Nun sitze ich hier und schreibe ihn. Dabei wollte ich erst gar nicht. Ich bin eher dem Ausblick zugeneigt als dem Rückblick. Aber warum nicht! Vor etwas mehr als zwei Stunden las ich die Bitte/Frage von Vera („glasperlenspiel13“): „Aber sag mal, veröffentlichst du noch einen Rückblick?“. In meinen Kopf gings hin und her. Ich scrollte durch meine lange Liste an Fotos auf meinem Handy. Nun sitze ich hier. Naja, Ihr wisst schon… Es ist Sonntagabend. Den „Tatort“ lass ich mal sausen. Soll sowieso zu gruselig sein. Sitze doch nicht den ganzen Abend mit dem Kissen vor den Augen.
Doch wie ein ganzes Jahr fassen mit all den Erlebnissen, Ereignissen, Begegnungen, Reisen – und nicht zu vergessen den Büchern? Ich nehme die wohl einfachste Variante. Willkommen zu meinem persönlichen Rückblick in Monatsscheiben.
Januar
Bereits zu Jahresbeginn wirft die Leipziger Buchmesse ihre Schatten voraus. Mich zieht es am 20. Januar nach Berlin ins Felleshus, in die Nordischen Botschaften. Norwegen ist nach 2019 erneut Gastland einer Buchmesse und stellt sein Programm vor. Mit dabei: die AutorInnen Simon Stranger und Vigdis Hjorth.

Februar
Ein Besuch in einem Verlagshaus ist schon etwas Besonderes. Wenn dann noch einer der bekanntesten Schriftsteller des Landes, den ich schon als Studentin gelesen habe, sein neuestes Buch vorstellt, ist das definitiv mehr als ein Jahreshighlight. Meine Wege führen mich in die Berliner Torstraße, in das Haus mit der Nummer 44, wo der Suhrkamp und der Insel Verlag zu Hause sind.

Im Gespräch mit Verleger Jonathan Landgrebe und Soziologen und Autor Steffen Mau spricht Christoph Hein über sein neuestes Werk: „Das Narrenschiff“, ein Backstein von Buch. Währenddessen treffe ich mal wieder Bloggerin und Buchhändlerin Jacqueline Masuck („masuko 13“). Es ist ein unvergesslicher Abend mit beeindruckendem Ausblick auf die City. Ein Bild vom Sonnenuntergang von der Terrasse ist ein Muss.

März
März ist seit jeher Buchmessezeit. Norwegen ist Gastland. Ich würde gern vier Tage lang durch die Leipziger Messehallen laufen, die Lesungen dort und in der Stadt besuchen. Denn Norwegen ist meine Seelenheimat, wer meinen Blog verfolgt, weiß das und auch die Hintergründe. Doch mir bleibt letztlich nur ein Tag, der Messedonnerstag. Ich lass mir allerdings die Eröffnung des Norwegen-Standes nicht ergehen. Mensch, ist das eng hier. Außerdem freue ich mich auf bekannte Blogger-Gesichter.

Die Nacht zum 28. März ist kurz. Zur besten Bäckeraufstehzeit steige ich am Domparkplatz in Naumburg in einen Bus. Mit Jugendlichen der Freien Schule im Burgenland „Jan Hus“ fahre ich nach Auschwitz. Wir besuchen in den nächsten Tagen die Gedenkstätte zum Stammlager und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau sowie weitere Ausstellungen in der Stadt. Danach ist man ein/e andere/r. Diese Reise hat unbeschreibliche Spuren hinterlassen. Da ist immer wieder eine unfassbare Traurigkeit. Ich habe bei der Rückreise drei Bücher zusätzlich im Gepäck: Primo Levi „Ist das ein Mensch?“, Christoph Heubner „Als wir die Maikäfer waren“ und Wieslaw Kielars „Anus Mundi. Fünf Jahre Auschwitz“. Am 8. Mai wird meine doppelseitige Reportage unter dem Printtitel „Im Frühjahr in die Dunkelheit“ erscheinen.

