„Auf diese Weise doppelt genäht zu sein, das hat ihn bisher immer gerettet.“
Er hat Spuren hinterlassen, prägende Bauten entstanden in Berlin und anderswo. Sein Schaffen wurde mit renommierten Preisen gewürdigt. Dennoch hat Hermann Henselmann (1905-1995), Chef-Architekt Ost-Berlins, das autoritäre Machtsystem der DDR zu spüren bekommen. Viele Bücher gibt es über die DDR, nun erzählt Henselmanns Enkelin, die Journalistin und Autorin Florentine Anders, die Geschichte ihres Großvaters und die seiner Zeit. Dabei gelingt ihr ein beeindruckender Spagat.
Zum Chefarchitekten ernannt
Anders zeichnet Henselmanns beruflichen wie privaten Lebensweg von den 30er-Jahren bis zu seinem Tod und die verschiedenen Stationen nach. Seine ersten beruflichen Erfahrungen macht er als ehrgeiziger junger Mann, er entwirft Villen und Einfamilienhäuser im modernen Stil – von den Ideen des Bauhauses und der Avantgarde beeinflusst. Trotz jüdischer Wurzeln überlebt er die dunkle Zeit des NS-Regimes. Nach dem Krieg wirkt er im thüringischen Gotha, im Anschluss als Direktor an der Hochschule für Bauwesen in Weimar. 1949 kehrt er nach Berlin zurück, wo er zum Abteilungsleiter am Institut für Bauwesen der Deutschen Akademie der Wissenschaften ernannt wird. Die Stadt gleicht noch immer einer einzigen Trümmerwüste. Es braucht neue Häuser und neue Visionen. 1953 wird im Zuge der Neugestaltung der Stalinallee Henselmann zum Chefarchitekten beim Magistrat von Groß-Berlin berufen.
Mit seinen modernen Entwürfen eckt er allerdings bei der Staatsführung an. Der Sozialismus soll sich auch in der Architektur des neuen Staates widerspiegeln. Der ideologische Einfluss der Sowjetunion ist groß, immer wieder verschiebt sich indes der politische Kurs, der mal moderater, mal strikter ist, aber stets in das Leben und den Alltag des Einzelnen reicht. Wenngleich Henselmann seine modernen Ideen und seinen Anspruch nie aufgibt, kann er sich zugleich dem rigiden Regime anpassen.
Er zeichnet verantwortlich für die Bebauung am Strausberger Platz und am Frankfurter Tor in Berlin-Friedrichshain. Er gestaltet unter anderem das Haus des Lehrers in Berlin-Mitte. Mit seinen Entwürfen entstehen der „Uni-Riese“, auch Weisheitszahn genannt, in Leipzig und der heutige Jentower in Jena. Der Berliner Fernsehturm, Wahrzeichen der Metropole, basiert auf seinen Ideen. Dennoch erscheint er im Buch als zerrissener Getriebener, den Selbstzweifel quälen, der für seine politische Aufsässigkeit auch degradiert wird.
Cholerisch und gewalttätig
Der Privatmensch Henselmann ist kein sympathischer Zeitgenosse. Er betrügt seine Frau Irene, „Isi“ genannt, mit der er früh eine Großfamilie gründet. Acht Kinder kommen im Laufe nur weniger Jahre zur Welt. Er ist cholerisch, mit viel Wut im Inneren schlägt er unerbittlich als Form der Bestrafung seine Kinder, allen voran seinen Sohn Andreas und die Tochter Isa, die spätere Mutter der Autorin, die gemeinsam mit Henselmann und dessen Ehefrau Isi eine Art Dreigestirn bildet und im Zentrum des Romans steht.

