Der Verlust – Ralf Rothmann "Hitze"

„Warum muss man ständig etwas tun und erreichen wollen? Kann man nicht einfach nur leben.“ 

Happy-Ends gibt es nur im Film. Das Leben ist anders und keineswegs eine Suche nach den besten Pralinen aus der Pralinenschachtel. Irgendwann ist auch diese leer. Der Glaube an ein gutes Ende ist trügerisch und verleitet einen, das Leben als Spaß zu empfinden, ganz nach dem Motto: Irgendwann wird alles gut. Traurige Erlebnisse und eine tragische Wende des Schicksals bringen uns schnell auf den Teppich der Realität, vielleicht auch viel weiter nach unten. Eine solche Geschichte des Niedergangs schildert Ralf Rothmann in seinem Roman „Hitze“.

Simon DeLoo beginnt eine Stelle in einer Großküche in Berlin Kreuzberg. Hier werden nicht nur die Mittagsmenüs von Ost und West, von Unternehmen, Großraumbüros und Verwaltungen mal mehr, mal weniger gut gekocht. Hier treffen – wenige Jahre nach dem Mauerfall und der deutschen Wiedervereinigung – auch die unterschiedlichsten Typen aufeinander. Der eine ist homosexuell, der andere steigt den Frauen hinterher, ein dritter Mitarbeiter versorgt Obdachlose mit Essen, die Putzfrau schleppt ständig ihren Hund mit zur Arbeit. DeLoo würde allerdings hier – zwischen riesigen Pfannen und Töpfen, zwischen Kilo schweren Säcken mit Gemüse und gefrorenen Schweinehälften – gar nicht schurwerken, wenn er nicht seinen früheren Job aufgegeben hätte. Er war ein erfolgreicher Kameramann. Bis seine Lebensgefährtin stirbt. Mit Klaputzsek – eben jenen Kollegen, der Obdachlose versorgt – trifft er während einer Tour auf eine polnische Stadtstreicherin mit einem verletzten Hund. Sie helfen ihr und wenig später kommt es zwischen DeLoo und jener jungen Frau namens Lucilla zu einer zweiten Begegnung. Beide finden allmählich zu einander, DeLoo bringt sie in die Wohnung seiner verstorbenen Frau, gibt ihr Sachen von ihr. Beide fahren schließlich nach Pommern, der Heimat der jungen Polin. Hier genießen beide die gemeinsame Zeit. Auch wenn ein weiterer Mann zwischen beiden steht. Wenige Tage später sind sie verschwunden, und Klaputzsek findet DeLoo in Berlin wieder. In einem erschreckenden Zustand.
In den fünf Kapitel steht DeLoo im Mittelpunkt. Seine Vergangenheit bleibt indes verborgen. Nichts wird berichtet, wie er seine Liebe verloren hat,  wie er seinen erfolgreichen Job an den Nagel hängt. Nur eins wird immer wieder deutlich: der Verlust hat ihn nahezu alles genommen.
Erst mit dem Fortschreiten der Handlung bemerkt man wie melancholisch, wie tieftraurige die Geschichte um diesen Mann doch eigentlich ist. Zwar beginnt Rothmann sein Buch mit recht ironischen Szenen, lässt die Protagonisten in ihren eigenen, manchmal recht einfachen Jargon plaudern, doch der Absturz am Ende nimmt einem nahezu den Atem, war doch zuvor mit der Begegnung zwischen DeLoo und der jungen Polin etwas Licht entstanden. Licht, nach manchmal auch grausamen Szenen wie der in einem Berliner Schlachthof oder jener, in der sich in einer Berliner Kneipe die Männer plötzlich gegenseitig verprügeln. Über all jene verschiedenen Orte und Berliner Milieus mit all ihrer Hektik und ihren vielen Menschen bleibt DeLoo jedoch irgendwie im kühlen Rampenlicht stehen, wird sein Gefühlsleben nach und nach entblättert. Zwar trifft der Leser auf das bunte Leben in einer Millionenstadt, vom Freudenhaus über einen Schrottplatz bis hin zu einer Villa, aber der wirkliche Held bleibt allein, im wahrsten Sinn des Wortes. Vor allem eine Szene (siehe Auszug) lässt einen den Verlust und die Einsamkeit DeLoos spüren. Er betritt das Schlafzimmer und sieht die Sachen seiner früheren Frau und ruft nach ihr. Sie ist auf eine spezielle Art und Weise noch immer bei ihm. DeLoos Vermieterin, eine alte, sicherlich auch schrullige Malerin, die weiter an ihren Werken arbeitet, weiß, wie es ist, den Menschen an seiner Seite zu verlieren.

Es ist jedoch nicht nur diese eigenartige, mal humorvolle, mal tieftraurige Geschichte, die einen das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt. Rothmann, Jahrgang 1953 und einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwartsautoren, kann wunderbar erzählen und beschreiben. Selbst die kleinsten, für einige vielleicht unbedeutende Dinge: Alle Sinne spricht er an, wenn er so poetisch das Licht in zahlreichen Szenen beschreibt, so realitätsnah die Arbeit in der Großküche, erotisch die Liebesszene zwischen DeLoo und Lucilla in/an einem See und so wunderschön die Natur im ländlichen Polen, so hässlich-grau die unzähligen Fabrikgebäude und die Betonwüste einer Metropole.
Was er mit dem Titel des Buches, „Hitze“, meint, ist jedoch nicht so einfach zu deuten. Ist es die Hitze in einer Großküche, die Hitze einer neuen Liebe…? Ist die Hitze vielleicht nur das Pendant zur Kälte, der menschlichen Kälte? Überhaupt lässt Rothmann viele Fragen offen. Der Schluss trägt viele Deutungen in sich. Viele Zeitsprünge zwischen den Kapiteln bilden Lücken, vieles bleibt ungeklärt. Aber der Leser hat seine eigenen Gedanken und Gefühle. So erzählt der Roman nicht nur eine dunkle Geschichte, er ist auch Herausforderung an des Lesers Fantasie. Er wird jedoch mit einer ungemein faszinierenden Lektüre belohnt. Wer Bücher mit besonderen menschlichen Schicksalen mag, aber auch eine Faszination für die Sprache entwickelt hat, wird diesen Roman lieben, auch wenn er vom Ende nahezu erschlagen wird. Denn das Leben kennt keine Happy-Ends.

Der Roman „Hitze“ von Ralf Rothmann erschien 2003 im Suhrkamp-Verlag und ist bereits als Taschenbuch erhältlich.
289 Seiten, Preis: 9,95 Euro

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