Vom Leben und Tod – Madame Nielsen „Der endlose Sommer“

„(…) dass nicht das Leben ein Traum ist, nein, die Sprache ist es, die Erzählung, diese ganze Geschichte (…).“

Der Mensch braucht die Dinge der Welt mit klaren Konturen, voneinander abgegrenzt. Unschärfe erschwert das Betrachten, das Verstehen. Ein verschwommenes Flimmern und Flirren hat etwas Faszinierendes, aber zugleich auch etwas Rätselhaftes an sich. Der schmale wie einzigartige Roman „Ein endloser Sommer“ der dänischen Künstlerin und Autorin Madame Nielsen verlangt Zeit für die Lektüre und Offenheit für Experimente. Wer dies geben kann, wird reich belohnt.

Ernüchternder Beginn

Zugegeben: Zu Beginn dachte ich – ein schmales Buch, ein schöner Titel. Da bist du doch schnell durch. Doch falsch! Ich legte das Buch bereits nach wenigen Seiten aus den Händen. Diese Satzbandwürmer, diese Wiederholungen, dieser Anfang, der wie ein Märchen und zugleich kafkaesk erscheint, diese Zeitsprünge. Ich tat mich schwer. Doch ich gebe Büchern gern eine zweite Chance für eine erneute Lektüre, manchmal nach wenigen Tagen, manchmal nach Jahren.  In diesem Fall war mein Ehrgeiz schnell gepackt. Zudem bin ich der Meinung, ein sehr gutes Buch ist auch immer eine Herausforderung, die den Leser bereichern kann, selbst wenn dieser Eindruck erst viel später entsteht. Deshalb wagte ich einen neuen Versuch – und bin jetzt sehr glücklich und froh über diese Entscheidung. Doch aus welchem Grund, berichte ich zum Schluss.

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Der Roman erzählt nicht so sehr eine abgeschlossene Geschichte, als vielmehr viele kleine, die ineinandergreifen, sich miteinander verweben. Es sind Lebensgeschichten, die von Freundschaft und Liebe, von Leben und Tod, vom Glück und Scheitern erzählen. Der Leser findet sich zu Beginn des Geschehens auf einem abgewirtschafteten Gutshof in Jütland ein. Die „Bühne“ betreten eine Mutter, die gern zu langen Ausflügen mit ihrem Pferd aufbricht, ihr Mann, der sie streng überwacht, die Tochter der Mutter, die jedoch nicht das Kind des Mannes ist, zwei kleine Brüder sowie zwei Freunde des jungen Mädchens, ein schöner stattlicher junger Mann und ein scheuer Junge, der vielleicht ein Mädchen ist, wie es auf der erste Seite geschrieben steht. Es ist also eine recht merkwürdige Mischung an Protagonisten, die unterschiedlicher nicht sein können. Kaum eine der Personen wird mit Namen genannt. In Rückblicken wird von der Vergangenheit der Mutter, ihrer Tochter und deren Vater erzählt, bevor dieser endlose Sommer, der dem Roman seinen Namen gibt, beginnt.

Liebe zu dem Lebenskünstler

Die Zeit eines anderen Lebens nimmt ihren Lauf: Auf den Gutshof, den der Mann plötzlich verlassen hat, kommen zwei junge Männer aus Portugal. Einer der beiden ist Künstler, ein Lebenskünstler zugleich, der die Landschaft durchstreift nach Motiven für seine Bilder. Eine Liebe entwickelt sich zwischen ihm und der um einige Jahre älteren Mutter, eine fast unmögliche Liebe aus der Sicht vieler. Sie ziehen mit den Kindern in eine kleine Wohnung, gemeinsam reisen sie später in das Heimatland des jungen Künstlers. Ihre Liebe und Freiheit und Jugend kennen keine Grenzen. Das Jetzt, der Augenblick entscheidet mehr als Vergangenheit und Zukunft zusammen. Doch auch dieser gefühlt endlose Sommer findet einen Abschluss, fließt die Zeit, werden auch aus dem jungen Mädchen und ihren Freunden Erwachsene, die ihre eigenen Wege gehen, mal erfolgreich, mal erfolglos.

„(…) dabei verzieh sie nie jemandem etwas, der Kummer und Schmerz versteckten sich nur im Jetzt, das bei ihr kein Augenblick war, sondern zu einer grenzenlosen Welt verschwamm, von der sie sich ganz verschlucken ließ, die sie bewohnte, in der sie aufging und die sie war (…)“

Es liegt etwas Zartes, eine Atmosphäre, wie vom Weichzeichner in Szene gesetzt, über dieser Hauptgeschichte. Manchmal ist auch ein ganz leichter Humor zu spüren. Allerdings darf die Tragik nicht fehlen, durchzieht auch eine düstere Melancholie dieses wundersame Buch, vor allem dessen letzte Seiten. Da ist viel von Vergänglichkeit und Tod die Rede, die das Leben im Allgemeinen und jedes Leben begleiten.  So wie dieser Roman funkelnde Sätze enthält, über die Freuden, das Leben zu genießen, berühren Worte in herber Schönheit und voller Melancholie, die traurig, auch demütig machen. Gerade mit seiner Wunderlichkeit sowohl aufgrund seiner versprenkelten und unscharfen Handlung als auch seiner poetischen Sprache, die teils einer Beschwörung gleicht, fordert und bereichert dieser Roman, dessen lange Sätze mit ihren Wiederholungen und Aufzählungen von Adjektiven zu einem gefühlt uferlosen Strom werden. 

Und mit diesem Buch lernt man zugleich auch eine Autorin kennen, die selbst Grenzen überschreitet, sich jeglicher Zuordnung entzieht und zu den schillerndsten Personen der dänischen und der europäischen Literatur- und Kunstszene zählt. Madame Nielsen kam 1963 im dänischen Jütland auf die Welt, getauft wurde sie damals auf den Namen Claus Beck-Nielsen, der in den 1990er-Jahren nach New York ging, wo er sich der Performance-Gruppe The Wooster Group anschloss, die 1975 gegründet worden war und in der Folgezeit zahlreiche Künstler und Theatergruppen beeinflusste.  Zu den prominentesten Mitgliedern zählte der Schauspieler Willem Dafoe. Um die Jahrtausendwende veränderte er/sie seinen damaligen Namen von Claus Beck-Nielsen in Claus Nielsen und lebte ohne Personaldokumente auf der Straße. Wenig später erklärte der Künstler seine Identität für tot, ließ sein Leben von einem Entscheidungsgremium mit dem Namen Beckwerks bestimmen. 2013 trat Madame Nielsen in die Öffentlichkeit, ein Jahr später erschien „Ein endloser Sommer“ im Original in Dänemark. Sie wurde für ihre literarischen Werke mit zahlreichen Werken geehrt, für den Nordic Council Preis, den Preis des Nordischen Rates, war sie bereits mehrfach nominiert.

Ich lege ihren Roman „Ein endloser Sommer“ all jenen sehr ans Herz, die sich nicht scheuen, eine ungewöhnliche Leseerfahrung machen zu wollen und sich auch wagen, Grenzen zu überwinden, und seien es nur jene, die durch vergangene und gewohnte, nicht unbedingt schlechte Lektüren im Kopf entstanden sind.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „astrolibrium“.  Empfehlenswert ist auch der Beitrag von Ijoma Mangold zu Madame Nielsen und ihr aktuelles Buch. Der Literatur-Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Autor hat sie in Dänemark getroffen.


Madame Nielsen: „Der endlose Sommer“, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch, in der Übersetzung aus dem Dänischen von Hannes Langendörfer; 192 Seiten, 18 Euro

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