Die Kraft in mir – Kenneth Bonert „Der Löwensucher“

„Ist das die Natur blinder Zeit? Natürlich: Alles ist blind, jenseits von Vergleichen, für die Zukunft nutzlos. Jedes Leben ist wie eine Messerspitze, die die leere Zeit ansticht, und heraus bluten immer neue Überraschungen.“

Die Heimat ist Vergangenheit und Tausende Kilometer entfernt. Was bleibt sind Erinnerungen, Gedanken an den Großteil der Familie und ein Fotoalbum, in dem Gitelle und ihr Sohn Isaac immer wieder blättern. „Nenne mir ihre Namen!“, fordert sie ihn auf. Als ob damit die Entfernung von Kontinent zu Kontinent, zwischen Litauen und Johannesburg wie durch Zauberhand schrumpfen könnte. Hier hat es die junge Frau im Jahr 1924 mit ihren beiden Kindern Isaac und Rively verschlagen. Der Vater, Abel, hat bereits zuvor die baltische Heimat in Richtung Südafrika verlassen. Die jüdische Familie ist geflohen vor dem Hass, den sie leibhaftig erleben musste.

Bücher über das Judentum und die entsetzlichen Geschehnisse des Holocaust und der unzähligen Pogrome, die im vergangenen Jahrhundert in vielen Ländern geschahen, sind meist in Europa oder Amerika angesiedelt. Der gebürtige Südafrikaner und heute in Kanada lebende Autor Kenneth Bonert wählt seine einstige Heimat als Schauplatz seines Debüt-Romans, der nach seinem Erscheinen mit Preisen wie dem National Jewish Book Award und dem Edward Lewis Wallant Award geehrt wurde. Und das nicht zu Unrecht.

Denn Bonert stellt mit seiner besonderen Geschichte ein großes erzählerisches Talent unter Beweis. Berichtet wird zu Beginn von Isaacs Familie und den Lebensbedingungen, die in Johannesburg in den 1920er Jahren herrschten. Südafrika gleicht einem Viel-Völker-Staat, in dem Europäer verschiedenster Herkunft sowie Afrikaner und damit verschiedene Religionen und Ethnien zusammenkommen. Viele Sprachen liegen in der Luft. Im jüdischen Ghetto, wo Isaac und seine Familie leben, erklingt Jiddisch genauso wie Afrikaans und Englisch. Doch diese Mischung bringt Spannungen mit sich. Während die Weißen, darunter auch die Juden, auf die Schwarz-Afrikaner herunterblicken, sind die Juden selbst nicht vor antisemitischen Anfeindungen durch die nationalen Greyshirts gefeit. In dieser aufgeladenen Atmosphäre wächst Isaac auf, der mit den Jahren seinen eigenen Weg finden muss. Vor allem, da beide Eltern ganz verschiedene Vorstellungen von der Zukunft ihres Sohnes haben. Der Vater, ein bescheidener Uhrmacher, wünscht sich einen bodenständigen Handwerker-Beruf, die Mutter plant für Isaac hingegen Großes. Er soll vermögend werden, am besten mit einer eigenen Firma. Am Ende dieses Traumes steht ein Haus, in dem die ganze Familie irgendwann einträchtig zusammenleben wird.

Doch Isaac ist ein ungezügelter Satansbraten, ein Wildfang, so wird er auch genannt. Er schmeißt die Schule, hangelt sich als Jugendlicher von einem Job zum nächsten. Bis er eines Tages auf den findigen Wundermittelverkäufer Hugo Bleznik trifft, mit dem er ein Geschäft für Leuchtmittel aufzieht. Das geht indes den Bach runter. Isaac fängt eine Lehre zum Karosseriebauer an und findet damit einen Beruf, der ihn ausfüllt und Freude bereitet. Wenig später werden Bleznik und Isaac mit einer Ersatzteil-Firma jedoch erneut zu Geschäftspartnern. Und mit Yvonne, einer Tochter aus sehr gutem Haus, glaubt Isaac auch, die große Liebe gefunden zu haben. Die Zeichen stehen auf Erfolg. Doch wie heißt es bekanntlich: Nichts bleibt, wie es ist. Denn die Weltgeschichte macht die Ambitionen Isaacs jäh zunichte. Der Krieg bricht aus. Die Familie vernimmt die furchtbaren Nachrichten, was mit den Juden in Europa geschieht. Mutter Gitelle, die selbst ein Pogrom überlebt hat, plant, den Rest der Familie aus Litauen nach Südafrika zu holen. Doch das Land nimmt keine Juden mehr auf. Isaacs Mutter sucht ihren vermögenden Neffen Avrom auf, der nicht nur das Tor für eine Rettung der Familie öffnen kann, sondern Isaak eine spezielle Lebensweisheit mit auf den Weg gibt.

Während zu Beginn Bonerts Werk als eine herrliche Mischung aus Schelmen- und Entwicklungsroman erscheint, der vor allem in den ersten Kapiteln mit den Milieu-Beschreibungen und Isaacs Erlebnissen nahezu ungezügelt und wild seine Bahnen zieht, entwickelt sich die Geschichte in eine sehr nachdenkliche und melancholische Stimmung hinein. Auch durch die Nachforschungen, die Isaac unternimmt, um das Schicksal seiner Mutter zu erfahren und später das der Familie in die eigenen Hände zu nehmen.  An seiner Figur wird besonders deutlich, welche großen Auswirkungen die kleinsten Entscheidungen haben können. Dass eine Lüge ein böses Ende nehmen kann. Denn zwei plötzlich getroffene Entscheidungen sollen später fatale Konsequenzen haben, die bis in die Nachkriegszeit hineinreichen. Das Ende ist kein wirklich glückliches. Allzu sehr haben Isaac und seine Familie Schreckliches erleiden müssen – nur der Herkunft wegen. Isaac erfährt nicht nur judenfeindliche Angriffe durch seinen Nachbarn Oberholzer, einen kaltblütigen Rassisten, er erlebt zudem, wie viele Menschen um ihn herum wegschauen und nicht eingreifen. Später wird Isaac auch die Schrecknisse des Krieges am eigenen Leib spüren.

Es liegt wohl gerade in dieser wunderbaren Balance zwischen Lebendigkeit und leisem Humor sowie ernsthafter und tiefsinniger Melancholie, dass „Der Löwensucher“ so erfolgreich ist. Obwohl ich zu Beginn ein wenig Zeit brauchte, um mich in dieser quirligen Geschichte und in dieser temperamentvollen, manchmal auch derben Atmosphäre Johannesburgs zurechtzufinden, erlebte ich später Seite für Seite den kraftvollen Sog, die die Geschichte mit all ihren zahlreichen Facetten und Stimmungen, überraschenden Geschehnissen und ganz eigenen Figuren entwickelt. Bonert baut Spannung auf und widmet sich in großen Teilen des Romans seinem Helden, der so einem sehr ans Herz wächst. Doch nie lässt er das große Gebilde Familie aus den Augen, immer wieder führen die Handlungsfäden zurück zu dieser besonderen Beziehung, die zwischen Isaac und seinen Eltern, besonders zu seiner Mutter besteht.

Man kann sehr gespannt sein, ob der Kanadier mit einem kommenden Werk an sein wunderbares Debüt anschließen wird. Doch eben dieses Erzähltalent, das große Themen kunstvoll in eine berührende Familiengeschichte hineinwebt, sollte dafür doch eine hervorragende Basis sein.

Der Roman „Der Löwensucher“ von Kenneth Bonert erschien im Diogenes Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Stefanie Schäfer  800 Seiten, 25,90 Euro

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