Leben nach dem Ende – Denis Johnson "Fiskadoro"

Die Erde war zu Staub geworden, die moderne Zivilisation bis auf kümmerliche Reste hinweggefegt. Wenige Jahre nach einem verheerenden Atomkrieg lernt Mr. Cheung, der frühere Manager des Miami Sinfonieorchesters, den Fischersohn Fiskadoro kennen und bringt ihm das Klarinetten-Spielen bei. Mehr recht als schlecht. Es gibt Wichtigeres als die Kunst und Musikunterricht –  in jenem künftigen Florida, das zerstört ist von einer Atombombe. Eine weitere war damals nicht detoniert und liegt als warnendes Denkmal noch immer sichtbar nahe des Strandes.

Der zweifache Schlag verleiht nun der ehemalige Stadt Key West einen neuen Namen: Twicetown. Hier ist das Leben auf das Notwendigste reduziert, leben die Menschen in Trümmern. Schnellstraßen sind zerstört, es fahren keine Autos. Strom gibt es nicht mehr. Man lebt von Tauschgeschäften. Es ist die Zeit der Prophezeihungen, Religionen sowie neuer Glaubensgemeinschaften und Lebensformen wie die Israeliten und eben die Fischer, die mit ihren Familie auf einem verlassenen Army-Stützpunkt in ihren Hütten hausen. Eines Tages verschwindet der zwölfjährige Junge, nachdem sein Vater nicht mehr von einem Fang zurückgekommen ist. Fiskadoro landet bei den Sumpfmenschen, die zurückgezogen ihre archaische Kultur pflegen. Der dortige Aufenthalt verändert den Jungen, der verletzt und von seinen Erinnerungen beraubt jedoch wieder zu seiner Familie zurückkehrt.

Der junge Held gibt den Roman des amerikanischen Autors Denis Johnson seinen Namen. Sein Zukunftsszenario nach der Atomkatastrophe ist düster und voller bizarrer Szenen und Dialoge. Er ist deshalb kein Lesestoff für einen erholsamen Strandurlaub, es sei denn, man will sich anspruchsvoller Literatur widmen. Johnson, 1949 in München als Sohn eines amerikanischen Offiziers geboren, zählt zu den bekanntesten amerikanischen Autoren der Gegenwartsliteratur.  Für seinen 2007 erschienenen Roman „Tree of Smoke“ („Ein gerader Rauch“) über den Vietnamkrieg erhielt er den renommierten National Book Award. Und auch in seinem 1985 veröffentlichten Werk „Fiskadoro“ geht der Leser durch die Hölle. Bücher über die Apokalypse sind bekanntlich keine schlichte Unterhaltungslektüre. Man muss sich einlassen auf vom Elend gezeichnete Gestalten, auf eine Zeit fern ab von denkbaren heutigen gesellschaftlichen Maßstäben und auf grausame Szenen: So werden auf dem Gelände eines Hotels Hunde und Ziegen getötet, sieht Fiskadoro auf seiner Heimreise Verstorbene, die von der Katastrophe überrascht wurden und noch immer in ihren Fahrzeugen sitzen. Nach der Verstrahlung tauchen zudem bei Mensch und Tier Mutationen auf.

Der Roman ist mit seinen 255 Seiten zwar von dünnem Umfang, ohne allerdings damit an Wirkung zu verlieren. Dem Autor bleibt sogar genügend Raum, in den Schilderungen geschickt einen Zeitsprung einzubauen:  Erzählt wird die Geschichte von Cheungs Großmutter, die während des Vietnamkrieges aus dem Land geflohen war, nach einem Helikopterabsturz nach 22 Stunden aus dem Pazifik gefischt wurde. Während sie die betagte Zeitzeugin ist, erscheint Cheung als Denker, der das Vor und Danach der Katastrophe reflektiert und damit auch das Gewissen einer Generation bildet, die vom Thron einer modernen Gesellschaft in den Abgrund gestoßen wurde und nicht das Leben, sondern das Überleben erlernen müssen.

Fiskadoro von Denis Johnson erschien im 2005 im Rowohlt-Tachenbuchverlag in der Übersetzung von Ute Spengler und Bettina Abarbanell (Durchsicht); 244 Seiten, 8.90 Euro

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