Abseits – T.C. Boyle "San Miguel"

„Ist die Welt nicht ein seltsamer Ort? Sie hat nirgends Platz, außer in sich selbst wie eine Insel.“ Eric Fosnes Hansen 
 

Die wenigsten halten es aus  – in der Einsamkeit und Abgeschiedenheit einer Insel, die, umgeben vom Meer und abseits vom Festland, wie eine Welt für sich erscheint. So ist San Miguel. Inmitten des Pazifiks liegend, Kilometer von der kalifornischen Küste entfernt, leben nur ein Handvoll Menschen: Marantha, ihr Mann Will und die adoptierte Tochter Edith sowie Helfer, die der Familie bei der Bewirtschaftung des Hofes und der Schafherde unter die Arme greifen. Eigentlich soll der Rückzug auf die Insel Marantha von ihrer Schwindsucht befreien. Doch die Freude auf ein Abenteuer, eine neue Herausforderung wird schnell getrübt. Das Herrenhaus entpuppt sich schon am ersten Tag als „feuchte Hütte“, in denen die Mäuse auf den Tischen tanzen, das Eiland zeigt sich mit den regelmäßigen Wetterkapriolen von seiner herben und ungemütlichen Seite. Nur ein Schiff, das die Vorräte transportiert, bildet die einzige Verbindung zum Festland. 

 
Doch die Geschichte ist noch nicht zu Ende, als die Familie die Insel verlässt. Autor T.C. Boyle strickt sie in seinem aktuellen Roman „San Miguel“ weiter. Wer den letzten Roman des amerikanischen Kultautors gelesen hat, wird angesichts eines ähnlichen Themas und eines nahezu identischen Schauplatzes – der Roman „Wenn das Schlachten vorbei ist“ spielt ebenfalls auf den sogenannten Channel Islands, zu denen San Miguel zählt – ein kleines Deja vu erleben. Um das Thema Naturschutz geht es in seinem jüngsten Buch allerdings nicht. Vielmehr widmet sich der Amerikaner dem Schicksal dreier Frauen. Denn nach Marantha bekommt auch deren Adoptivtochter Edith  das harte und karge Leben auf der zwar idyllischen, aber auch unwirtlichen Insel zu spüren. Sie muss sie nach dem Tod der Mutter diese ersetzen, den Haushalt führen, putzen und das Essen kochen – für ihren Vater und die Helfer, die zur Schafschur auch schon einmal als Gruppe auf der Matte stehen und verköstigt werden wollen. Dabei hatte sich Edith ihre Zukunft ganz anders vorgestellt. Sängerin wollte sie weder, eine Flucht angesichts des tyrannischen Vaters der einzige Ausweg. 
 
Der ganze Kontrast zu den ungewollten Aufenthalten ihrer Vorgängerinnen setzt hingegen Elise und ihr Mann Herbie. Hier schließt sich auch der Kreis: Denn deren Helfer Jimmie war bereits in jungen Jahren für Marantha und Will tätig. In der Zeit als die Welt wirtschaftlich am Abgrund steht, wird die Insel eine sichere Idylle, die der Familie zwar ein anstrengendes Leben, aber auch Glück verheißt. Das Paar und seine zwei Töchter werden von der Presse als Inselkönige gefeiert. Zum Schiff als Verbindung zum Rest der Welt sind Flugzeuge und das Radio hinzugekommen. Doch auch jene glücklichen Jahre werden tragisch enden, als die große Politik auch die kleine Insel ergreift, Soldaten auf das Eiland abkommandiert werden und Herbie einen schrecklichen Unfall erlebt. 
 
Egal welches Frauenschicksal – Boyle schickt den Leser auf eine Berg-und-Tal-Bahn der Gefühle. Wenn die Hoffnung sich für einige Absätze gar Seiten ausbreiten kann, kommt in Kürze die Ernüchterung. Alle drei Frauen scheitern letztlich an dieser Insel, doch nicht sie hat Schuld daran. Vielmehr zeigt der Autor, dass selbst auf einem entlegenen Teil Land die gleichen Schicksalsschläge und politischen Geschehnissen über Wohl oder Wehe entscheiden können. Ein Abkapseln um des Friedens und der ruhigen Idylle wegen erweist sich als ein Luftschloss. 
 
Wer „San Miguel“ liest, wird sich deshalb nicht im Urlaub fühlen, sondern liest ein spannendes und emotionales Porträt dreier besonderer Frauenschicksale in der Zeit zwischen dem Ende des 19. Jahrhunderts und den 40er Jahren. Boyle hat für seinen Roman recherchiert, nimmt sich allerdings in einem kurzen Vorwort natürlich das Recht eines Schriftstellers heraus, Dialoge, Charaktere und Vorfälle anzupassen. Auch wenn er mit Blick auf den Vorgängerroman den Schauplatz beibehält – Langeweile oder der Gedanke an eine Einfallslosigkeit des Schreibers kommen nie auf. Dass er dafür jetzt in historischen Gefilden unterwegs ist, bereichert dieses Werk ungemein und beweist, dass der Kultautor seinen Titel zurecht trägt und ein begnadeter Erzähler ist.
Der Roman „San Miguel“ von T.C. Boyle erschien im Hanser-Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren.
448 Seiten, 22,90 Euro

3 Comments

  1. Das ist mit Abstand das schwächste Buch, das T.C. Boyle je verfasst hat. Ich konnte kaum glauben, dass diesem tollen Autore diesmal so wenig einfiel. Es war das erste Mal, dass ich mich bei einem seiner Bücher gelangweilt fühlte. Die obige Rezesion ist – sorry dafür – gnadenlos überzogen und trifft den Buchcharakter ganz und gar nicht.
    Nichts für ungut!Herzliche, exotische Grüße
    Dieter Hollender

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    1. Vielen Dank für den kritischen Kommentar. Bei vielen Dingen im Leben streiten sich die Geister, das ist auch bei Büchern nicht anders, die unterschiedliche Meinungen hervorrufen. Meine Besprechungen bilden meine subjektive Meinung ab – und dieses Buch von Boyle hat mir sehr gut gefallen. Und es gibt auch Leser, die teilen meine Meinung wie es eben auch Leser gibt, die Ihnen zustimmen werden. Alles vollkommen in Ordnung, so entstehen Diskussionen. Ich würde mich freuen, wenn Sie trotzdem meinen Blog künftig ab und an besuchen. Viele Grüße

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