April
Mein Wanderjahr nimmt Fahrt auf. Zu Fuß Landschaften und Orte zu entdecken, gibt mir den Ausgleich zur fordernden Arbeit als Redakteurin bei einer Tageszeitung. Ich muss raus an die Luft. Strecke machen. Natur entdecken. Es erdet mich. Mit der Saale-Horizontale rund um Jena und dem Waldgebiet der Hohen Schrecke, ebenfalls in Thüringen gelegen, habe ich zwei sehr schöne Stammreviere nahezu direkt vor der Haustier. Nach der Arbeit setze ich mich darüber hinaus oft und gern aufs Rad – die Saale entlang. Reiher und Eisvogel gucken!

Mai
Juchu, es geht in die Berge. Seit einer Bayern-Rundreise im ersten Coronajahr mit Start im Berchtesgadener Land und einem Aufenthalt am Tegernsee hat sich der Bergvirus in mir breit gemacht. Heilung ausgeschlossen! Nach mehreren Urlauben in Österreich und Südtirol fahre ich diesmal mit dem Zug ins schöne Allgäu nach Oberstdorf zum Energie auftanken. Ein Tag werde ich zudem das Kleinwalsertal besuchen. Fürs Skispringen fehlt der Schnee. Aber Wandern tut es auch. Wieder eine Region zum Verlieben entdeckt. Ich komme wieder!

Juni und Juli
… sind arbeitsreiche Monate. Naumburg feiert seine Fünfte Jahreszeit: das Hussiten-Kirschfest. Eines der größten und traditionsreichsten Stadtfeste Mitteldeutschlands. Zwar sollen die Hussiten niemals hier gewesen sein, aber was soll’s. Gefeiert wird trotzdem – fünf Tage lang. Ich besuche Ausstellungen im Kunsthaus Apolda und im Schillermuseum in Weimar, das eine großartige Schau zu Goethes „Faust“ präsentiert. Sie ist noch bis zum 1. November 2027 zu sehen. Und Weimar lohnt immer eine Reise.
August
Zwei Wochen, mehr als 4.000 Kilometer durch Dänemark, Norwegen und Schweden. Mit meinem Bruder mache ich einen langgehegten Plan endlich wahr. Wir fahren gemeinsam nach Norwegen, dem Land unserer Großmutter. Mein Zielwunsch: die Vogelinsel Runde an der Westküste unweit von Ålesund, wo ich einst als Au-Pair gelebt habe. Wir haben ein schönes Haus gemietet mit Blick auf Langeneset. Es ist ein ganz eigenartiges Gefühl, wieder hier zu sein.




Zwischen all den Erinnerungen bemerke ich die Veränderungen auf der Insel. Mehr Touristen, vor allem Wohnmobile. Ein Umweltzentrum ist entstanden. Während der Mammut-Tour durch Skandinavien sehen wir Berge und Täler, Rentiere und unendlich viele Seevögel, leider keinen Elch, die quirligen wie architektonisch beeindruckenden Städte Oslo und Kopenhagen genauso wie die fast menschenleeren und kargen Weiten des norwegischen Hochlandes. Alles lief wie am Schnürchen. Keine Panne, kein Unfall. Keine Fähre ohne uns. Nur die eine oder andere Unterkunft, über Airbnb gebucht, ist dann doch nicht so hyggelig. Aber die Erlebnisse haben all das wieder wettgemacht.


Gut eine Woche nach meiner Rückkehr geht es nach Erlangen. Das Poet*innen-Festival ruft. Premiere für mich, ich bin das erste Mal hier. Bei einem tollen Blogger-Treffen des Penguin Verlags erzählt Ulrike Draesner von ihrem neuen Buch „penepoles sch()iff“. Mit Sabine von „Binge Reading & more“ ziehe ich im Schlossgarten von Lesung zu Lesung. Wie die Literatur dort gefeiert und gelebt wird, wie unzählige Menschen die Veranstaltungen auf Bänken oder auf Decken sitzend im Park verfolgen, beeindruckt mich sehr.
September
Ich habe die Freude und die Ehre wieder eine Lesung zu moderieren. In der Naumburger Stadtbibliothek stellt der georgische Schriftsteller Iwa Pesuaschwili in der Veranstaltungsreihe „Interlese“ des Friedrich-Bödecker-Kreises seinen preisgekrönten Roman „Müllschlucker, Verloren in Tiflis“ vor. Pesuaschwili erzählt ausführlich und sehr eindringlich von der aktuellen Lage in seinem Heimatland. Mit der Stadtbibliothek bin ich eng verbunden. Nicht nur bietet sie meinem Lesekreis einen Raum. Ich unterstütze die wunderbare Initiative „Auf die Bücher, fertig, loslesen!“, mit der Kindergartenkinder an Bücher herangeführt werden und ihre Lieblingsbücher gekürt werden. Seit Jahren sitze ich in den Jurys zu Vorlesewettbewerben. Angesichts der sinkenden Lesekompetenz sehe ich die Leseförderung aktuell als eines der wichtigsten Themen und dringendsten Aufgaben unserer Gesellschaft an.
Oktober
Buchmesse Numero zwo im Jahr: Frankfurt is calling! Ich habe eine wunderbare Einladung von Vera erhalten, bei ihr in Mainz die Zelte aufzuschlagen. „Ich fahre zwar später nach Prag, aber du kannst gern bei mir übernachten!“ Wir haben uns am Abend vor ihrer Abreise viel zu erzählen. Uns verbindet Leipzig, wo wir beide studiert haben, die ostdeutsche Herkunft. Ein Thema, was uns wie die Literatur beide sehr beschäftigt.

