Octavia E. Butler – „Die Parabel vom Sämann“

„Die Erde ist in furchtbarer Verfassung.“

Das Jahr 2024 liegt hinter uns. Mit all den dunklen und dramatischen Nachrichten und Entwicklungen, die Sorgen bereiten. Vor etwas mehr als drei Jahrzehnten erschien in den USA ein Roman, der einen Blick in die Zukunft, eben in das Jahr 2024, wirft. „Die Parabel vom Sämann“ von der US-amerikanischen Autorin Octavia E. Butler (1947-2006) ist eine beklemmende Dystopie, aus der so einiges mittlerweile Wirklichkeit wurde. Im Netz geht die Wendung „Octavia knew“ (übersetzt: „Octavia wusste“) viral. Der Titel zählt zu einer Reihe Klassikern wie Ray Bradbury, Margaret Atwood und George Orwell, deren Verkaufszahlen in den vergangenen Monaten sprunghaft gestiegen sind.

Mehrfach Preisgekrönt

Der Roman ist Auftakt eines einst geplanten dreiteiligen Zyklus, von dem allerdings wegen gesundheitlichen Problemen Butlers und einer Schreibblockade nur zwei erscheinen konnten. 1998 kam der zweite Band „Die Parabel der Talente“ heraus, für den die US-Amerikanerin mit dem renommierten Nebula-Award geehrt wurde. Octavia E. Butler war nicht nur eine mehrfach preisgekrönte Schriftstellerin. Sie zählt zu den wenigen schwarzen Frauen, die sich im Science-Fiction-Metier behaupten konnten, wobei die Bedingungen in ihrer Kindheit und Jugend keine leichten waren.

Octavia E. Butler kam 1947 in Pasadena, Kalifornien, in ärmlichen Verhältnissen zur Welt. Ihr Vater starb, als sie ein kleines Mädchen war. Die Mutter arbeitete als Dienstmädchen. Octavia wuchs zeitweise bei den Großeltern auf. Obwohl bei ihr eine Leseschwäche erkannt wurde, studierte sie später, in ihrer Geburtsstadt sowie später in Los Angeles. Geschrieben hat sie schon in jungen Jahren. Es war schließlich der Autor und Kritiker Harlan Ellison, der ihr den Weg zu einer Science-Fiction-Autorin ebnete.

Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie in den 70er-Jahren mit dem „Patternmaster“-Zyklus bekannt. Es folgte die „Xenogenesis“-Trilogie über die Rettung der Menschheit nach einem verheerenden Krieg, die nun ebenfalls in deutscher Übersetzung wieder/neu-entdeckt werden kann. In ihren Werken verarbeitete Butler Fragen zur „Rasse,“ Geschlecht und Identität, beschäftigte sich mit gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und warnte früh vor den Folgen des Klimawandels. Sie erhielt als erste schwarze Science-Fiction-Autorin überhaupt den nicht minder renommierten Hugo-Award für ihre Kurzgeschichte „Speech Sounds“. Im Alter von nur 58 Jahren starb Butler nach einem Sturz infolge schwerer Kopfverletzungen. Was sie wohl sagen und schreiben würde zu den aktuellen Zuständen in ihrem Land, wenn sie noch leben würde …

„Wir können damit aufhören, die Wirklichkeit zu leugnen oder zu hoffen, dass all unsere Probleme wie von Zauberhand für uns gelöst werden.“

„Die Parabel vom Sämann“ führt zu Beginn nach Robledo, einem fiktiven Vorort von Los Angeles. Hier lebt die 15-jährige Lauren mit ihrem Vater, einem Baptisten-Prediger, ihrer Stiefmutter und vier Brüdern. Man schreibt das Jahr 2024. Mit einer Mauer schotten sich die Olaminas und ihre Nachbarn von der Außenwelt ab, in der das Chaos herrscht, das System zusammengebrochen ist. Kriminelle und gewaltbereite Banden ziehen umher und sorgen für Angst und Schrecken. Polizei und Nationalgarde haben dem nichts mehr entgegenzusetzen. Die Menschen bewaffnen sich selbst. Das Wasser ist knapp und ein teures Gut. Elektrische Geräte kennen viele meist nur noch aus Erinnerungen. Krankheiten wie Masern und Cholera breiten sich aus. Eine Droge bringt die Menschen dazu, Brände zu legen, um in Ekstase zu verfallen. Lauren wappnet sich selbst für ein (Über-)Leben außerhalb der Siedlung.

