Vom Menschsein – Lily King „Euphoria“

„Ich glaube, mehr als alles andere ist es die Freiheit, nach der ich in meiner Arbeit suche, in all diesen entlegenen Gegenden der Welt – nach einer Gruppe von Menschen, die einander den Raum geben, so zu sein, wie es den Bedürfnissen eines jeden entspricht. Und vielleicht werde ich niemals in einer einzigen Kultur fündig werden, sondern finde Teile davon in verschiedenen Kulturen, die ich dann wie ein Mosaik zusammensetzen und der Welt vorführen kann.“

Der Zufall bringt sie zusammen. Weihnachten 1932 begegnen sich die drei Ethnologen Nell Stone, Schuyler Fenwick und Andy Bankson auf der Regierungsstation in Angoram/Neuguinea. Nell und Fen sind verheiratet und wollen nach ihrem Aufenthalt bei verschiedenen Völkern die Insel wieder in Richtung Australien verlassen, um dort das Leben der Aborigines zu erforschen. Doch Andy kann die beiden überreden zu bleiben. Er verspricht ihnen, ein Volk zu finden, das sie untersuchen können. Zu Beginn eher eine rein berufliche Verbindung, entwickeln sich zwischen Nell und Andy tiefe Gefühle und eine Abhängigkeit, die später dramatische Folgen haben werden. 

Die Begegnung der drei Wissenschaftler aus England, Australien und den USA ist indes keine fiktive. Die amerikanische Autorin Lily King hat für ihren neuen Roman „Euphoria“ eine besondere Vorlage verwendet. Bei der Lektüre einer Biografie über die Ethnologin Margaret Mead (1901 – 1978) stieß sie auf jene Dreiecksgeschichte zwischen Mead und den beiden Wissenschaftlern Reo Fortune (im Buch Schuyler Fenwick) und Gregory Bateson (Andy Bankson). Doch King lässt sich selbst viel kreative Freiheit und entwickelt ihre eigene literarische Schöpfung in eine etwas andere Richtung. Daraus entsteht eine faszinierende Spannung zwischen der realen und der literarischen Geschichte, die den Leser beschäftigt und herausfordert.

Andy hält sein Versprechen und bringt Nell und Fen zum Stamm der Tam, nur wenige Bootsstunden von seiner eigenen Forschungsstation im Siedlungsgebiet der Kiona den Fluss Sepik hinab. Während sie zu Beginn noch unabhängig voneinander arbeiten, werden sie mit der Zeit ein Forscherteam: Sie tauschen sich aus, diskutieren miteinander, tüfteln an gemeinsamen Ideen. Obwohl jeder von ihnen eine ganz andere Art pflegt, die Stämme zu untersuchen. Nell schreibt viel, nutzt enge Kontakte zu den Stammesangehörigen, während Andy zu wissenschaftlich denkt, Fen, sprachlich sehr begabt, mit seiner machtsüchtigen Art letztlich ganz andere Pläne schmiedet, die letztlich tragisch enden werden.


Das Geschehen wird aus drei verschiedenen Perspektiven erzählt, die dem Leser die Möglichkeit geben, durch verschiedene Blickwinkel auf die Handlung zu schauen. Andy wird zum Ich-Erzähler, der zudem von seiner Herkunft aus einer naturwissenschaftlich geprägten Familie, seinem Werdegang sowie dem schmerzlichen Verlust seiner beiden älteren Brüder John und Martin berichtet – John war im Ersten Weltkrieg gefallen, Martin hat sich das Leben genommen. Die Reise nach Neuguinea war für ihn eine Flucht – vor der gestrengen Mutter und ihren Ansprüchen. Während Andy von den Erlebnissen mit Nell und Fen erzählt, auch immer wieder in die Zeit vorausblickt, werden Auszüge eines Tagesbuchs eingebettet, das Nell während jener Monate geführt hat und das Andy später in die Hände fallen soll. Zudem taucht ab und an ein allwissender Erzähler auf.