Am Samstag gibt es ein Wiedersehen mit Sabine. Sie zeigt mir Mainz, eine Stadt, die mich sehr beeindruckt. Wir besuchen das Gutenberg-Museum, die Stephanskirche mit den Fenstern von Chagall und den Dom, streifen durch die Straßen, über Plätze, besuchen ein paar schöne Geschäfte, erleben den Trubel zum traditionellen Marktfrühstück. Ein rundum schönes Wochenende – bis auf das spätere Fiasko mit der Bahn. Wenn ich über das Bloggen nachdenke, fallen mir vor allem diese vielen Begegnungen ein, die Menschen, die ich in all den Jahren kennenlernen durfte. Ich bin sehr dankbar dafür. Wenige Tage später ist in der Naumburger Stadtbibliothek Annett Gröschner mit ihrem Roman „Schwebende Lasten“ zu Gast. Eine wunderbare Lesung und ein wunderbares Buch!


November
Ein paar freie Tage. Ich bin mal wieder in Berlin. In der Akademie der Künste wird der Band „Ich will Wirklichkeit“ mit den Liebesbriefen von Anna Seghers an ihren Verlobten und späteren Mann László Radványi vorgestellt. Es moderiert Volker Weidermann, es liest Schauspielerin Jördis Triebel. Mit dabei sind auch Jean Radvanyi, Anna Seghers Enkel, sowie Seghers-Expertin Christiane Zehl Romero. Ein wunderbarer Abend. Statt eines Blicks auf die City gibt es diesmal das angestrahlte Brandenburger Tor zu bewundern. Ich nutze zudem die Gelegenheit, Elvira Hanemann, Buchhändlerin im Ruhestand, und ihren Mann Walter in Berlin-Moabit zu besuchen.

Die arbeitsfreie Zeit nutze ich auch, um mich durch die Vorschauen zu blättern. Es wird ein großartiges Frühjahr, wie ich finde. Die Liste der zu lesenden Bücher ist lang. Bereits am 14. November bin ich mal wieder in Leipzig – im Literaturhaus. Schauspieler Charly Hübner stellt sein Buch „Wenn du wüsstest, was ich weiß …. – Der Autor meines Lebens“ vor und erzählt von seinen Uwe-Johnson-Lektüren. Wann lese ich endlich die „Jahrestage“? Die spätere Nachricht, dass das Literaturhaus in der Literaturstadt vor dem Aus stehen könnte, macht mich traurig und zugleich wütend. Mein Blog feiert seinen 14. Geburtstag. Er ist im Teenageralter, ich zähle mich zu den Blogger-Dinos, die es irgendwie durch die Flaute geschafft haben. But the show must go on!
Dezember
Der letzte Monat huscht nur so an mir vorbei. Ich bin nicht so recht in Advents- und Weihnachtsstimmung. Ich gönne mir ein paar schöne Bücher, darunter den Thüringen-Roman „Herrscht 07769“ des diesjährigen Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai und den preisgekrönten Roman „Zeit der Mutigen“ von Dimitré Dinev; die Donau-Region steht im Mittelpunkt der diesjährigen Leipziger Buchmesse.

