„Verlust gehört zum Wesen der Existenz.“
Großbritannien hat sich in einen Archipel verwandelt. New York versank in den Wassermassen des Atlantiks, Großrussland hat Deutschland einverleibt. Die Weltbevölkerung ist um die Hälfte geschrumpft – durch Kriege, Krisen, Katastrophen. Es ist ein beklemmendes Szenario, das der britische Schriftsteller Ian McEwan in seinem neuen eindrucksvollen Roman „Was wir wissen können“ beschreibt, in dem er in das Jahr 2119 sowie in die jüngere Vergangenheit führt. Die Literatur und eine illustre Runde verbinden dabei beide Zeiten.
Legendärer Lyriker & ein verschollenes Gedicht
McEwan hat sich regelmäßig in seinen Büchern mit aktuellen wie brisanten Themen auseinandergesetzt. In „Maschinen wie ich“ geht es um die Technisierung unseres Lebens, in „Kindeswohl“ um den Einfluss der Religionen und moralische Prinzipien. Erneut spielt nun das Thema Klimawandel eine Rolle – und die Liebe zur Literatur sowie deren Bedeutung für uns Menschen. Wir treffen zu Beginn auf den Literaturwissenschaftler Thomas „Tom“ Metcalfe, der sich der Literatur der Jahre 1990 bis 2030 und speziell dem Leben und Wirken des legendären Lyrikers Francis Blundy verschrieben hat.

Er sucht nach einem Text, der als verschollen gilt: Der „Sonettenkranz für Vivien“ ist nur einmal einem kleinen Kreis anlässlich des 54. Geburtstags von Blundys Frau Vivien an einem Oktobertag 2014 vorgelesen worden. Ein Werk mit strenger Form, das seitdem für Spekulationen sorgte und den Rang eines Mythos besitzt. Aus verschiedenen Dokumenten, die in Archiven und Bibliotheken überlebt haben, versucht Metcalfe, den Inhalt, Ort und auch die Ereignisse der Runde, die als „zweites unsterbliches Abendessen“ in die Geschichte eingegangen ist, zu rekonstruieren. Mit dem „ersten unsterblichen Abendessen“ unter anderem mit Wordsworth und Keats 1817 erweist McEwan den großen Dichtern der englischen Romantik seine Wertschätzung. Metcalfs Suche führt ihn an der Seite seiner Frau schließlich zu Blundys einstigem Wohnsitz in den Cotswolds im Südwesten Englands.
Kein Abwegiges Untergangsszenario
Zwischen beiden Ereignissen liegen etwa 100 Jahre, in denen sich die Welt dramatisch verändert hat, in denen die Zivilisation nach Jahren des gedankenlosen Handelns und Überflusses ums Überleben kämpfte, während unzählige Arten ausgestorben sind. McEwan dystopische Bilder sind dabei keineswegs abwegig, sondern vielmehr Ergebnis eines Weiterdenkens und eines „auf die Spitze Treibens“ aktueller politischer wie gesellschaftlicher Geschehnisse. Was jedoch trotz dieses Untergangsszenarios geblieben ist: die Literatur und die Auseinandersetzung mit ihr, die Hinwendung zum geschriebenen Wort, das Katastrophen übersteht. All das Geschriebene ist vor dem Wasser gerettet worden, die Bibliothek, in der Metcalfe forscht, befindet sich auf einem Berg.
„Nach jedem Fehlschlag, nach jeder Katastrophe erholen wir uns und kehren von einem etwas höheren Niveau aus zurück. Aufstieg und Fall, wir schaffen es immer mit Ach und Krach. Wie ein natürlicher Rhythmus, Frühling und Herbst, wenn die Erde Kohlendioxid einatmet und wieder ausatmet.“
Erzählt der erste Teil des Romans von Metcalfe und seiner aufwendigen wie manischen Suche – der Literaturprofessor übernimmt dabei zudem die Rolle eines Ich-Erzählers -, führt der zweite und etwas schwächere Teil des Buches in das Leben von Vivien, deren erster Mann Percy an Alzheimer erkrankt ist. Von der Pflege und der Wesensänderung ihrer großen Liebe überfordert, wendet sie sich nicht nur Francis zu. Dieser zweite Teil stellt den ersten Part gehörig auf den Kopf. Die Geschichte rund um Vivien und ihren erfolgreichen Mann, die zusammen ein dunkles Geheimnis hüten, erscheint in einem ganz anderen Licht. Nicht alles, was Metcalfe zu wissen scheint, entspricht der Wahrheit, nicht jede seiner Quellen ist fundiert. Der Titel des Romans ist aus diesem Blickwinkel heraus auch durchaus doppeldeutig zu lesen.
„Das Talent für Selbstzerstörung war geradezu beispiellos. Man hat es in Kauf genommen, die Zukunft zu riskieren.“
In „Was wir wissen können“ verbindet Großmeister McEwan geschickt die großen Themen mit Einblicken ins Private seiner Figuren. Es wird geliebt, gehasst, fremdgegangen, jeder hat ein Schicksal zu tragen, hat mitunter Verrat begangen. Auch in der Beziehung zwischen Metcalfe und seiner Frau, die ebenfalls Literaturwissenschaftlerin ist, kriselt es.
Seitenhiebe auf digitale Welt
McEwans neuester Streich ist ein fesselnder Pageturner, der nachdenklich stimmt und neben der drastischen Zukunftsvision allerdings auch ruhige Momente und redundante Passagen, einem Kreisen um ein Thema gleich, aufweist. So mancher Seitenhieb nimmt unsere digitale Welt aufs Korn. Die KI bekommt eine unrühmliche Rolle zugewiesen, ihr Einsatz hat dramatische Folgen. Und trotz aller niederschmetternder Nachrichten aus einer möglichen Zukunft vergisst McEwan nicht, einen winzigen Funken Optimismus zu verbreiten: Mit den Geschichten der Nachfahren, nicht der Toten, die wenn zwar ein bescheideneres Leben führen, aber letztlich leben und sich an der Rückkehr der Natur erfreuen.
Eine weitere Besprechung gibt es jeweils auf den Blogs „Letteratura“ und „Sounds & Books“.
Ian McEwan: „Was wir wissen können“, erschienen im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Robben; 480 Seiten, 28 Euro
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