Sorj Chalandon – „Herz in der Faust“

„Unsere Wut war überbordend, ohne Plan, ohne Ziel, ohne Kalkül.“

Wie viel Gewalt, Schmerz, Leid kann ein junger Mensch ertragen? Eine Frage, die sich stellt, liest man die letzte Seite des neuen Romans des französischen Schriftstellers Sorj Chalandon. Erneut erzählt er in „Herz in der Faust“ von einem besonderen Schicksal und von einer Geschichte mit einem authentischen Hintergrund. 

Straflager der brutalsten Sorte

Egal, wie man dieses Buch liest, ob mit oder ohne begleitende Recherche im weltweiten Netz; dazu später mehr. Es trifft einen ins Herz. Ohne es pathetisch zu meinen. Wir lernen Jules, genannt Kröte, kennen und begleiten ihn einige Jahre. Mit 13 kam er in die sogenannte Korrektionsanstalt auf der bretonischen Insel Belle-Île-en-Mer, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort, mehr Mitläufer als Täter war. Korrektionsanstalt – was für ein schmeichelnder Begriff für ein Straflager der brutalsten Sorte, in der Gewalt herrscht, das Essen dürftig ist, die Aufseher sadistische Schweine sind, Misshandlungen zum Alltag gehören. Die Kinder und Jugendlichen müssen Zwangsarbeit leisten. Ein Ausbruch ist nahezu zwecklos. Die Mauern sind hoch, die Anstalt befindet sich auf einer Insel, umgeben vom rauen Atlantik.

Doch nach einem Aufstand im August 1934 – Jules ist mittlerweile 20 Jahre alt und seit sieben Jahren inhaftiert – gelingt ihm die Flucht – als einzigem. Denn an der Jagd nach den geflohenen Häftlingen beteiligen sich auch die Bewohner der Insel, darunter Kinder sowie Touristen. Ein Kopfgeld in Höhe von 20 Francs ist ausgesetzt. Jules findet indes Unterschlupf und ein neues Zuhause. Der Sardinenfischer Ronan Kadarn und dessen Frau Sophie, die als Krankenschwester in der Korrektionsanstalt tätig ist, nehmen ihn auf, werden zu Ersatzeltern, die ihn beschützen und ihm eine Perspektive geben wollen.

Kampf mit der inneren Kröte

Jules lernt eine andere Welt, andere Menschen kennen, die die Hand über ihn halten. Er wird als Decksjunge auf der „Sainte Sophie“ Teil der Besatzung, ein zusammengewürfelter Haufen aus Männern mit den unterschiedlichsten Lebenswegen und politischen Ansichten. Alain stammt aus Wales und ist Kommunist, Pantxo ein Baske. Zudem lernt Jules Sophies Bruder kennen, der den rechtsextremen Feuerkreuzlern angehört und  Jules für seine Organisation gewinnen möchte.

Der entflohene junge Mann wird nicht nur hin- und hergerissen, er fällt auch immer wieder zurück in alte Verhaltensmuster. In seinem Kopf spielt er Gewaltszenen durch. Die Kröte in ihm bekommt Oberhand über den menschlichen Jules, der einst weder bei den Eltern noch bei den Großeltern erwünscht war, der sich einen inneren Panzer zugelegt hat, Weichlinge verabscheut, aber letztlich ein gutes Herz hat. Das Schicksal des kleinen Camille, ein Waisenkind mit „Spatzenkopf“, wird er nie verwinden.

„Ich war selbst zu einer Insel geworden. Zu einem inmitten des Wassers ankernden Gefängnis. Die Flucht war mir nicht gelungen. Ich ging im Kreis wie ein Maultier auf dem Küstenweg.“

Jules ist – bis auf den Epilog – Erzähler seiner eigenen Geschichte. Eine wütende und anklagende Stimme mit einer wuchtigen Sprache, die meist aus kurzen Sätzen und/oder einer stakkatohaften Aneinanderreihung einzelner Wörter besteht, in der dramatische Gefühle Ausdruck finden und mit der darüber hinaus die Handlung vorangetrieben wird.  „Herz in der Faust“ ist ein dramatischer und spannender Pageturner, einer der besonderen Art.

„Mein Frankreich, musst du wissen, ist ein bretonischer Fischer, eine Krankenschwester, ein Kommunist, ein baskischer Bruder und ein Feldhüter aus der Mayenne.“

Sorj Chalandongeboren 1952 in Tunis, schrieb viele Jahre für die Zeitung „Libération“, seit 2009 arbeitet er für die satirische Wochenzeitung „Le Canard enchaîné“. Für seine Reportagen über Nordirland und den Prozess gegen Klaus Barbie, den Gestapo-Chef Lyons, wurde er mit dem Albert-Londres-Preis ausgezeichnet. Er debütierte 2005 mit dem Roman „Le petit Bonzi“. Für sein schriftstellerisches Schaffen erhielt er zahlreiche Preise, unter anderen den Prix Médicis und den großen Romanpreis der Académie française. Mit „Die Legende unserer Väter“ erschien 2012 der erste ins Deutsche übersetzte Roman, es folgten unter anderem „Am Tag davor“, „Wilde Freude“ und zuletzt „Verräterkind“. Bücher, mit denen sich Chalandon auf meiner persönlichen Liste der Lieblingsautoren einen festen Platz erobert hat.

Dichter trifft fiktiven Helden

Bereits Ende des 19. Jahrhundert war die Zitadelle auf Belle-Île-en-Mer eine Strafanstalt für Kinder und Jugendliche, die wegen Diebstahls, Landstreicherei oder nur schlechten Benehmens verurteilt worden waren. Auch den Aufstand hat es tatsächlich gegeben, wobei jedoch keiner der entflohenen Jugendlichen damals entkommen konnte. Im Roman lässt Chalandon den jugendlichen Helden auf den realen Dichter Jacques Prévert treffen, der in einem Gedicht von der furchtbaren Treibjagd erzählt. Sein lyrisches Werk löste einst einen Sturm der Entrüstung aus.

„Herz in der Faust“ bereitet eine packende wie auch hochemotionale Lektüre, die wehtut, die aber auch etwas Hoffnung gibt. Chalandon beschreibt welche Folgen sowohl Menschenhass als auch im besten Fall Menschlichkeit hat. Beides lernt Jules kennen. Ein Held, dessen Schicksal einen tief berührt, bei dessen Lebensweg man sich aber auch fragt, was wäre wenn. Der Epilog am Ende des Buches, der in das Jahr 1942 führt, sorgt für den letzten von vielen Schlägen in die Magengrube.


Sorj Chalandon: „Herz in der Faust“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft in der Übersetzung aus dem Französischen von Brigitte Große; 400 Seiten, 25 Euro

Foto: pixabay

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