Und langsam stelle ich mir einen Stapel der Bücher zusammen, die mich in 2025 besonders berührt und/oder geprägt, mich bereichert haben. Fast alle habe ich hier auf meinem Blog vorgestellt. Es sind eine ganze Reihe Sachbücher dabei wie Robert Macfarlanes „Sind Flüsse Lebewesen?“ oder „Hase und ich“ von Chloe Dalton. Ich lese mittlerweile mehr davon – auch aus einem erfreulichen Grund heraus: Schon seit einiger Zeit schreibe ich regelmäßig Besprechungen für die beiden Zeitschriften „bild der wissenschaft“ und „natur“, was mir sehr viel Freude bereitet. Ein großes Dankeschön an dieser Stelle an Petra von „Elementares Lesen“, die mich damals angesprochen hatte. Sachbücher füllen für mich eine (achso entsetzliche) Lücke: Mir fehlt das Lesen und Lernen aus der Studienzeit.
Und was bringt nun 2026?
Hoffentlich noch ein My mehr Zeit fürs Lesen, weniger fürs Handy, dieses ständige Wischen und weg, ein unberechenbarer Algorithmus. Social Media ist ein Zeitfresser und oftmals schlecht fürs Herz und für die Seele, wie ich immer mehr bemerke. Kürzlich hat eine neue Debatte begonnen: Beginnt eine neue Ära der Blogs? Wir werden es sehen. Prophezeiungen sind nicht mein Ding, meine Glaskugel ist nicht wirklich verlässlich. Mich graut nur vor dem aktuellen Weltenlauf, der einen geradezu zwingt, in andere Welten abzutauchen. Hoffen wir einfach das Beste! Schaffen wir uns Rückzugsräume! Achten wir auf uns und unsere Mitmenschen!
PS: Das Beitragsfoto entstand zur Frankfurter Buchmesse im Schöffling Verlag. Ich liebe Eulen!


Das klingt nach einem erfüllten, erlebnisreichen Jahr – ich wünsche Dir, dass das eben begonnene ähnlich wird.
(Und beim „Tatort“ hast Du nichts verpasst – das war ein ziemlicher Quatsch.)
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Im Rückblick habe ich viel entdecken können, was ich so alles erlebt habe. Manches war mir gar nicht mehr so präsent. Ja, das war ein ereignisreiches Jahr, über das ich dankbar bin. Ich wünsche Dir auch ein gesundes und glückliches neues Jahr. Viele Grüße
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Ein toller, vielseitiger und inspirierender Rückblick, liebe Constanze! Ich wünsche Dir ein gesundes, gutes und hoffentlich ebenso erfülltes neues Jahr 2026! Ich lese Deine Blogbeiträge sehr, sehr gerne und freue mich auf alles, was da kommt! Herzliche Grüße! Barbara
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Vielen Dank für Deinen wertschätzenden Kommentar, liebe Barbara. Das freut mich sehr, und ebenso: Ich lese Deine Beiträge ebenfalls sehr gern. Dir ein erlebnisreiches, gesundes wie glückliches neues Jahr. Liebe Grüße
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Wie schön , liebe Conny, Dir ein bisschen durch das Jahr zu folgen. Wir Buchhändlerinnen sind buchtechnisch ja immer viel zu sehr in der Zukunft . Da war es auch einmal toll, zu schauen, welche tollen Bücher es im vergangenen Jahr gab und was Du Schönes erlebt hast. Vielen Dank dafür!
Freuen wir uns auf ein inspirierendes Bücherjahr 2026…
Liebe Grüße aus Bonn
Monika
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Hab‘ Dank für Deinen Kommentar. Ja, es war ein abwechlungsreiches Jahr gewesen. Hoffen wir auf ein gutes 2026! Liebe Grüße nach Bonn
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Wunderbare Impressionen von Büchern und Buchmenschen, Wanderungen und Reisen! Ich freue mich auf deine kommenden Artikel, liebe Constanze 😀
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Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Petra.
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Was für ein schöner, vielfältiger Rückblick. Und, wie gesagt: Wenn Du noch mal in Mainz bist… :-)
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Vielen Dank für Deinen Kommentar. Mainz hat mir unheimlich gut gefallen, deshalb würde ich sehr gern wieder einmal kommen. Viele Grüße
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