Ausgesetzt – J.M.G. Le Clézio "Ein Ort fernab der Welt"

„Hier herrscht tiefer Friede, eine sanfte Ruhe (…).“ 

Die alte Heimat Mauritius sollte das Ziel sein. Als der Arzt Jacques Archambau, dessen Frau Suzanne und dessen jüngerer Bruder Léon in Marseilles im Jahr 1891 die „Ava“ in Richtung Indischer Ozean besteigen, wissen sie nicht, dass vor ihnen eine Schreckensfahrt liegt. Nach einem Stopp in Aden, wo die beiden Brüder den sterbenskranken Dichter Rimbaud im Krankenhaus kennenlernen, brechen auf dem Schiff die Pocken aus. Die Passagiere werden auf die Insel Ile Plate nahe Mauritius in Quarantäne gebracht. Hier wohnen bereits eine Gruppe Inder, die sich auf dem Eiland eingerichtet haben, unter bescheidenen Verhältnissen leben. Sie bauen Gemüse an, bauen an dem Hafenkai. Beide Gruppen werden indes voneinander getrennt. Die Europäer werden in einer Quarantänestation auf der anderen Seite der Insel, also auch räumlich getrennt von den Indern, untergebracht.
Mit der Zeit fallen weitere ehemalige Passagiere der Krankheit zum Opfer, auf der Nachbarinsel Gabriel ausgesetzt finden sie fern der Landsleute meist qualvoll den Tod und werden verbrannt; darunter der Botaniker John Metcalfe, der den jungen Léon an die Geheimnisse der Pflanzenwelt heranführen will und die Flora der abgeschiedenen Insel auf Erkundungen studiert.

Literaturnobelpreisträger J.M.G. Le Clézio entwirft in seinem 1995 erschienenen Roman „Ein Ort fernab der Welt“ mehrere Gegensätze. Neben den unterschiedlichen, von einer imaginären Linie getrennten Menschen, auf der einen Seite die Europäer, auf der anderen Seite die Inder, erhalten auch die Verhältnisse auf der Insel konträre Konturen. Neben dem Leid der Kranken und der Nähe des Todes setzt Le Clézio ein Naturparadies. Für dessen Schönheit hat indes nur Léon Augen, der die Insel mit der Zeit als neue Heimat anerkennt, zumal er in der schönen Inderin Surya eine Liebe findet und von deren Seite er nicht weichen will. Der Jüngere der Brüder kann sich nicht vorstellen, nach Mauritius zu gehen. Zorn überkommt ihn bei dem Gedanken an die Patriarchen, die den auf der Insel gestrandeten Menschen nicht helfen wollen. Schon vor einigen Jahren sind auf diese Weise aus Indien stammende Emigranten gestorben. So entstehen zwischen den Brüdern, die beide früh ihre Eltern verloren haben, nahezu unüberwindbarer Differenzen.

Nach mehreren Monaten werden die Inselbewohner schließlich mit Schiffen von der Insel geholt und nach Mauritius gebracht. Beide Seiten haben zahlreiche Opfer zu beklagen. Auch Surya verlor ihre Mutter, deren Geschichte und damit unruhige Jahre der Kolonialepoche, als Indien von Unruhen erschüttert wurde, ebenfalls erzählt werden.  Beide Zeitebenen sind eingebettet in einer Rahmenhandlung, die in den 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts spielt. Der Enkel von Suzanne und Jacques begibt sich auf die Suche nach seinem Großonkel Léon, der nach der Rettung als verschollen galt.

Obwohl der Roman mit seinen mehr als 570 Seiten recht handlungsarm erscheint, kann man sehr an ihm hängen. Vorausgesetzt man mag Naturbeschreibungen. Denn gerade mit diesem Werk kommt man angesichts wunderbar poetischer Landschaftsschilderungen, aus dem Blickwinkel des jungen Leon erzählt, voll auf seine Kosten. Die exotische Schönheit der Insel, die Flora und Fauna mit ihren seltenen Vertretern und der Kontrast zwischen Meer, Riffen sowie einer schroffen Vulkanlandschaft  eine gewichtige Rolle. Und immer wieder dazwischen: Eine Liebeserklärung an große Dichter und ihre Werke wie Rimbaud, Hugo, Longfellow.

So spaltet sicherlich Le Clézios Roman auch die Leserschaft: Die einen werden das Buch nach einigen wenigen Kapitel angesichts der fehlenden Spannung zur Seite legen, die anderen werden dank der Poesie und des einzigartigen Entwurfes eines „Ortes fernab der Welt“ die Einsamkeit mit der Lektüre genießen.

Der Roman „Ein Ort fernab der Welt“ von Jean Marie Gustave Le Clézio erschien im Verlag Kiepenheuer & Witsch in der Übersetzung aus dem Französischen von Uli Wittmann. 
576 Seiten, 24,95 Euro