Tragischer Schlussakkord – Ketil Bjørnstad "Der Fluß"

Aber es ist noch möglich, an das Leben zu glauben, denke ich, sein Selbst zu formen, weiterzugehen trotz all des Schmerzlichen, das geschehen ist.“

Wiederbegegnungen wecken oft zwiespältige Gefühle: Freude, Erwartung, Angst. Fragen entstehen: Was ist demjenigen mittlerweile geschehen, was hat er erlebt? Die Zeit kennt nur Veränderung. Viel ist geschehen, seit Aksel Vinding, Held des Romans „Vindings Spiel“, seine große Liebe Anja durch ihren Tod verloren hat. Beide waren ob ihres Talentes und Fleißes auserkoren, berühmte Pianisten zu werden, beide scheiterten indes. Im Band „Der Fluss“ schreibt Ketil Bjørnstad die Geschichte des jungen Musikers aus Oslo zu Beginn der 70er Jahre weiter. Der Leser begegnet Aksel Vinding und er die Mutter seiner großen Liebe. 
Es ist ein simpler Zettel, an einem Lichtmast befestigt, der Aksel Vinding und Marianne Skoog, die Mutter von Aksels verstorbener Freundin Anja, zusammenführt. Sie sucht einen Untermieter, er ein Zimmer, in dem er sich ganz in Ruhe auf sein Debüt vorbereiten kann. Der 18-jährige begabte Pianist überlegt kaum, entscheidet sich spontan und zieht in das Haus der Skoogs und in das Zimmer seiner früheren Freundin ein.Es ist ein leeres Haus und gefüllt von Tragödien. Nicht nur das Schicksal Anjas, die sich zu Tode hungerte, wirft dunkle Schatten. Im Keller erschoss sich auch Mariannes Mann Bror. Was das Haus mit Leben erfüllt, ist ein großer Steinway-Flügel, auf dem Aksel zu üben beginnt, die riesige Plattensammlung von Bror sowie die beginnende Zuneigung zwischen Aksel und der 17 Jahre älteren Mutter Anjas, einer engagierten Ärztin.

Es beginnt eine Liebesbeziehung, die trotz ihres großen Altersunterschiedes und der kritischen Reaktionen des Umfelds, Bestand hat. Doch die Liebe wird auf die Probe gestellt, als der junge Musiker vom psychisch-labilen Zustand seiner Freundin erfährt. Nach Mariannes Selbstmord-Versuch genau an jener Stelle, an der ihr Mann sich das Leben nahm, stellt Aksel vor einer großen Entscheidung. Einer Entscheidung, die er mit Ernst und Kraft nicht nur fällt, sondern auch in die Tat umsetzt. Obwohl – so viel sei hier verraten – die Geschichte rund um Aksel und Marianne ein unheimlich trauriges Ende nimmt. Ein Ende, das einen tragischen Schlusspunkt setzt nach all jenen schrecklichen Geschehnissen, auf die Aksel rückblickend schaut und erzählt.
Beide müssen schlimme Schicksale verarbeiten: den Tod geliebter Menschen. Denn neben Anja und Bror kam Aksels Mutter bei einem Unfall ums Leben. Der Ort des Geschehens war jener Fluss, der dem Roman seinen Namen gab und den Aksel immer wieder aufsucht. Man könnte meinen, der Autor bündelt ein Unmaß an Tragödien, um sie mit geballter Kraft auf die beiden Protagonisten regelrecht niederprasseln zu lassen. Der Schatten des schrecklichen Endes, das in wenigen Sätzen erzählt wird, berührt tief. Es bleibt ein Schock, auch wenn man schon gespürt hat – da muss noch etwas Trauriges, ja Tieftrauriges kommen. Das Happy-End hat sich irgendwo versteckt, in all jenen schicksalhaften Erlebnissen und Erfahrungen, so dunkel, so tragisch, so rührend.

Einen kleinen Trost spendet das Buch: Es schwingt in nahezu jeder Seite mit und ist der besondere Kern dieses Romans. Bjørnstad zählt zu den bekanntesten Jazzpianisten Europas, vielleicht sogar der Welt. Bereits in „Vindings Spiel“ hat er der Musik eine Loge zugewiesen – und nun erneut. Aksel und Marianne lieben die Musik. Er ist begabter Pianist, der sich der Klassik verschrieben hat, sie mag die modernen Lieder einer Joni Mitchell, erlebte das vibrierende, junge Leben Woodstocks hautnah. Beide ergänzen sich. Gemeinsam hören sie die Platten, sprechen über die Musik, die indes für Aksel auch gewaltigen Druck bedeutet: seine Klavierlehrerin Selma Lynge, neben Marianne die zweite starke Frauengestalt des Romans, bringt ihn mit Strenge zum Debüt, das erfolgreich verläuft. Doch der kurzzeitige Ruhm geht unter; angesichts des dunklen Endes. Das Leben trägt ein dunkles Gewand.

Der Roman „Der Fluß“ von Ketil Bjørnstad erschien als Taschenbuch im Suhrkamp-Verlag.
383 Seiten, Preis: 9.90 Euro

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