Olive Schreiner – „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“

„In ihrer bittersten Not sind alle Seelen allein.“

Zugegeben: Es gibt Regionen dieser Erde, die sind literarisch gesehen weiße Flecken, wenn ich an meine vergangene Lektüre zurückdenke. Dazu zählen weite Teile Asiens und Afrikas. Speziell bei Südafrika fallen mir nur J. M. Coetzee und Kenneth Bonert als Gegenwarts-Autoren ein. Wer historisch weiter zurückgehen möchte, dem sei der Roman „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ von Olive Schreiner (1855 – 1920) ans Herz gelegt, eine Wiederentdeckung eines Werkes und seiner Autorin, für die man dankbar sein sollte.

In der südafrikanischen Karoo

Der Titel verrät, wo die Handlung des Buches angesiedelt ist. Auf einer Farm in der Karoo, einer Halbwüstenlandschaft in den Hochebenen Südafrikas gelegen, lebt die beleibte und lebensfreudige Burenfrau Tant‘ Sannie mit ihrer Stieftochter Em, ihrer Nichte Lyndall, einer Waisen, sowie dem deutschen Aufseher Otto und dessen Sohn Waldo. Man schreibt das Jahr 1862, eine Dürre herrscht. Für die drei Heranwachsenden ist die Welt voller Geheimnisse und ein Raum für Entdeckungen, wie die rätselhaften Felsenbilder der Ureinwohner. Es herrscht eine gewisse Harmonie, jeder hat seinen Platz in dieser vielfältigen Gemeinschaft. Bis Tant‘ Sannie dem irischen Fremden Bonaparte Blenkins verfällt, der ihr den Hof macht. Otto und sein Sohn Waldo sind dem falschen Spiel und den Demütigungen, denen sich auch die Burenfrau anschließt, ausgesetzt. Mit dramatischen Folgen. Nach dem Tod seines Vaters fokussiert sich die Bösartigkeit des hinterhältigen Scharlatans auf Waldo, der ein Martyrium und unerbittliche Gewalt erlebt. Nur die Bücher und die enge Freundschaft zu Lyndall und Em sind sein einziges Glück. Die Zeit vergeht, die Wege der drei trennen sich nacheinander. Die intelligente Lyndall geht ins Internat. Auch Waldo verlässt später die Farm und sucht das Glück und die Weite der Welt. Em bleibt zurück auf der Farm, wird von Gregory Rose, dem neuen Pächter, umworben, der allerdings auch tiefe Gefühle für Lyndall empfindet.

Ihre Hoffnungen, Wünsche und Träume, über die sie sich in ihrer Jugend so euphorisch unterhielten, haben sich nicht erfüllt. Die freiheitsliebende Lyndall heiratet schließlich Gregory, den sie nicht wirklich liebt; vielmehr ist sie einem fremden Mann zugetan. Eines Tages verschwindet sie. Gregory begibt sich auf die Suche nach ihr, um sie schließlich hochschwanger und krank in einem Gasthof anzutreffen. Erneut nimmt ein Drama seinen Lauf, das schließlich in eine Tragödie mündet und den Leser zu einem Abschied von geliebten Charakteren zwingt.

„Nichts ist zu klein – alles ist Teil eines großen Ganzen, dessen Anfang und Ende keine Seele kennt. Das Leben, das in uns pocht, rührt von seinem Pulsschlag; es ist zu gewaltig für unseren Verstand, nicht zu klein.“

In Besprechungen des 1883 erschienenen Romans liest man oft den Verweis auf die weibliche Emanzipation. Dabei enthält Schreiners Werk weit mehr, blickt man auf alle drei jugendliche Helden, deren Wesen und Beziehungen zueinander. Meine Aufmerksamkeit richtete sich nicht so sehr auf die kluge, nach Unabhängigkeit und Gleichberechtigung strebende Lyndall. Vielmehr mochte ich den sensiblen und freundlichen Träumer Waldo, der zwischen Lebensfreude und Todessehnsucht schwankt. Der ausführliche Dialog mit Lyndall in der Mitte des Bandes ist die wohl stärkste Passage des Werkes, in dem nahezu alle Themen des Romans kompakt verhandelt werden. Es geht um Sehnsucht und Selbstbestimmung, um Glück, um Bildung sowie die gesellschaftlich vorbestimmten Rollen von Frau und Mann sowie die uneingeschränkte und einst kaum hinterfragte Macht des letzteren.

