Kjell Westö – „Dämmerung“

„Die Jungen sterben im Schnee.“

Am 30. November 1939, drei Monate nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen, beginnt im hohen Norden es an anderer Stelle zu „brennen“. Der sogenannte Winterkrieg zwischen Finnland und der Sowjetunion nimmt seinen Lauf. Die finnische Hauptstadt Helsinki (Helsingfors) wird aus der Luft durch Flugzeuge der Roten Armee bombardiert. Der finnland-schwedische Schriftsteller Kjell Westö erzählt in seinem neuen Roman „Dämmerung“, welche Folgen der Krieg auf die Menschen hatte.

Ein Paar durch den Krieg getrennt

Mittendrin ein Paar: die Schauspielerin Molly Timm und der Kriegsreporter Henry Gunnars, die der Krieg trennt. Während sie mit einem Schauspiel-Ensemble Schweden bereist und an der Seite ihrer Kollegen in Theatern landauf und landab auftritt, um für die Unterstützung Finnlands zu werben, ist er als Kriegsreporter an der Front, wo er über den Kriegsverlauf berichtet und später aus einem Lazarett Molly Briefe schreibt. Erst Monate später sehen sie sich wieder – die Zeit und die erlebten Geschehnissen haben sie beide verändert. Nicht nur die Zerstörung in Helsingfors, wo beide leben, sondern auch der Verlust geliebter Menschen.

Darüber hinaus stecken beide in einer beruflichen Krise. Molly bekommt nicht mehr die Parade-, sondern eher die Nebenrollen – ob im Theater oder beim Film. Ihr Stern ist gesunken. Henrys Texte werden nicht mehr in den Zeitungen gedruckt, weil er die Geschehnisse realistisch beschreibt, was seinem Vorgesetzten Sandberg und dem Befehlshaber der Propaganda-Einheit missfällt. Ein Beitrag über einen Soldaten, der nach dem Fronteinsatz als Patient in einer Psychiatrie mehr schlecht als recht behandelt wird, wird abgelehnt. Unter dem Misserfolg und die Trauer und Ängste ob der Verluste und des Krieges leidet ihre Beziehung, die Höhen und Tiefen erlebt. Mehrfach entfernen sie sich voneinander, um schließlich wieder einander zu finden.

Eindrückliches Stimmungsbild

Doch auch die schwierige Versorgung in der Stadt trägt zu Spannungen bei. Lebensmittel und Benzin sind knapp. Die Zivilbevölkerung leidet. Molly und Henry streiten sich um das Essen. Viele flüchten in der schweren Zeit in den Alkohol. Die Stimmung im Land kippt, als mit dem Ende des Winterkriegs Finnland Gebiete an die Sowjetunion abtreten muss. Der Optimismus ist dahin.

Der Hass auf den Feind verschärft sich, währenddessen ein Großteil der Menschen Hitler, den Nationalsozialismus und das Dritte Reich verehrt und Finnland infolge einer Missernte in eine stärkere Abhängigkeit von Deutschland getrieben wird. Die Zeit des Friedens und einer gewissen Unbeschwertheit währt indes nur kurz. Im Juni 1941 steht Finnland an der Seite der deutschen Wehrmacht im Krieg gegen die Sowjetunion – der sogenannte Fortsetzungskrieg beginnt. Und Henry muss als Mitglied einer Informationskompanie erneut an die Front …

„Überall in der Welt mussten junge Männer damit rechnen, dass man ihnen ihr Leben stahl, bevor es überhaupt angefangen hatte, und verantwortlich dafür waren alternde Männer mit Finsternis im Herzen.“

Die schrecklichen Folgen des Krieges, das Leid der Menschen erzählt Westö indes nicht anhand von Opferzahlen oder anhand der Beschreibungen von Zerstörung. Er blickt vielmehr auf den Alltag der Menschen – und besonders intensiv in deren Innenleben. Seine beiden Hauptfiguren stehen dafür stellvertretend. Beide verlieren in ihrem Umfeld geliebte Menschen: Molly ihren guten Freund Max, Henrys Nichte Asta, Mollys vielversprechende Schauspielkollegin, ihren Mann. Und Henry sieht selbst an der Front und in den Lazaretten, zu was Gewalt und Zerstörung führen. Wie der Krieg letztlich Leben frisst. Es gibt keinen, der nicht jemanden für immer verloren hat.

„Aus unmittelbarer Nähe hatte die Welt des Krieges keine Nuancen oder feineren Abtönungen. Da gab es nur die tiefste Dunkelheit des menschlichen Daseins, die einsamen, keuchenden Atemzüge jedes Einzelnen und den blinden Überlebenswillen.“

Die Handlung, die sich von Januar 1940 bis in den Sommer 1941 erstreckt und auf unterschiedliche Schauplätze verteilt wird, wird aus Mollys und Henrys Perspektiven geschildert, was sich auch sprachlich widerspiegelt. Westös wagt sprachlich keine Experimente, doch gelingt es dem Schriftsteller, die Lesenden in die Geschichte und nah an die Protagonisten zu führen, ihnen deutlich die Entbehrungen und den Schmerz zu veranschaulichen.

Erschütternder Antikriegsroman

Westö, 1961 in Helsinki geboren und einer der erfolgreichsten Autoren seines Landes, entwirft ein komplexes und eindringliches Panorama dieser Zeit mit teils beklemmenden Szenen. Allen voran das bedrückende Ende sowie die Passagen in der Psychiatrie, deren traumatisierte Patienten oft als Feiglinge angesehen werden. Mit seinen beiden Hauptfiguren gibt Westö zugleich spannende Einblicke in das Theaterleben und die Filmbranche sowie die Berichterstattung, die indes mehr Propagandazwecken als der unvoreingenommenen Information der Bevölkerung diente.

„Es war als habe sich der Krieg dauerhaft in der Stadt niedergelassen. In den hellen Nächten schlich er herum wie ein graues Gespenst, er färbte die schrumpfenden Schneehaufen kohlrabenschwarz, er sickerte als ekelhafter Geruch aus den Ziegelmauern der Hochhäuser.“

Über das ganze Buch verstreut finden sich Namen realer Personen. Mehrfach erwähnt wird der Dramatiker und Theatermacher Bertolt Brecht (1898-1956), der sich zur Handlungszeit des Romans im Exil in Finnland aufhielt. Westö hat für seinen Roman, für den 2024 mit dem Stipendium der schwedischen Klockrosen Stiftung geehrt wurde, ausgiebig recherchiert, in Bibliotheken, Antiquariaten, in Briefen von Soldaten.

„Dämmerung“ liest man dann letztlich nicht nur als ein Buch, das auf die Geschichte des Zweiten Weltkrieges und die dunklen Kapitel des 20. Jahrhunderts blickt und ein eindrückliches wie realistisches Stimmungsbild zeichnet, sondern vielmehr auch als ein erschütternder Antikriegsroman.


Kjell Westö: „Dämmerung“, erschienen im Piper Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Kristina Maidt-Zinke; 528 Seiten, 26 Euro

Foto: Heikki Roivainen – Finnische Kavallerie in Karelien, Frühjahr 1942

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