Michael Stavarič – „Fremdes Licht“

„Wer ein Auge für die Schönheit der Kälte hat, begeistert sich für ein jedes ihrer Phänomene.“

Weißer Planet heißen sie – die Regionen der Arktis und Antarktis. Als ob sie Teil einer anderen Welt sind, der unsrigen bekannten nicht zugehörig. Auch wenn seit Jahren der Tourismus auch in jene kalten, oft auch dunklen und somit unwirtlichen Gegenden Einzug gehalten hat, gleicht eine Reise noch immer einem faszinierenden Abenteuer. Wenn ich an die Arktis denke, fällt mir neben Svalbard vor allem Grönland ein. Auf diese riesige Insel im Nordatlantik führt der neue Roman des österreichisch-tschechischen Autors Michael Stavarič. Und nicht nur dorthin.

Mit dem Flugschiff ins All

Denn „Fremdes Licht“ bringt den Leser an andere Ort, in andere Zeiten. Eine einzigartige Erfahrung, die gar nicht einfach zu beschreiben ist. Das Buch verwirrt auch, was jedoch das Vergnügen keineswegs trübt, und ist an einigen Stellen befremdlich. Doch am besten von vorn. Mit eine der beiden Heldinnen: Elaine Duval lebt in der Schweiz und ist eine renommierte Forscherin auf dem Gebiet der Reproduktion. Es ist eine Zeit unserer bekannten gut drei Jahrhunderte voraus. Nach zwei verheerenden Lichtkriegen leben die Menschen unter der Erde. Bevor ein Komet auf der Erde einschlägt, kann Elaine in einem Flugschiff in das All entfliehen. Das Kommando übernimmt ihr Jugendfreund Dallas. An Bord haben zudem Menschen Zuflucht gesucht, die nicht für die lange Reise zu einem Exoplaneten vorgesehen waren. Die Plätze für die notwendigen Kälteschlaf-Kokons sind rar. Elaine findet sich schließlich nach dem Absturz des Schiffes in einer Eiswüste wieder, Erinnerungen an ihren geliebten Großvater, seine Erzählungen über das Leben der Inuit und die gemeinsamen Touren auf Grönland werden wach.

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Denn Elaine, eine Kämpfernatur, die sich zu behaupten und in dieser menschenfeindlichen Umgebung zu überleben weiß, ist mit dieser weißen kalten Welt sehr vertraut. Sie liegt ihr quasi im Blut. Denn ihre Urgroßmutter, so hat es ihr Großvater erzählt, ist eine Inuk. Eine Schamanin, die zwei Namen trug: Ukiutaq, kurz Uki was übersetzt Winterkind bedeutet, sowie Elaine. So nannte der Kapitän des Schiffes, das eines Tages die Küste von Grönland erreicht und in Sichtweite von Ukis Heimatort vor Anker geht, die junge Inuk in Anlehnung an seine geliebte Frau. Uki und der Kapitän, der sich mit dem Namen Fridtjof vorstellt, lernen sich kennen. Er lehrt ihr das Lesen, die Begeisterung für Bücher. Mit dieser Figur verbindet Stavarič wohl geschickt Realität mit Fiktion.

Lernen von den Inuit

Wer in Sachen Arktis-Expeditionen ein klein wenig Bescheid weiß, wird wohl an den bekannten Zoologen und Polarforscher Fridtjof Nansen (1861 – 1930) denken, auch wenn der Autor von einigen Daten und Fakten aus der Biografie des berühmten Norwegers abweicht.

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Fridtjof Nansen ++++ Foto: Van der Weyde/Wikipedia

So hieß dessen Frau Eva statt Elaine, wird im Buch als Jahr der Begegnung der Inuk mit dem Wissenschaftler 1893 angegeben, dabei war Nansen bereits fünf Jahre zuvor auf Grönland, um als Erster die Insel und ihr Inlandeis zu überqueren. Eine Reise, während der er die Lebensweise der Inuit genau studierte –  vor allem ihre Erfahrungen im Eis zu überleben und ihr Umgang mit Hundeschlitten. 1893 brach Nansen, der sich zudem für die Unabhängigkeit seines Heimatlandes einsetzte, zu seiner mehrjährigen Nordpolar-Expedition auf. Er war indes nicht nur Wissenschaftler, sondern auch Politiker. Nach dem Ersten Weltkrieg war er als Delegierter und Hochkommissar für Flüchtlingsfragen tätig. Nach ihm ist der sogenannte Nansen-Pass für staatenlose Flüchtlinge benannt. 1922 erhielt der Norweger den Friedensnobelpreis.

„Nur im tiefsten Winter kommen manchmal Tage auf, an denen die Grenzen im Hinüberwechseln noch einmal sehr scharf werden und man alles voneinander trennen kann, sogar eine ganze Vergangenheit von einer unbekannten, sich erst formierenden Zukunft.“

Alle drei Figuren lässt Stavarič zu Wort kommen. Die jüngere Elaine berichtet über ihre Erlebnisse als Forscherin und ihre Erinnerungen an ihren Großvater. Ein eindrücklicher Erzählstrom – schildernd, erklärend, erinnernd. Die ältere schildert ihr Leben auf Grönland, die Begegnung mit Fridtjof, den sie wegen eines besonderen Geschenks Vogelmann nennt, sowie die spätere Reise nach Amerika zur Weltausstellung in Chicago, wo ihr und ihrem Begleiter etwas Schreckliches geschieht. In Tagebuch-Auszügen blickt auch der Kapitän auf das Geschehen. Jeder hat seine eigene Sprache, seinen eigenen Ausdruck.

Science-Fiction trifft auf historischen Roman

„Fremdes Licht“ überschreitet Grenzen und vermischt auf wundersame Weise Geschichte mit Zukunft und das Genre des historischen Romans mit einer Dystopie, Science Fiction sowie einer spannenden Kriminalgeschichte. Dieses so sprachgewaltige komplexe, aber auch berührende Werk hält neben den interessanten Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt der Inuit viele spannende Fragen und Themen zum Nachdenken bereit. Es geht um den Überlebenskampf in rauen Welten und nach einer Katastrophe, es geht aber auch um den Umgang des Menschen mit dieser Welt und seinem Streben nach Wissen und Fortschritt. Was geschieht, wenn zwei Kulturen aufeinandertreffen. Dabei geht der Roman aber auch der Frage nach dem Sinn des Lebens nach, wenn nicht nur das eigene Leben, sondern die Erde, ja das ganze Universum endlich ist. Es gibt also viel zum Nachdenken, vor allem auch über die Frage, wo Elaine denn mit dem Flugschiff, auf dem sich laut Passagierliste kurioserweise auch der Autor eingefunden hat, wirklich gelandet ist. Ist vielleicht sogar jede noch so weite Reise eine Rückkehr?

Eine weitere Besprechung gibt es jeweils auf den Blogs „Ruth liest“ und „Circlestones Books“.


Michael Stavarič: „Fremdes Licht“, erschienen im Luchterhand Literaturverlag; 512 Seiten, 22 Euro

Foto von Alexandra Rose auf Unsplash

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