Klänge für die Ewigkeit – Richard Powers "Orfeo"

„Musik sagt die Vergangenheit voraus, erinnert an die Zukunft. Dann und wann werden die beiden eins, und allein mit der simplen Gabe eines kreisenden Lauts entziffert das Ohr das ganze verworrene Kryptogramm. Ein gleichbleibender Rhythmus, ewige Gegenwart, schon ist man frei. Doch nach ein paar Takten schließt sich der Mantel der Zeit wieder um uns.“

Er ist auf der Flucht, der Heimatschutz auf der Jagd nach ihm. Die Reise ins Ungewisse wird für Peter Els eine Reise in die eigene Vergangenheit. Ein ganzes Leben hat sich der Professor für Komposition der Musik verschrieben. Nun ist es die Kunst der Klänge, die ihn in Nöten bringt. Denn seinen Ruhestand nutzt Els für Forschungen im selbst gebauten Bio-Labor, wo er sich mit dem Gefüge der DNA und der ihnen zugrundelegenden Struktur als Ordnungsprinzip für ein musikalisches Werk beschäftigt. Als er nach dem Tod seiner geliebten Hündin Fidelio den Notruf wählt, werden die Behörden aufmerksam und zugleich skeptisch. Eine Verfolgung und Hysterie beginnen, während sich Els, nunmehr als Bio-Terrorist unter Verdacht, mit Hilfe einer Freundin aus dem Staub macht.
Mit jedem Tag auf der Flucht, jedem gefahrenen Kilometer und jeder Wiederbegegnung ziehen Ereignisse und Jahre seines Lebens vorbei. Die Zeit wird so zu einer der großen Fragen im neuen Roman des amerikanischen Autors Richard Powers, der in Deutschland mit seinem Werk „Der Klang der Zeit“ Berühmtheit erlangte und für sein Nachfolge-Roman „Das Echo der Erinnerung“ mit dem Nation Book Award geehrt wurde. Und auch in seinem neuesten Streich verbindet er das Leben eines Menschen mit den großen Themen des Lebens wie Liebe, Familie und Freundschaft, der unaufhaltbare Strom der Zeit und die Suche nach der Ewigkeit.

Els ist ein ungemein begabter Musiker, ein „Pilger des Ohrs“, der Erlebnisse und Empfindungen als Klang erlebt. Seine Berufung wird ihm deutlich, als er in jungen Jahren nach dem frühen Tod seines Vaters auf Clara trifft, die in ihm die Leidenschaft für Musik weckt. Sein Studium der Chemie bricht er ab, um sich voll und ganz der hörbaren Kunst zu widmen. Erste Werke entstehen. Nachdem Clara ihn verlassen hat, trifft er wenig später auf Maddy, seine spätere Frau. Er lernt zudem den verrückten Theatermann Richard Bonner kennen, mit dem er später in New York zusammenarbeitet. In der Mega-City will sich der Erfolg jedoch nicht einstellen, als selbst für Avantgarde-Verhältnisse zu modern und neuartig erscheinen die Kompositionen. Els hält sich und seine Familie – wenig später wird auch die Tochter Sara geboren – mit Gelegenheitsjobs über Wasser, während Maddy als Lehrerin arbeitet. Auch diese Beziehung geht in die Brüche, da sich beide auseinanderleben, der eine an der Vervollkommnung seiner künstlerischen Ambitionen arbeitet, der andere ein bürgerliches und gesichertes Leben erhofft. Els zieht sich in die Wildnis von New Hampshire zurück, wo ihn Richard wieder „ausgräbt“. Gemeinsam arbeiten sie an einer Oper, die viel Resonanz erhält. Später bekommt Els das Angebot, als Dozent für Komposition in Pennsylvania zu lehren.

Dieses Auf und Ab der vergangenen Lebensabschnitte setzt Powers in Spannung zum gegenwärtigen Geschehen. In dieses kunstvoll verwebte Gefüge setzt der Autor indes eine weitere Ebene ein: zwei Geschichten, die sich zwei großen Komponisten widmen – Olivier Messiaen und Dimitri Schostakowitsch. Beide sind als große Künstler ihrer Zeit indes zugleich Verfolgte. Messiaen überlebt im Zweiten Weltkrieg ein deutsches Kriegsgefangenenlager, Schostakowitsch die Machtherrschaft Stalins. Und Macht und Herrschaft begleitet den Leser auch in Amerika, wo eine Stimmung der künstlich erzeugten Angst wenige Jahre nach dem 11. September um sich greift, Behörden mit Willkür und überzogenen Sicherheitsgesetzen, Medien mit Hetzkampagnen das Land im Griff haben.

Zwischen diesen Verweisen auf die Stimmung eines Landes ist vor allem Musik. All das, was Els komponiert oder hört, bändigt Powers mit Worten. Nicht immer verständlich für den Laien, der ohne Wissen zu musikalischen Fachbegriffen parallel ein Nachschlagewerk nutzen sollte, um wirklich alles zu verstehen. Dieser hohe Anspruch trübt jedoch keineswegs diesen ungeheuren Glanz, die dieser Roman ausstrahlt. Jeder findet in diesem Buch seine Lieblingsszenen und -bemerkungen. Viele Verweise, auch auf literarische Größen, hat Powers hineingestreut. Es ist faszinierend, wie es ihm gelingt, alle Fäden und alle Themen einem musikalischen Großwerk oder eben der Struktur der DNA gleich zusammenzufügen. „Orfeo“ reicht dabei weit über die Lebensgeschichte eines Komponisten und Musikers und seiner besonderen Gabe hinaus. Er ist zudem eine poetische Lobeshymne an den Zauber der Musik, die als Refrain über Gegenwart und Geschichte, Augenblick und Ewigkeit zu singen vermag. Wie auch ein auf CD gebanntes Meisterwerk sollte man dieses kraftvoll wie zugleich melancholische Buch in Abständen immer wieder genießen.

Der Roman „Orfeo“ von Richard Powers erschien im S. Fischer Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Manfred Allié.
496 Seiten, 22.95 Euro

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