Vergleich mit Klassikern

Bei der Lektüre des Buches, das indes eindrückliche Landschaftsbeschreibungen etwas vermissen lässt, habe ich oft an die Klassiker von Charles Dickens denken müssen, auch wenn die Literatur-Nobelpreisträgerin Doris Lessing in ihrem, im Zuge einer Neuauflage des Romans 1968 veröffentlichten Nachwort Schreiners Debüt mit noch heute berühmten Werken wie Herman Melvilles „Mobby Dick“ oder „Sturmhöhe“ von Emily Brontë vergleicht. „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“ lässt einen aufgrund der Ungerechtigkeit und Niedertracht von Bonaparte und der Gehässigkeit von Tant‘ Sannie innerlich rumoren. Zugleich verspürt man eine Sympathie für die drei jugendlichen Charaktere, so dass die tragischen Ereignisse im Verlauf der Handlung einen tief berühren.

Olive Schreiner – Foto: gemeinfrei/Wikipedia

An vielen Stellen trifft man auf biblische Verweise, die viel über das Leben der Autorin verraten. Denn wer sich mit dem Buch beschäftigt, sollte unbedingt einen Blick in die interessante Biografie der Autorin werfen, die ihr Debüt nur unter dem männlichen Pseudonym Ralph Iron veröffentlichen konnte. Erst die zweite Auflage erschien mit dem richtigen Namen Schreiners, die als Tochter eines deutschen Missionars und einer englischen Pfarrerstochter 1855 in Südafrika geboren wurde und in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs. Sie arbeitet mehrere Jahre als Gouvernante auf Buren-Farmen, was sie lernte, brachte sie sich selbst autodidaktisch bei. Als junge Frau führten ihre Wege sie nach London, wo sie Zugang zu intellektuellen Kreisen fand. Zu ihren Freundinnen zählte unter anderem Eleanor Marx, die Tochter von Karl Marx. Mehr und mehr entfernte sie sich von ihren christlichen Wurzeln und sympathisierte mit den sozialististischen Gedankentum. Nach ihrer Rückkehr in ihre Heimat setzte sie sich sowohl für die burische als auch die farbige Bevölkerung Südafrikas sowie die Rechte der Frauen ein.

„Ohne Träume und Trugbilder kann der Mensch nicht sein.“

Wer ihren Erstling liest, wird deshalb verwundert, vielleicht sogar verärgert sein, dass die heute als zu Recht abwertend und rassistisch angesehenen Bezeichnungen „kaffir“, „nigger“ und „hottentot“ von der Autorin verwendet und auch in der deutschen Neuübersetzung von Viola Siegemund im Buch verblieben sind. Trotz einer editorischen Notiz des Verlags und die Verteidigung der Autorin durch Doris Lessing, die in ihrem Nachwort auf das gesellschaftliche Engagement und die freidenkerische Einstellung Schreiners eingeht, lässt sich über das Verbleiben dieser Namen in der aktuellen Ausgabe sicherlich trefflich diskutieren. Auch in diesem Zusammenhang wäre ein neues Nachwort mit Verweis auf die Gegenwart und die Einordnung des Werkes durchaus wünschenswert gewesen – ungeachtet des Renommees Lessings.  Denn „Die Geschichte der afrikanischen Farm“, ein prägender und berührender Entwicklungs- und Gesellschaftsroman, bleibt wie es einem Klassiker entspricht zeitlos.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „AstroLibrium“.



Olive Schreiner: „Die Geschichte einer afrikanischen Farm“, erschienen im Manesse Verlag, in der Übersetzung aus dem Englischen von Viola Siegemund, mit einem Nachwort von Doris Lessing; 608 Seiten, 28 Euro

Foto von Hu Chen auf Unsplash

3 Gedanken zu „Olive Schreiner – „Die Geschichte einer afrikanischen Farm““

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