Welt der Waffen – Jennifer Clement „Gun Love“

„Irgendwer hatte immer den Finger am Abzug.“

Der Zustand eines Landes lässt sich oft in den Medien sowie in den Werken aus Kunst und Kultur ablesen. Das sind Zeitungen, Rundfunk und Blogs, das sind aber auch Romane, die die Atmosphäre und ein Stimmungsbild einfangen. Mit „Gun Love“ legt die amerikanische und mehrfach ausgezeichnete Autorin Jennifer Clement einen Roman vor, dessen Titel nicht nur das Geschehen trefflich in nur zwei Wörtern beschreibt. Er schildert in all seiner schier herzergreifenden Tragik und Melancholie von Waffenhysterie und Waffengewalt, die vor keiner Generation und keinem gesellschaftlichen Status Halt macht.

Kein Sonnenstaat

Während des Schreibens dieser Besprechung habe ich die Bilder eines Videos aus den USA vor Augen. Es ging durch die sozialen Netzwerke wie ein Lauffeuer. Ein Mädchen erhält ein Geschenk. Als sie es ausgepackt hat, fließen Tränen der Freude. Sie hatte eine Jagdflinte erhalten. Eine Waffe, die tötet, mit der getötet werden kann. Auch Pearl wächst mit Waffen auf, doch eher mit Unbehagen und Befremden. Nahezu jeder in ihrem Umkreis besitzt eine Pistole oder ein Gewehr. Pearl lebt mit ihrer Mutter in einem alten Auto auf dem Parkplatz eines Trailerparks in Florida. Es ist ein anderes Florida, als wohl viele von uns kennen. Der Sonnenstaat zeigt sich nicht mit weißen Stränden und Palmen. Die berühmten Ziele der Touristen aus aller Welt sind weit entfernt. Nahe dem Trailerpark gibt es eine Müllkippe und einen verseuchten Fluss, in dem sich Alligatoren tummeln. In den Wohnwagen der Nachbarschaft haben sich die Gestrandeten der Gesellschaft niedergelassen. Der Vater von Pearls Freundin April May ist Kriegsveteran, die schwere Krankheit ihres Mannes und horrende Arztrechnungen führten die ehemalige Lehrerin Roberta Young in den finanziellen Ruin. Auch ein Pärchen aus Mexiko gehört der zusammengewürfelten und vom Schicksal heimgesuchten Gemeinschaft an.

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Während Pearl zur Schule geht, arbeitet ihre Mutter Margot als Putzfrau in einem Veteranen-Heim. Ihr Besitz ist überschaubar und in Tüten im Kofferraum verteilt oder im Handschuhfach verstaut. Das Mädchen kennt kein anderes Leben und schon gar nicht seinen Vater. Schon als Kleinkind kam sie mit ihrer Mutter, die gerade mal 16-jährig ihre Tochter allein zu Hause zur Welt gebracht hatte und dann Hals über Kopf geflohen war, in dem alten Mercury zum Trailerpark. Dabei stammt Margot aus gutem Haus und hat ein großes musikalisches Talent. Doch ihre Mutter starb früh, fortan fürchtete sie ihren Vater.

„Als die Regentropfen auf das Wagenfenster spritzten, hörte ich die Stimme meiner Mutter. Sie erfüllte mich wie ein Lied. Sie sagte, wenn ein kleines Mädchen seine Mutter verliert, weil seine Mutter zur Zielscheibe eines Fremden wird, fällt selbst der Regen mit Würde.“

Drogen und Waffen bestimmen das Umfeld. Selbst der Pfarrer treibt krumme Geschäfte. Man kann angesichts dieser bedrohlichen Kulisse schon früh erahnen, dass eine Tragödie geschieht, die schließlich ihren Anfang nimmt, als mit dem langhaarigen und stramm bewaffneten Eli ein Fremder in die Gemeinschaft kommt. Margot verliebt sich in ihn. Die Liaison treibt einen Keil in die nahezu unverbrüchliche Mutter-Tochter-Beziehung, die von einer innigen Zuneigung und der Hingabe an gemeinsame Träume als einzige Hoffnungsschimmer geprägt ist. Zudem findet die Freundschaft zu April May ein jähes Ende. Es kommt, wie es kommen muss: Eines Tages ist das Mädchen allein. Ein Verbrechen geschieht, das dem Leser schier den Atem raubt ob seiner Tragik. Pearl kommt zu einem Pflegevater, der mit Leo und Helen bereits zwei Pflegekinder aufgenommen hat. Es ist die erste Station einer Odyssee, die Pearl unfreiwillig wieder in die Welt der Waffen führen wird und erwachsen werden lässt.

Sprache mit Strahlkraft

Clement, hierzulande bekannt geworden mit ihrem Roman „Gebete für die Vermissten“,  lässt Pearl als Ich-Erzählerin berichten – in einer Sprache, die trotz dieses bedrückenden Geschehens aus Gewalt und Gefahren sowie einem unstetigen Leben am Rande der Gesellschaft eine unglaubliche Poesie und Präsenz offenbart. Sie findet stets die richtigen Worte für das kaum Auszusprechende, das Unerklärliche. Doch dazwischen gibt es den Hauch eines Glanzes, einer Hoffnung auf etwas Gutes. Diese liegt in den engen Bindungen – zwischen Tochter und Mutter, zwischen Pearl und Leo – sowie in der Kraft der Fantasie, die Margot an ihre Tochter weitergibt. „Gun Love“ ist ein Roman, der schmerzt und erschüttert, weil er vor allem am Beispiel von Jugendlichen aufzeigt, dass Menschen in Amerika oftmals keine Chance haben, trostlosen Zuständen, in denen sie gefangen sind, zu entfliehen. Pearls Flucht führt gen Süden – an der Seite des mexikanischen Pärchens. Am Ende stellt sich die Frage, was wird nun aus dem Mädchen. Die Antwort kann der Leser finden – je nachdem, ob er an Hoffnung und Fantasie glaubt. Sicher ist: Dem Roman wohnt ein dunkler zugleich schillernder Zauber inne.


Jennifer Clement: „Gun Love“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner; 251 Seiten, 22 Euro

Foto. pixabay

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