherheit (Stasi) nutzte, um Kurzmitteilungen zu versenden. Schnatterinchen ist eine Enten-Figur aus dem „Abendgruß“, einer Sendung für Kinder, die bis heute im Fernsehen zu sehen ist. Acht Jahre hat Harstad an seinem Riesenroman gearbeitet.

Anspruch trifft auf Sogwirkung

Eine norwegische Literaturkritikerin hat „Unter dem Pflaster liegt der Strand“ als Monsterroman bezeichnet. Auf jeden Fall ist der Wälzer ein Buch, das sich einprägt, das einen über eine lange Zeit begleitet – während der Lektüre und weit darüber hinaus. Wer Bücher mag, die Anspruch und Sogwirkung verbinden und geradezu beispielhaft die unbändige Freiheit von Literatur vermitteln, wird mit dem Roman seine große Freude haben. Kleiner Tipp: Angesichts 1.100 Seiten und einem Gewicht von fast einem Kilogramm sollte man sich auf Sofa oder Bett eine besondere bequeme Lesestellung suchen und finden.


Johan Harstad: „Unter dem Pflaster liegt der Strand“, erschienen bei claassen im Ullstein Verlag, übersetzt aus dem Norwegischen von Ursel Allenstein und Stefan Pluschkat; 1.152 Seiten, 36 Euro

Foto von Camilla Plener auf Unsplash

8 Kommentare zu „Johan Harstad – „Unter dem Pflaster liegt der Strand“

  1. Oha – ich glaube mich verschreckt dieses 1000-Seiten-Atom-Ei, aber hab gerade noch mal deine Rezension zu Max, Mischa und die Tet-Offensive gelesen und das könnte was für mich sein. Ich packe es auf meine Leseliste. Ich schicke ganz liebe Grüße, Sabine

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  2. bis eben wusste ich gar nicht, dass es einen neuen Roman von Harstad gibt. Von „Max, Mischa und die TED-Offensive“ war ich so begeistert, dass ich sogleich ganz erfreut in einen Buchladen gehen werde. Danke für die Kritik!

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