In zahlreichen privaten Szenen tun sich Abgründe auf, wenn beispielsweise Isa brutal geschlagen wird, sie als Jugendliche wegen einer angeblichen Geschlechtskrankheit in eine Klinik, die sogenannte Tripper-Burg, zwangseingewiesen wird. Die Stasi versucht, sie zu rekrutieren und für ihre Zwecke einzuspannen. Besonders berührend: das traurige Schicksal von Peter, einem Freund Isas. Henselmann unterhält Beziehungen zu namhaften, teils schillernden Personen wie die allzu früh verstorbene Schriftstellerin Brigitte Reimann und Dramatiker Bertolt Brecht. Auch Schauspieler Manfred Krug, Liedermacher Wolf Biermann sowie der Chemiker und Regimekritiker Robert Havemann, der Isis Schwester Katja heiratet, bleiben nicht unerwähnt. Alex Wedding, die Kinderbuch-Autorin und Verfasserin von „Ede und Unku“ quartiert Isa eine gewisse Zeit bei sich ein.
„Die Erziehungsmaßnahme ist also geglückt. Hermann gibt mit dem Entwurf des Hochhauses an der Weberwiese die Richtung vor. Einige nennen es Verrat, er nennt es Hakenschlagen vor dem Gefressenwerden.“
Florentine Anders, 1968 in Berlin geboren, studierte an der Universität Leipzig und der Université Assas in Paris. Im Anschluss besuchte sie eine Journalistenschule in Paris und arbeitete als freie Journalistin in beiden Ländern. Sie schrieb für verschiedene Zeitungen und ist derzeit Redakteurin beim Studio ZX, das zum Zeit Verlag gehört. Seit 2022 gehört sie dem Vorstand der von ihrem Bruder Andreas gegründeten Hermann-Henselmann-Stiftung an.
Einblicke in die Recherche
Die Geschichte ihrer Familie erzählt sie in einem schnörkellosen und sachlichen Ton, wenn auch einem bildhaften Erzählstil, der dadurch einen ganz eigenen Sog entwickelt, der mich an den aktuellen Roman „Das Narrenschiff“ von Christoph Hein erinnern ließ, mit dem es noch eine zweite spannende Parallele gibt: Das Mosaikfries „Unser Leben“ des Malers Walter Womacka (1925-2010), das in Teilen auch auf dem Cover des Hein-Romans abgebildet ist, ziert die Fassade des Hauses des Lehrers, das Henselmann entworfen hatte und von 1961 bis 1964 nahe dem Berliner Alexanderplatz errichtet wurde. Das Buch enthält viele kleine wie große Geschichten, lädt ein zu einem Bummel durch Berlin und seine prägenden Großbauten.
Nie hat der Leser, die Leserin das Gefühl, „Die Allee“ als eine Art persönlicher Abrechnung mit dem Großvater zu lesen. Mehrfach gibt Anders in einigen Kapiteln, die die chronologische Handlung durchbrechen, Einblicke in Gespräche mit Familienmitgliedern oder in ihre eigenen Erinnerungen. So zerrissen das Land, so zerrissen zeigt sich auch diese Familie, vor allem auch die der mütterlichen Seite. „Die Allee“ ist ein faszinierender, erhellender und teils auch berührender Roman über Henselmann und jene wechselvolle Zeit, über das Thema Architektur in der DDR, aber vor allem auch über die Frauen an seiner Seite, allen voran seine Frau Irene und Tochter Isa, die stets versuchten, aus dem Schatten ihres Mannes respektive Vaters herauszutreten und ein selbst bestimmtes Leben zu führen.
Eine weitere Besprechung gibt es auf „Mona Lisa Blog“.
Florentine Anders: „Die Allee“, erschienen im Verlag Galiani Berlin, 352 Seiten, 24 Euro
Foto: Andreas Steinhoff



Die „Stalinallee“, wie sie zur Zeit ihrer Erbauung hieß, hat mich sehr fasziniert, als ich vor 30 Jahren nach Berlin kam. Die breite Magistrale bis zum Horizont, die üppig verzierten, großzügigen Häuser. So was hatte ich bisher nur in Paris gesehen. Doch je mehr ich erfahre, mit welcher Brutalität gegen andere und sich selbst die Planer und Erbauer vorgegangen sind, desto mehr schwindet die Faszination. Das Buch scheint da zur Aufklärung beizutragen. Inzwischen bröckeln auch wieder die Fassaden am Straußberger Platz, die in den 1990ern von einem westdeutschen Investor restauriert wurden.
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