Vier Jahre Grauen – Peter Englund "Schönheit und Schrecken"

„Dies ist der Krieg. Nicht die Gefahr zu sterben, nicht das rote Feuerwerk der Granaten, die blind machen, wenn sie mit einem Heulen herunterkommen und einschlagen, sondern das Gefühl, eine Marionette in den Händen eines unbekannten Puppenspielers zu sein (…).“

Der Jubel ist größer als die Skepsis und die Furcht zusammen. Europa taumelt mit unbändiger Freude in einen Krieg, der Städte und Staaten, ganze Kontinente mit sich reißen wird. 100 Jahre sind vergangen seit Beginn des Ersten Weltkrieges. Und unter den zahlreichen Veröffentlichungen zum Thema leuchtet ein besonderes Buch heraus. Es lässt sich schwer in normale literarische Kategorien einordnen, ist nicht nur Chronik und Sachbuch, sondern Tagebuch und Roman zugleich. In seinem Band „Schönheit und Schrecken“ nimmt der Schwede Peter Englund den Leser mit in jene Zeit und macht ihn vertraut mit 19 unterschiedlichen Menschen, die es wirklich gegeben hat.

Sie haben verschiedene Nationalitäten und Berufe, die jüngste ist das deutsche Schulmädchen Elfriede, die beiden ältesten Protagonisten sind Harvey Cushing, Feldchirurg in der amerikanischen Armee, und der französische Beamte Michel Corday, beide 45 Jahre alt. Der Rest sind Frauen und Männer, meist in den Zwanzigern, die den Krieg an der Front erleben – als Soldaten verschiedener Armeen und Dienstgrade, als Schwester und Ärzte im Sanitätsdienst.

Sie alle begleitet der Leser. Englund, einst Kriegsreporter und heute Vorsitzender des Schwedischen Literaturnobelpreis-Komitees, hat umfänglich und aufwendig recherchiert, um das Leben und Leiden der 19 Männer und Frauen in den vier Jahren des Grauens zu erzählen. Er lässt seine „Helden“, die mit unterschiedlichen Gefühlen und Erwartungen dem Krieg begegnen, auch durch ihre Tagebucheinträge selbst berichten. Ein mehr als meisterhaftes Stück Literatur entsteht, das auf wundersame und plastische Weise die damalige Zeit in all ihren höchst unterschiedlichen Facetten porträtiert und lebendig werden lässt.  Da trifft der eingangs geschilderte Jubel und die hohe Erwartung auf die Sorge und die Furcht. Die permanente Angst zu sterben ist immer zu spüren. Beschrieben wird die Kluft zwischen einfachem Soldaten und den höheren Offizieren, der nahezu absonderliche Kontrast zwischen der Verwüstung der todbringenden Kriegsschauplätze und den Orten, wo der Alltag nahezu ungebrochen weitergeht. Es gibt jene bizarren Momente in den Schützengräben, wo kurzzeitig Arien gesungen werden, um später wieder mit dem Töten und Vernichten zu beginnen. Doch der Band, reich gefüllt mit Fakten und Informationen, Fotografien und Quellen, Fußnoten und Zeitleisten, schildert vor allem eines: jene große Maschinerie, die den Krieg vorantreibt und aus die er auch besteht, in dem ein Einzelner nur ein Sandkorn in einer Wüste ist. Getötet wird nicht mehr nur Mann gegen Mann, getötet wird mit vielerlei Mitteln. Zum ersten Mal wird der Panzer verwendet, das heimtückische Gas hinterlässt unzählige Tote und Verletzte, Flugzeuge und Zeppeline kommen zum Einsatz. Und nicht nur starben bisher noch nie so viele Menschen in einem Krieg. Auch die Zivilbevölkerung wird zum Ziel taktischer Überlegungen. Doch an einigen Stellen schimmern Spuren der Menschlichkeit durch – nicht nur innerhalb der viel beschworenen Kameradschaft in den eigenen Reihen. Wenn ein Soldat einem Soldaten eines anderen Heeres eine ehrvolle Bestattung ermöglicht, Lazarette sich untereinander helfen, Denkmale für Soldaten anderer Nationen errichtet werden – dann ist das weit mehr.

Am Ende sind von den 19 Personen zwei tot, weitere körperliche und seelische Wracks, andere werden als Helden gefeiert, Elfriede wird ihre erste große Liebe verlieren. Die Welt ist eine andere geworden – auch durch eine Reihe politischer Umbrüche. In Rußland beginnt die Revolution, in Deutschland kommt es zu Aufständen der Flotte, die schließlich dazu führen, dass der Kaiser abdankt. Am Ende steht jedoch schon das nächste Grauen bereit, das 21 Jahre später viel unheilvoller und grausamer sein wird und die Welt in einen noch tieferen Abgrund fallen lässt.

Geschichte sind nicht nur Fakten und Zahlen, es sind die Menschen, die die Zeit, wie sie ist, erleben und sie formen. So zeigt es Peter Englund mit seinem Buch, das nicht nur unheimlich bildet, sondern auch bewegt. Wenn die Geschichte des Ersten Weltkrieges plastisch und besonders nachhaltig im Unterricht behandelt wird, dann bitte doch mit diesem Buch an der Seite. Mehr braucht es wirklich nicht.

„Schönheit und Schrecken. Eine Geschichte des Ersten Weltkrieges, erzählt in neunzehn Schicksalen“ von Peter Englund erschien bereits als Taschenbuch im Rowohlt Taschenbuch Verlag, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt.
704 Seiten, 14,95 Euro