Andy und Nell kommen sich schließlich näher, das Fen natürlich nicht verborgen bleibt. Allerdings bekommt diese Liebe im Roman keine Zukunft, ein Happy-End gibt es nicht. Die drei flüchten von Neuguinea, nachdem Fen nach einem „Raubzug“ eine Flöte von einem anderen Stamm erbeutet hat, ein Angehöriger der Tam dabei sein Leben ließ und nun Vergeltungsschläge drohen. Im wahren Leben ist die Geschichte zwischen Nell (Margaret Mead) und Andy (Gregory Bankson) doch etwas anders ausgegangen. Wie – das wird an dieser Stelle nicht verraten. Denn der Roman weckt auch das Interesse, sich mit der realen Vorlage zu beschäftigen. Und eigentlich mit noch viel mehr.

Ein wichtiger Teil des Buches ist neben der Beziehung zwischen Andy und Nell, die von einer unbeschreiblichen Vertrautheit zu einer starken Zuneigung anwächst, die Arbeit der Ethnologen. Für ihren Roman hat die Autorin eine umfassende Recherche betrieben, und das ist ihrem Werk anzumerken. Nicht nur wird an vielen Stellen von den schwierigen Bedingungen, denen die Forscher in den Tropen Hunderte Kilometer von der modernen Welt entfernt ausgesetzt sind, berichtet. Auch ihre Arbeitsweise wird konkret beschrieben: Wie sie Notizen machen, ihre Gedanken niederschreiben, die Stammesangehörige beobachten und interviewen, mit dem Ziel, ein umfassendes Bild von ihrem Leben zu erhalten, das neben dem Alltag auch Rituale und die Religion, das Verhältnis zwischen Mann und Frau, die Erziehung der Kinder oder auch spezielle Kultobjekte und Gebräuche einschließt. Der Blick der Ethnologen ist ein ganz anderer weil offener, als der der meisten Vertreter der „zivilisierten“ Welt, die auf die Naturvölker herabsehen, sie sogar unterdrücken und ausbeuten. Auch dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte, das ohne Frage noch heute keine Ende hat, findet Eingang in diesen berührenden weil vor allem menschlichen Roman, der den Leser ungemein bereichert.

Dessen Botschaft ist eindeutig: Er zeigt, dass das Menschsein viele Facetten besitzt, die allerdings nicht immer der Moral der modernen Gesellschaft, sondern vielmehr ganz eigenen Regeln unterliegt. Die allgemein gebräuchlichen Bewertungen, was gut und was schlecht ist, können mit Blick auf das Leben und die Kultur der Naturvölker keine Anwendung finden. Denn gerade die zivilisierte Welt sollte sich selbst den Spiegel vorhalten. An einer Stelle wird dieser Gedanke sehr deutlich:

„Er habe einmal versucht, Teket den Weltkrieg und die 18 Millionen Toten zu erklären, sagte Bankson, doch Teket habe schon die Zahl nicht begriffen und erst recht nicht, wie es in einem einzigen Konflikt so viele Tote geben konnte. B. sagte, vom Leichnam seines Bruders in Belgien seien gar nicht alle Teile gefunden worden. Es sei doch gewiss zivilisierter, meinte er, alle paar Monate einen einzelnen Mann zu töten, seinen Kopf emporzuhalten, damit alle ihn sehen, seinen Namen zu rufen und zur Siegesfeier nach Hause zurückzukehren, als namenlose Millionen abzuschlachten. Wir standen ganz still im Wasser, und ich hätte ihn gern in den Arm genommen.“

Passagen wie diese, die nachdenklich stimmen, gibt es zahlreiche in diesem Roman. Am Ende bleiben Andy nur die Erinnerungen an diese besondere Zeit, die auch nach 40 Jahren, als er schließlich ein angesehener Wissenschaftler ist, ihm noch Schmerzen bereiten. Dass Lily King damit eine Liebe aus der Sicht eines Mannes geschrieben hat, ist ein weiterer faszinierender Aspekt ihres Meisterwerkes, das vieles lehrt und zugleich auch berührt.

Der Roman „Euphoria“ von Lily King erschien im Verlag C. H. Beck, in der Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Roth; 262 Seiten, 19.95 Euro

Foto: Romana Schaile/pixelio.de

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