Das sich selbst besingende Land – Wolfgang Büscher "Hartland. Zu Fuß durch Amerika"

„‚Wo bist Du her?‘, ‚Aus Berlin, das liegt in Deutschland.‘ Die Großmutter krächzte laut auf, es war ihre Art zu lachen, sie fand es lustig, plötzlich einen Marsmenschen im Auto zu haben.“

Es ist Winter, als er seinen ersten Fuß in das Land setzt. Es ist kalt,  und Schnee ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Doch nicht die Wettereskapaden halten ihn an der Grenze zwischen Kanada und den Vereinigten Staaten von Amerika auf. Es ist ein Mann an der Grenzstation, der nicht glauben will, dass einer zu Fuß über den Kontinent läuft, dem es merkwürdig erscheint, dass jener auch noch Stempel  als Andenken von Aufenthalten in China und Jordanien im Pass hat. Doch schließlich ist Wolfgang Büscher drüben. Und nach dem ersten Schritt werden Hundertausende folgen – quer durch die Staaten, quer durch das Hartland, zu Fuß durch Amerika, wie der Autor sein Reise- und Erinnerungsbuch benannt hat. Von einer Tour, die am Ende einen besonderen Lohn nach unzähligen Strapazen bereithält: Nicht nur ein Land gesehen, sondern auch in sein Innerstes geschaut zu haben. Doch sollten wir an dieser Stelle nicht schon vom Finale berichten, wenn auf den Herausforderer in Outdoor-Kluft und einen Rucksack im Rücken noch viele Anstrengungen warten.

In Zahlen ausgedrückt sind es rund 3.500 Kilometer, die bewältigt werden müssen – von North-Dakota bis Texas, quer durch die Great Plains, quer durch die einstigen Jagdgründe unzähliger Indianerstämme und riesiger Büffelherden, die heute verschwunden sind. Ohne Rechenkunst und Aneinanderreihungen von Etappen, Städten und Wegekilometer gibt es für die unermeßlichen Weiten „in the middle of the land“ fernab von den Mega-Cities der Ost- und Westküste oftmals nur einen Ausdruck: Land, Land, Land, die Wucht des leeren Landes. Und nicht nur vor der archaischsten Bewegung des Menschen an sich, dem Laufen, haben sie ihn gewarnt. Und das auch noch in den USA, wo das Herumziehen per pedes immer auf Skepsis stößt. Auch jene unermeßliche Weite war Teil der Warnung.

Zwischendurch macht Büscher alltägliche wie auch besondere Begegnungen: der Indianer, der zum Cowboy wurde, der Rodeoreiter, der seine Brötchen auf dem Rücken eines Büffels verdient, die alte Frau, die ihn einen mehrseitigen Fragebogen vorlegt, damit er für eine Nacht ein Dach über den Kopf hat, den jetzigen Anführer der Davidianer-Sekte, die sich 1993 während einer Belagerung von Polizei und Militär selbst ins Jenseits befördert hat. Unter den mehr als 80 Opfern waren tragischer Weise auch zahlreiche Kinder. Neben Misstrauen erfährt Büscher indes auch viel Unterstützung von Menschen, die ihm eine Mitfahrgelegenheit anbieten oder eine Übernachtung geben. Gerade die ärmeren und hart arbeitenden Amerikaner helfen ihm nach Kräften und mit Freude. Er ist außerdem zu Gast in Saloons, Diners, Motels. Einmal war das Zimmer eines Altenheimes und einstigen Hotels seine Herberge.

Zwischen all den Erlebnissen und Begegnungen flechtet Büscher – der bereits eine ähnliche Reise von Berlin nach Moskau zu Papier gebracht hat – in seinem Bericht Rückblicke und Reflexionen ein. Er erzählt vom deutschen Aristokraten Maximilian  Prinz zu Wied und Neuwied und seinen Reisen im 19. Jahrhundert sowie seine enge Bindung zu den Ureinwohnern. Großes Thema und an vielen Stellen immer wieder beleuchtet: die Eroberung des Landes durch die Siedler, die das Land in Besitz nahmen und in einem bisher unbekannten Ausmaß verwandelten. Nicht nur die Indianer vertrieben, sondern auch die Büffel auslöschten. Und auch die Frage nach der heutigen Rolle Amerikas stellt Büscher mehrfach. Über sein Heimatland und die Amerikaner schreibt er vergleichend: „Wir bauten Maschinen, einige der besten der Welt. Sie aber verkauften Träume, die erfolgreichsten der Welt. Damit waren sie weit gekommen. Aber wie weiter?“ Schließlich wissen die Amerikaner es am besten, dass eine gesicherte Existenz und Erfolg nicht nur auf Träumerei und Glück gebaut sind und viele auf der Strecke bleiben.

So reist man an der Seite Büschers nicht nur mit den Augen durch das unermessliche Land vom winterlichen Norden bis in den späteren heißen Sommer des Südens, sondern auch mit Kopf und Geist. Am Ende erwartet uns Mexico, die gemeinsame Reise mit dem Herausforderer ist zu Ende. Und obwohl wir nur in der Vorstellungskraft das Land erlebt haben, staunend das Buch in der Hand, rührt sie im Inneren mehr als jeder Katalogurlaub.

„Hartland. Zu Fuß durch Amerika“ von Wolfgang Büscher erschien im Rowohlt Taschenbuch Verlag.
304 Seiten, 9,99 Euro

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