Gabriel Tallent „Mein Ein und Alles“

„Du vergisst, wer du bist, und du denkst, du könntest jemand anderes sein.“

Wenn Literatur auch immer ein Spiegel ist, in dem gesellschaftliche wie politische Diskurse und Probleme erkennbar werden, dann scheinen das Thema Waffen und Gewalt sowie das Leben der „Abgehängten“ noch immer brisant in den USA zu sein. Denn gleich zwei aktuelle wie auch viel besprochene Romane beschäftigen sich damit – vor allem mit Blick auf die Jugend und die Auswirkungen auf die jüngere Generation. Das sind Jennifer Clements Werk „Gun Love“ sowie das Debüt „Mein Ein und Alles“ des Amerikaners Gabriel Tallent, der dafür sehr viel Anerkennung sowohl in seinem Heimatland als auch hierzulande erhalten hat; für mein Befinden zu viel.

Der Vater – ein Sadist

Denn noch nie habe ich innerlich bei der Lektüre eines Buches so geflucht und gehadert wie bei Tallents Erstling, war ich so in meiner Haltung zerrissen, da ich die Geschichte von Julia alias Turtle und ihrem Vater Martin, einem sadistischen Ungeheuer,  wie in einem Rausch gelesen habe und zugleich von einigen Szenen regelrecht angewidert war.  Wie viel Gewalt kann, sollte ein Leser ertragen – das habe ich mich oft gefragt. Dabei geht es mir nicht darum, dass ich generell Gewaltszenen in der Literatur infrage stelle; ich lese oft Krimis und Bücher, in denen die fürchterlichen Ausmaße beider Weltkriege aufgearbeitet werden. Für mich ist das Wie, der Stil der Schilderungen, entscheidend.

Allzu sehr detailreich, über mehrere Passagen und manchmal auch einige Seiten hinweg – als Leserin fühlte ich mich an einigen Stellen an einen popcorn-reifen Thriller als an ein seelisches Drama erinnert –  berichtet der Erzähler, wie Turtle von ihrem Vater, mit dem sie zurückgezogen in einem heruntergekommenen Haus lebt, missbraucht wird – körperlich wie seelisch. Das 14-jährige Mädchen, das sich besser mit Waffen und der umgebenden Wildnis auskennt als mit dem Schulstoff, ist seine Tochter, seine Geliebte und das Ziel seiner perfiden Gewaltausbrüche, die sich steigern, als Turtle den etwas älteren Jacob kennengelernt. Nur Turtles Großvater ahnt die Ausmaße dieser grausamen Macht seines Sohnes, der seine Tochter als „Luder“, als „Krümel“ und eben als „Mein Ein und Alles“ bezeichnet und in seinem Glauben an den Weltuntergang und Verschwörungstheorien gefangen zu sein scheint. Hätte er seine Tochter nicht, würde er sich wohl an Fremden vergreifen. Bei Psychiatern und Profilern der Polizei ließe dieses grausame und rohe Verhalten die Alarm-Glocken schrillen.

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Doch weder der Großvater, der nahe dem Haus in einem Wohnmobil lebt, noch die Lehrer können dem Mädchen helfen, das seine innerlichen wie äußerlichen Wunden und Narben versteckt. Es muss selbst seinen Weg suchen. Die Erkenntnis dazu reift, als Turtles Vater nach mehreren Monaten Abwesenheit mit einem Kind auftaucht. In der kleinen Cayenne sieht Turtle wohl ihr jüngeres Ich, das es zu beschützen gilt. Dabei schwankt die Heldin zwischen ihrer Zuneigung zum Vater – die Mutter ist vor Jahren gestorben -, einer düsteren Todessehnsucht sowie dem Wissen und die Hoffnung, dass es ein anderes Leben als ihres geben könnte. Die Familie Jacobs zeigt es ihr. Wie Tallent die Gedankenwelt und die zerrissene Person seiner Heldin schildert, verlangt indes höchsten Respekt ein. Turtle ist eine ungewöhnliche Protagonistin, deren Schwächen, aber auch Stärken deutlich werden, die Kind und Erwachsene in sich vereint. Mit nur wenigen Charakteren, die im Laufe des Geschehens ihren Auftritt haben, liegt der Fokus voll und ganz auf dem Mädchen und der gestörten Vater-Tochter-Beziehung, die sich teils in einer vulgären Sprache äußert.

„Sie will nur einen Garten anlegen und wässern, und alles soll lebendig bleiben, sie will sich nicht besiegt fühlen. Sie will eine Lösung, die sich wie eine Lösung anfühlt, eine bleibende Lösung.“

Doch auch in anderer Hinsicht beweist Tallent eine große Erzähler-Gabe: Er lässt die wilde, kraft- wie eindrucksvolle Natur im Westen der USA rund um die Stadt Mendocino, nahe San Francisco gelegen, im Kopf des Lesers entstehen, wenngleich man den Eindruck gewinnen kann, der Autor hatte das Ziel, nahezu jeder Pflanze aus einem Botanik-Buch in seinem Roman einen Platz zu geben. Der raue und weite Pazifik ist nah, die Wälder sind dicht und oftmals undurchdringlich. Wer sich in der Umgebung nicht auskennt oder einen leichtsinnigen Fehler macht, begibt sich in große Gefahr. Zweimal sollen das Turtle und Jacob selbst erfahren. Es sind Szenen wie diese, die dem Roman auch auf einer anderen inhaltlichen Ebene Spannung verleihen.

Herber Glanz

So bleibt am Ende ein recht zwiespältiges Gefühl und die Frage,  ob ein Roman über Gewalt auch immer Gewaltszenen in solch einer Präsenz und bildhaften Detailfreude wirklich beinhalten sollte. Auch ohne die brutalen Exzesse hätte Tallents Debüt nichts von seiner Kraft und Besonderheit eingebüßt. Im Gegenteil. Es hätte vielleicht sogar Raum für ganz andere Facetten und Gedanken bieten können. Leider leidet darunter auch der Anspruch, dieses ernste und vielschichtige Thema auf eine nicht-effektheischende Art und Weise zu verarbeiten. Seine Leser, ob nun mit einer ähnlich kritischen Einstellung oder ohne diese, wird das Buch trotzdem finden; und das sagt wiederum viel über den herben Glanz dieses Romans aus.


Gabriel Tallent: „Mein Ein und Alles“, erschienen im Penguin Verlag, in der Übersetzung aus dem Amerikanischen von Stephan Kleiner; 480 Seiten, 24 Euro

Foto: pixabay

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