Zerbrochen – Jonathan Franzen "Schweres Beben"

„Wie tief sie alle in die Welt gebettet waren, wie tief sie selbst  es war – ein Dasein nicht auf der dünnen Haut der Welt, sondern tief in ihr, in einem Ozean aus Atmosphäre und wogenden Bäumen (…).“

Die Erde rund um Boston wird von einem Erdbeben erschüttert. Das einzige Todesopfer ist Rita, die letzte Frau des vermögenden Jack Kernaghan, Vorstandmitglied des Chemiekonzerns Sweeting-Aldren. Das Unternehmen ist reich geworden wurden durch Lycra-Kunststoff in Bademoden sowie Entlaubungsmittel, das im Vietnam-Krieg zum Einsatz kam. Rita fiel sturzbetrunken vom Stuhl, als die Erde zitterte. Weitere Beben folgen. Von da an zeigen sich auch innerhalb der Familie Holland erste Risse, die als Erben vor einem riesigen Geldvermögen in Form von Sweeting-Aldren-Aktien stehen – die kleinen und großen familiären Tragödien, für die Jonathan Franzen als Autor des 2001 mit dem National Book Award gekrönten Romans „Die Korrekturen“ bekannt ist, nehmen bereits in seinem zweiten, einige Jahre zuvor erschienenen Roman „Schweres Beben“ ihren Lauf.

Während Mutter Melanie nicht weiß, was sie mit dem bald fließenden Reichtum von knapp 22 Millionen Dollar anfangen soll, erhält Tochter Eileen regelmäßige Finanzspritzen aus Mutterhand, Sohn Louis indes geht leer aus. Selbst dann, als er seinen Job als Radiotechniker verliert, nachdem der Prediger Stites die Station übernimmt, um für seine Gemeinde und seine Anti-Abtreibungskampagne die Werbetrommel zu rühren. Louis‘ einziger Trost: die neue Beziehung zu Renée, die einige Jahre älter und als Seismologin an der Harvard-Universität tätig ist. Sie stößt bei ihren Forschungen auf nahezu Unglaubliches: Das Unternehmen Sweeting-Aldren verursacht die Erdstöße, in dem sie giftigen Restmüll kilometertief in die Erde pumpen. Innerhalb ihrer Forschungen lässt Louis Renée sitzen, nicht weil ihm das Ganze zu heiß wird, sondern weil seine frühere Freundin Lauren plötzlich auftaucht.

Schon jetzt wird klar, in diesem Roman gibt es kaum eine ruhige Minute. Alles ist immerzu in Bewegung, die Erde bebt, die Menschen nähern sich an, um sich wenig später wieder abzustoßen. Hinzu kommt der Blick auf das Gesamtgesellschaftliche und die Geschichte des Landes. Beide Themen umhüllen und durchwirken die Entwicklung in der Familie und die Katastrophen. Franzens Blick ist kritisch, sein moralischer Zeigefinger ein hoch erhobener: Er klagt die Ausbeutung und Verschmutzung der Erde an, die in der Neuen Welt schon begonnen hat, als erste Siedler das Land in Beschlag genommen hatten, um nicht nur von den Schätzen des Landes zu leben, sondern auch Profit aus ihnen zu erzielen. Diese Gier findet sich nun wieder im neuen Vorstand von Sweeting-Aldren, der nicht nur weiter, an den Forderungen des Umweltamtes vorbei, Gift in die Tiefe abpumpen lässt, sondern auch in der Seismologin eine Gefahr sieht. Renée wird angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Und selbst dann kehrt keine Ruhe ein: die Erde bebt ein weiteres, stärkeres Mal. Allerdings in jenem Moment, wo Louis – in der Zwischenzeit zu Renée zurückgekehrt -,seine Schwester Eileen und ihr Verlobter Peter dessen Vater,  den Unternehmsvorstand Stoorhuys, in die Mangel nehmen.

Ohne Frage – das Buch ist trotz einiger Längen wegen einiger (moral)-philosophischer Abhandlungen sehr spannend, und Franzen erweist sich als ein begnadeter Erzähler, der für den Blick auf die Charaktere und ihr Innenleben nicht nur zur Lupe, sondern vielmehr zum Mikroskop greift, und die Familiengeschichte in das ganz große Gesellschaftliche einbettet. Am Ende ist jeder gezeichnet – sowohl von den ungeheuren Kräften der Erde als auch von den Brüchen und Konflikten innerhalb der Familien, die aufgrund eigener Fehleinschätzungen und charakterlicher Schwächen entstanden sind. Für Louis Beziehung zu seiner Liebe Renée deutet sich indes eine positive Wende an, die den Katastrophen-Gesellschafts-Familien-Roman noch mit einer berührenden Liebesgeschichte „würzt“. Und auch die Vorstandsmitglieder von Sweeting-Aldren geht es nach der verheerenden Katastrophe im Übrigen blendend – so viel sei an dieser Stelle schon einmal verraten.

„Schweres Beben“ erschien 2006 im Rowohlt Taschenbuch Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Thomas Piltz.
688 Seiten, 9,99 Euro

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