Flucht nach Überfall

Nach und nach verliert sie ihre Familie, ihr Vater verschwindet, ihr Bruder Keith wird von Dealern ermordet. Nach einem Angriff auf die Siedlung im Juli 2027, bei dem zahlreiche Menschen sterben, die Plünderer nach dem Gemetzel über die Häuser herfallen, flieht Lauren. Eine Odyssee in den Norden beginnt – durch ein gesetzloses Land, auf einstigen Interstates und Highways entlang, eine Hilfe sind alte Landkarten ihrer Großeltern. Und unzählige Menschen sind auf der Flucht.

Octavia E. Butler (Foto: Courtesy of the Octavia E. Butler Estate)

Mit der Zeit findet die Heldin Gefährten, die sie auf der Basis eines eigenen Glaubens namens „Earthseed“ anführt. Ihre Gedanken schreibt sie in ihren Tagebüchern, die auch den Aufbau des Romans beeinflussen, nieder. Grundgedanke der Religion ist es, dass Gott Veränderung ist. Daraus leitet sich die Idee ab, dass die Menschen sich anpassen können, um Gegenwart und Zukunft selbst zu gestalten. Der Begriff „Earthseed“ (Erdsamen) leitet sich von der Vorstellung ab, dass die Samen allen Lebens auf der Erde verpflanzt werden und durch Anpassung an verschiedene Situationen und an unterschiedlichen Orten wachsen können. Laurens spirituelle Gedanken verteilen sich über das gesamte Buch, stehen auch den einzelnen Kapiteln voran.

„Ich lerne gerade erst, wie sehr sich Menschen knechten lassen, die nicht ehrlich zu sich sind, selbst wenn ihr Leben und ihre Freiheit auf dem Spiel stehen.“

Die Heldin verfügt über eine besondere Eigenschaft: Sie hat das Hyperempathie-Syndrom, da ihre Mutter während ihrer Schwangerschaft Drogen nahm. Lauren empfindet direkt und intensiv den Schmerz der anderen. Auf ihrer Reise trifft sie Menschen, die ebenfalls das Syndrom haben. Der Gemeinschaft schließen sich Männer und Frauen, ganze Familien an. Jeder hat eine Geschichte, von einem Schicksal zu berichten, das Einblicke in eine von Gewalt, Armut und Drogensucht beherrschte Gesellschaft bietet.

Zahlreiche drastische Szenen von Mord und Totschlag bis hin zu Vergewaltigung und Kannibalismus machen die emotional herausfordernde Lektüre nicht leicht. Lauren und ihre BegleiterInnen müssen sich mehrfach wehren. Die Fragen, was macht ein Überlebenskampf mit einem Menschen und welche Regeln gibt es angesichts eines Zustandes aus Chaos und Gesetzlosigkeit noch, prägen die Auseinandersetzung mit diesem spannenden Roman.

Parallelen zur Gegenwart

Über ihre mehrfachen Leseerfahrungen im Abstand von rund einem Jahrzehnt und unter verschiedenen Blickwinkeln schreibt die US-amerikanische Autorin und Kritikern N. K. Jemisin in ihrem Vorwort. An einer Stelle heißt es: „Butler scheint ,Die Parabel vom Sämann“ nicht als Lebensratgeber konzipiert zu haben, und doch ist es das. Das trifft auf alle große Werke der Science-Fiction zu: Sie haben nicht nur einen akkuraten Blick auf die Zukunft zu bieten, sondern auch Vorschläge, wie man mit den daraus resultierenden Veränderungen umgehen kann.“

Am Ende des Roman ist das erhoffte Ziel zerstört. Die Ankunft bedeutet zugleich einen kompletten Neubeginn. Doch warum ist das einst fiktive Szenario unserer heutigen Gegenwart so ähnlich und deshalb so beklemmend? Butler beschreibt sowohl verheerende Waldbrände, denen im Januar in Los Angeles 29 Menschen zum Opfer fielen, Tausende Häuser wurde zerstört und beschädigt. Zugleich schildert sie die Ausbeutung von Großunternehmen, die ihren Angestellten geringe Löhne zahlen und sie in die Schulden treiben. Und ein Populist namens Donner will neuer Präsident des Landes werden.

Mittlerweile ist Band zwei mit dem Titel „Die Parabel der Talente“ (ebenfalls Heyne) in deutscher Übersetzung erschienen. Es gilt, eine große Erzählerin neu- oder wiederzuentdecken – womöglich auch von jenen, die Science-Fiction kaum oder wenig lesen.


Octavia E. Butler: „Die Parabel vom Sämann“, erschienen im Heyne Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Dietlind Falk, mit einem Vorwort von N. K. Jemisin; 448 Seiten, 15 Euro

Foto von Frankie Lopez auf Unsplash

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