Christoph Hein – „Das Narrenschiff“

„Das neue Leben muss anders werden als dieses Leben, als diese Zeit.“

Alles beginnt mit einer Begegnung: Das kleine schüchterne Schulmädchen Kathinka trifft auf den großen Präsidenten Wilhelm Pieck. Verewigt auf einer Postkarte, die Jahrzehnte später die nunmehr erwachsene Kathinka zerreißen und im Papierkorb entsorgen wird. Da ist das Land namens DDR fast von der Karte verschwunden – und das Leben vieler meist nicht mehr, wie es einst war. Egal aus welcher Schicht sie stammten, ob sie Arbeiter oder eben jene Funktionäre waren, denen sich Christoph Hein in seinem neuesten voluminösen Roman „Das Narrenschiff“ zuwendet.

Ein System namens Narrenschiff

750 Seiten hat dieser Wälzer. Man zieht förmlich den Hut vor der Leistung des nunmehr 81-jährigen Schriftstellers, dessen Werke wohl Generationen begleitet haben und auch weiterhin werden. Mich persönlich seit dem Studium. Nun also „Das Narrenschiff“, das einen zuerst an die gleichnamige Satire aus dem Jahr 1494 des Juristen und Humanisten Sebastian Brandt (1457/58-1521) denken lässt. Doch es ist der Wirtschaftswissenschaftler Karsten Emser, einer der Hauptfiguren des Romans, der, von der Entwicklung des Landes letztlich desillusioniert, in mehreren Passagen vom System als Narrenschiff spricht. Er erkennt früh das Scheitern der politischen Vision.

Emser und seine Frau Rita zählen neben Johannes und Yvonne Goretzka sowie dem Germanisten und Anglisten Benaja Kuckuck zu einem Kreis von Funktionären und Intellektuellen, die sich über viele Jahre nahezu regelmäßig treffen. Sie zählen zur Elite, stehen sinnbildlich für verschiedene Bereiche wie Politik Wirtschaft, Kultur und Bildung. Sie werden Zeuge geschichtlicher Schlaglichter wie der Aufstand am 17. Juni 1953 oder den Bau der Mauer am 13. August 1961. Nicht jeder wird immer die Gunst der Höhergestellten und staatlichen Gremien erfahren, manch einer wird im Verlauf der Jahre degradiert. Doch nicht nur der Kreis verbindet sie: Egal, durch welchen Sturm das Narrenschiff namens DDR trudelt – sie kritisieren das System, doch letztlich rütteln sie an den Pfeilern der Macht nicht. Sie sind Günstlinge und Stützen von Politik und Gesellschaft.

Vom überzeugten Nazi zum Kommunisten

Dabei holt Hein zeitlich weiter aus. Die anachronistische Handlung beginnt nicht erst mit der Gründung der DDR am 7. Oktober 1949. Wenn man ihre Entwicklung erkennen will, sollte man in die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die der NS-Gewaltherrschaft zwischen 1933 und 1945 blicken. Denn in jenen Jahren verliert Yvonne ihre große Liebe Jonathan, einen Juden, den sie nach seiner Flucht nie wieder sehen wird; sein Schicksal bleibt ungeklärt, wenngleich offenkundig. In jenen Jahren wandelt sich im russischen Gefangenenlager ihr späterer Mann Johannes, versehrt im Krieg, von einem überzeugten Nazi zum Kommunisten. Wie Karsten Emser kommt Goretzka nach Kriegsende nach Berlin, um den neuen Staat als Ingenieur für Hüttenwesen und Erzbergbau mit aufzubauen.

Mit ihm steigt auch seine Frau die Karriereleiter auf – erst als Leiterin des Kulturhauses Weißensee später als stellvertretende Leiterin des Referates Kinder- und Jugendfilm. Nicht Liebe und Zuneigung verbindet das Ehepaar, sondern ein privilegiertes Leben, von dem andere nur träumen können. Doch zufrieden sind beide nicht. Die Beziehungen zu den Kindern Kathinka und Heinrich sind unterkühlt. Yvonne holt sich das innere Glück beim Schuh-Kauf, während ihrer zahlreichen Affären oder später dank des einen oder anderen guten Tropfens. Dass in der DDR viel und oft getrunken wurde – statt Blumen gab’s eben mal schnell eine Flasche Wodka als Geschenk -, auch darüber schreibt Hein.

