Das (Un)Gewöhnliche – Jón Kalman Stefánsson "Das Licht auf den Bergen"

„Die Träume des Dichters erscheinen am Himmelsgewölbe. Ihr anderen seht auf!“

Irgendwo im Westen Islands. Irgendwann Ende der 70er Jahre. Die Bewohner eines kleinen Ortes aus verstreuten Bauernhöfen bestehend leben ihren Alltag und lieben ihre Gewohnheiten: die hingebungsvolle Pflege ihrer Tiere, der Blick auf die Weite des Landes, der Kaffee zum Nachmittag und das süße Schmalzgebäck. Dazwischen liegen die Dunkelheit und die Sterne, der Schnee und der Regen. Manchmal findet sich auch ein Vogel ein, oder ein Troll.

Wer sich mit Jón Kalman Stefánsson und seinem Roman „Das Licht auf den Bergen“ – der letzte Teil einer Trilogie – auf eine Reise in den Westen Islands begibt, wird ein Wunder erleben. Nicht nur über die reine Natur und die (etwas) hinterwäldlerischen Sitten der schrulligen Einwohner wird der geneigte Leser staunen. Ihm werden vor allem die vielen Geschichten gefallen, vor allem aber ihre einfachen, wie weisen Gedanken. Erzähler ist der Junge, der nach 20 Jahren auf besondere Ereignisse zurückblickt, die sich eben Ende der 70er Jahre dort zugetragen haben. Denn der Wandel klopft an – das traditionsbewusste Dorf soll den Weg in die moderne Zukunft finden. So installiert Bauer Björn moderne Laternen, um die Straße zu seinem Hof besser zu beleuchten (oder ihn vielleicht auch deutlicher hervorscheinen zu lassen). Außerdem plant er noch, ein uralter Gehöft in eine Müllkippe zu verwandeln. Und die unzähligen kleinen und großen Steine, die sich über das Land verstreuen, könnte man doch gewinnbringend an die Bauindustrie verscherbeln. Doch die Gemeinde stemmt sich gegen das Vorhaben. Der Dichter Starkadur erhebt das Wort. Dabei plant ein weiterer Einwohner, der Vorreiter genannt, auf andere Art und Weise den Ort für die Moderne zu rüsten. Mit einem deutschen Ehepaar kommen die ersten Touristen, weitere werden folgen. Die Einwohner erkennen, worin der Wert ihrer Heimat besteht: im einfachen Leben inmitten einer atemberaubenden Natur, die noch wirkliche Stille kennt und einen Sternenhimmel, der noch nicht gegen unzählige Laternen und Lichter anglimmen muss.

Doch diese beiden Begebenheiten sind nur ein Teil der zahlreichen Anekdoten rund um die skurrilen Einwohner des Dorfes.  Inmitten dieser Vielzahl an poetischen Geschichten und Geschichtchen setzt der isländische Autor den Dichter als Helden, lässt mittels des Erzählers von seiner Verliebtheit berichten, von der Suche und der Entdeckung seiner großen Liebe, die Arbeit an der Chronik des Ortes und seiner Hingabe zu den Wörtern und der Sprache. Starkadur ist jedoch nicht der Einzige, der in der Dichtung ein Heil sieht. Nahezu jeder Einwohner liest. Kein Wunder: Island gilt als das lesehungrigste Volk Europas, die Skaldendichtung als besondere Tradition. Der isländische Autor, der zu den bekanntesten Schriftstellern seines Landes zählt, setzt mit seinem Roman dieser gelebten Tradition seiner Heimat ein besonderes Denkmal. Doch sein Buch ist so vieles – ein Wunder eben. Er blickt mit genauso viel Humor wie mit Herzenswärme auf seine Landsmänner. In kaum einen Land gibt es vermutlich so viel Selbstironie wie in Island oder den skandinavischen Ländern, die nicht entblößend wirkt, sondern von Außenstehenden sehr viel Respekt für die Traditionen und Eigenheiten abverlangt. Man schmunzelt genau so oft, wie man über Land und Leute, ihre Hingabe zu ihrer Heimat sowie ihrer Lebensweisheit staunt. Weise Worte finden sich in nahezu jedem Kapitel – dies macht das Buch auch zu so einem besonderen Schatz. Wie der Dichter über den Wert des Daseins, die Kraft der Sprache und die Zeit philosophiert, so lassen auch die Einschübe zwischen den Berichten des Jungen den Leser nachdenklich zurück. Zwischen den Erzählungen finden sich immer wieder Selbstreflexionen, die manches Mal auch in sachter Melancholie abgleiten.

All dies lässt trotz einiger weniger Längen und eines mythischen Schlusses ein wunderbares Werk entstehen, das viele Gegensätze in sich birgt, die den Reichtum des Buches ausmachen. Und da ist noch die Stille, die beim Lesen sich einstellt, wenn man sich eben in jenen Ort zu jener Zeit zurückzieht, in den weiten Himmel schaut und das unwirtliche, wie reiche Land erblickt, wo die Bewohner umgeben sind von der Reinheit der Elemente.

„Das Licht auf den Bergen“ von Jón Kalman Stefánsson erschien bei Lübbe, in der Übersetzung aus dem Isländischen von Karl-Ludwig Wetzig.
383 Seiten

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