„Dieses Einfache ist für die meisten nichts.“
Auf einem kleinen Ruder-Boot, einem irischen Curragh, erreicht Mr. Lloyd die Insel. Eine wacklige und magenfeindliche Angelegenheit für den Künstler aus London, der auf dem kleinen Eiland die Klippen malen will. Er wird nicht der einzige Fremde bleiben, den die Inselbewohner aufnehmen (müssen). Auch der französische Linguist Jean-Pierre Masson landet im Sommer des Jahres 1979 hier. Er will ein Buch über das irische Gälisch schreiben, um die Sprache vor dem Aussterben zu bewahren Beide Männer sind sich spinnefeind, so dass nicht nur der blutige Konflikt auf dem Festland für Spannungen auf dem nur wenige Seelen zählenden Eiland sorgt.
Vereinigung 1800 durch Act of Union
Die irische Schriftstellerin Audrey Magee stellt dieses besondere Aufeinandertreffen in einer angespannten Zeit in den Mittelpunkt ihres bemerkenswerten Romans „Die Kolonie“. Dieser Titel – im Übrigen im bereits 2022 erschienenen Original – spukt einem während der Lektüre immer wieder durch den Kopf, denkt man dabei doch wohl erst an Afrika, Asien und Südamerika. Doch Nordirland ist noch immer Teil Großbritanniens und damit eine Kolonie. „Überbleibsel“ der einstigen Vereinigung der beiden Königreiche Großbritannien und Irland, besiegelt im Jahr 1800 durch den Act of Union. Erst 1922 erlangte die grüne Insel ihre Unabhängigkeit – außer ihres nördlichen Teils, der noch immer Teil des Vereinigten Königsreichs ist, was sich schließlich im Nordirland-Konflikt niederschlug.
Neben den beiden Fremden ragt im Roman eine Figur besonders heraus: der 13-jährige James, alias Séamus, der sich sowohl um den Künstler als auch um den Sprachwissenschaftler kümmert, ihnen als Bote das Essen bringt. Sein Vater, Großvater und Onkel sind mit dem Boot auf dem Meer geblieben. James‘ Mutter Mairéad trauert noch immer um ihren Mann, Vater und Bruder. Das Malen des Fremden zieht James an. Er beginnt, sich darin selbst auszuprobieren.
Nicht nur wird dabei sein künstlerisches Talent sichtbar, er beginnt, Lloyd wichtige Hinweise zu geben und träumt von einer besonderen Zukunft – fern der überschaubaren, wenngleich landschaftlich eindrucksvollen Insel, auf der der Alltag und das Leben strapaziös und eher eintönig ist. James will später weder fischen, noch mit der Kaninchenjagd für die Familie sorgen. Derweil zieht Lloyd in eine karge Hütte auf der Klippe, wird zum Einsiedler, um der Nähe zum Franzosen Masson, mit dem er Haus an Haus wohnt, zu entgehen und sich auf sein Malen zu konzentrieren.
Andere Art der Ausbeutung
Magee beschreibt eine andere Art des Kolonialismus, die über die territoriale Inbesitznahme hinaus geht. Es geht in ihrem Roman um eine Ausbeutung und Unterwerfung in einem eher immateriellem Sinne. Während Masson James und seine Mutter zwingt, gälisch und nicht englisch zu sprechen, sie somit entgegen ihres eigenen Wunsches bevormundet, obwohl er selbst als Sohn einer Algerierin einst von seinem Vater gezwungen wurde, nur französisch zu sprechen, nutzt Lloyd den Jungen, seine Ideen, seine Begeisterung, auf eine sehr subtile Weise aus, die erst am Ende des Romans deutlich wird. Beide Männer ähneln sich in ihrem Verhalten und in ihren Ambitionen. Sie nehmen – für einen Titel, Ruhm, eine bessere Stellung.
„(…) ein Leben aus Kaufen und Besitzen, nur um zu verschleiern, wie nackt das Leben ist. Um seine Härte zu verbergen.“
Der letzte Satz kommt einem Leser, der womöglich gerade für den Jungen eine gewisse Sympathie empfindet, wie ein Schlag in die Magengrube vor. Es ist gerade James, dem das herabsetzende Vorurteil des armen und dummen Inselbewohners zu schaffen macht, er aus seinem bereits vorgezeichneten Weg ausbrechen will.
Magees Roman ragt nicht nur sprachlich heraus, er enthält viele Facetten, Themen und besitzt eine faszinierende Tiefe. So werden neben der Haupthandlung auch mehrere Akte des Terrors und der Gewalt beschrieben, die die Inselbewohner kommentieren, entsetzen, teils auch entzweien. Das Eiland, auf dem das Meer den Lebensrhythmus bestimmt, ist nur auf den ersten Blick eine Idylle. Auch hier gibt es Spannungen und Auseinandersetzungen – zwischen den Generationen, zwischen Männer und Frauen.
„(…) wie er warten sollte an einem Ort, an dem nichts geschah, ein Ort ohne die Notwendigkeit, dass etwas geschah.“
Audrey Magee, in Irland geboren, studierte Deutsch, Französisch und Journalismus in Dublin. Mehrere Jahre arbeitete sie für verschiedene Zeitungen, so für The Irish Times, The Guardian oder The Observer. Ihr Romandebüt „The Untertaking“, 2014 erschienen, war für mehrere Literatur-Preise nominiert, darunter den Baileys Women’s Prize for Fiction. „Die Kolonie“ stand 2022 auf der Longlist des renommierten Booker Prize und wird verfilmt.
Das Buch der Irin ist ein eindrückliches und sprachlich unvergleichlich schönes Werk, das bewegt und erschüttert, das aber auch durch seine Beschreibungen der Landschaft und eines einfachen Lebens auf eine ganz besondere Weise fasziniert.
Weitere Besprechungen auf den Blogs „Buch-Haltung“, „Seiten-Hinweis“, „Feiner reiner Buchstoff“ und „Trouvallies Litteraires“
Audrey Magee: „Die Kolonie“, erschienen im Verlag Nagel und Kimche, aus dem Englischen übersetzt von Nicole Seifert; 400 Seiten, 24 Euro
Foto von Simon Hurry auf Unsplash