„Wir haben den Spiegel zerbrochen, um uns nicht selbst darin sehen zu müssen.“

Auch örtlich spannt er die Handlung weit auf: Er führt uns nach Berlin und Leipzig, in eine Parteischule im Harz sowie in die Sowjetunion, nach Großbritannien, Österreich und Schweiz, wohin Kuckuck, die wohl schillerndste Figur in diesem Roman, einst geflohen war, wo er später eine neue, ihm geeignete Professor-Stelle erhofft, die ihm in der DDR trotz seiner Reputation als Shakespeare-Experte verwehrt wird. Er wird Yvonne Goretzkas Vorgesetzter, später Chefredakteur und Herausgeber der Wochenzeitung „Sonntag“.

„Aber heute, nein, das sind nur die üblichen, die ganz gewöhnlichen Petitessen in der Politik. Da ist kein Minotaurus am Werk, nur kleine, ganz kleine Kröten und Ratten. Oder ich sollte sagen: schlaue Füchse.“

Heins Roman ist voller Geschichte und Geschichten, selbst in der DDR geborene und aufgewachsene Leser werden über die eine oder andere Lektion staunen. Ich wusste beispielsweise nichts über die Auseinandersetzung um die Ostgebiete nach Kriegsende, wie Walter Ulbricht als Staatsoberhaupt einst zu Fall kam, welche Folgen Stalins Tod 1953 hatte. Hein bringt einem deutlich vor Augen, welche Rolle Ideologie und Propaganda in der DDR gespielt haben, wie politisiert der damalige Alltag war. Neben fiktiven Protagonisten tauchen auch reale Persönlichkeiten auf: Honecker, Ulbricht, Markus Wolf, Leiter des Auslandsnachrichtendienstes der DDR, hier im Roman Fuchs genannt. Auch von der Entstehung des Trabants, von den Reparationsleistungen und ihren gravierenden Folgen, von der stetigen Mangelwirtschaft, dem Beginn der Demonstrationen, die letztlich zur friedlichen Revolution und zum Mauerfall führen, und den späteren Massenentlassungen berichtet Hein.

sprachlich eher schlicht

Ist „Das Narrenschiff“ inhaltlich ein Meisterwerk, kann es indes sprachlich nicht völlig überzeugen. Es fehlt an Poesie, an einer gewissen Gestaltungskraft. Heins Sprache ist schlicht, an vielen Stellen von sachlicher und nüchterner Natur mit teils banalen Schilderungen. Gerade im vorderen Teil finden sich redundante Passagen, in denen wieder und wieder auf die Rolle und Lebenswege der einzelnen Personen eingegangen wird. Und manch Ungereimtheit findet sich auch. Die Dialoge ragen da indes glanzlichtartig heraus, in denen sich die Protagonisten mit der DDR und ihrem System auseinandersetzen.

All das verzeiht man jedoch, denn der Roman mit einer Handlung, die einen nicht loslässt, entwickelt einen Sog, dem man sich nur schwerlich entziehen kann – und wird. Den dicken Wälzer nimmt man gerne mit, liest in der Bahn, bei einer Kaffeepause, am Abend auf dem Sofa. „Das Narrenschiff“ ist indes mehr als ein eindrucksvoller Roman über die Geschichte der DDR. Er erzählt allgemein auch, wie Diktaturen gestützt werden – durch die systematische Ächtung und Verfolgung Andersdenkender, durch Menschen mit einem rücksichtslosen Willen zur Macht und vielen Lügen.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „literaturleuchtet“ und „Kommunikatives Lesen“.


Christoph Hein: „Das Narrenschiff“, erschienen im Suhrkamp Verlag, 750 Seiten, 28 Euro

Foto: OTFW/wikipedia

4 Kommentare zu „Christoph Hein – „Das Narrenschiff“

  1. Schöne Besprechung. Ich denke immer noch, dass Hein dieses Projekt über Jahre vor sich her gezogen hat, eine tolle Idee, basierend auf Sebastian Brants Buch, aber zu episodisch, am Ende, für mein Gefühl. Was ich tatsächlich vermisste, war eine nachvollziehbare Charakterführung: Kathinkas Werdegang fand ich alles andere als plausibel, sie wirkte viel zu draufgängerisch, als so kleinbei zu geben; und Ritas Vorschlag zur Untreue erregt jedes Mal wieder Yvonnes Verwunderung, als würde sie die Gespräche mit ihrer besten Freundin vergessen. Yvonne fand ich eigentlich am besten gelungen, muss ich sagen. Viele Grüße.

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    1. vielen Dank für das Lob und den ausführlichen Kommentar. Aus dieser Episodenhaftigkeit lässt sich dann vielleicht auch die Redundanz erklären. Ja, man kann viel und oft diskutieren über dieses Buch. Mir hat eher der Germanist recht gut gefallen. Viele Grüße

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