Svenja Leiber – „Kazimira“

„Der Stein hat einen Wert, und der Mensch hat einen Wert. Aber der Stein ist was anderes.“

Bernstein  –  das Gold des Meeres, ist Schmuck wie Heilstein.  Eingeschlossene Fossilien erzählen darüber hinaus Geschichten aus Urzeiten. Strandläufer halten auf ihren Touren oft danach Ausschau, den Blick konzentriert zum sandigen Boden gesenkt. Der Historie des weltweit einzigen Bernstein-Tagebaus an der Küste des Baltischen Meeres widmet sich die Berliner Autorin Svenja Leiber in ihrem neuesten Roman „Kazimira“, der zeitlich einen weiten Bogen spannt und von zwei Familien erzählt. 

Zwei Familien, mehrere Generationen

Kazimira bedeutet „die Frieden wünscht“, ein slawischer Name, den die Heldin des Buches trägt. Sie ist die Frau des bekannten Bernstein-Drehers Antas und er der wichtigste Mitarbeiter des jüdischen Grubenbesitzers Moritz Hirschberg, nach dessen Tochter Anna die Grube benannt wurde. Das Leben beider Familien ist eng miteinander verbunden – trotz ihrer Standesunterschiede. Sie stützen sich in schweren Zeiten, nach tragischen Schicksalsschlägen, selbst dann als die Hirschbergs vertrieben werden und eine dunkle Zeit anbricht. Jahre und Jahrzehnte vergehen.  Der technische Fortschritt mit Eisenbahn-Linie und Elektrizität nimmt seinen Lauf, der erste Weltkrieg rollt über Europa hinweg. Doch das spätere Grauen ist bereits ausgesät, die Rassenlehre und der Antisemitismus haben schon längst Wurzeln geschlagen.

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Mittendrin: Kazimira. Ein Frau, die zu früh geboren scheint, der archaischen Naturreligion anstatt dem Katholizismus anhängt. Eine starke Person, die sich jeglichen gesellschaftlichen Gepflogenheiten widersetzt. Am liebsten Hosen und das Haar kurz trägt, in der Grube arbeiten will, später eine geheime und stille, indes leidenschaftliche Beziehung mit Jadwiga, der Frau des dem Rassenwahn verfallenden Geologen Kowak, eingeht. Kazimira muss in ihrer letzten Lebenszeit erleben, wie ihre kleine Urenkelin Jela Opfer der Euthanasie wird, wie noch in den letzten Kriegswochen Tausende Juden bei einem Massaker nahe der Grube ermordet werden. Ein reales Grauen, das sich in die Geschichtsbücher der Region eingeschrieben hat. Im Januar 1945 wurden jüdische Häftlinge der aufgelösten Außenstelle des KZ Stutthof erschossen und erschlagen, darunter zahlreiche Frauen und Kinder. 3.000 Juden, die noch am Leben waren, trieb die SS an die Steilküste und auf das Eis der Ostsee. Zum Gedenken an das Massaker wurde 1999 ein Gedenkstein aufgestellt, der 2011 von einem Mahnmal ersetzt wurde.

Weit spannt die gebürtige Hamburgerin, Jahrgang 1975, den zeitlichen Bogen. Reicht die Haupthandlung von den 1870er-Jahre bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs, wird diese von den Geschehnissen um Nadja, angesiedelt in der jüngsten Vergangenheit, umrahmt. Die junge Frau und  alleinerziehende Mutter arbeitet im Bernstein-Werk, das einst bessere Tage erlebt hat. Wie sie mit dem Leben Kazimiras verbunden ist, wird am Ende des Romans erzählt. Ein Abschluss, der zeigt, wie die Folgen der Geschichte bis in die Gegenwart reichen.  Über die stolze und eigenwillige Heldin hinaus ist dieser Roman satt an besonderen, starken Frauenfiguren, zu denen auch Henriette, die Frau von Moritz Hirschberg, zählt, die sich für Gleichberechtigung und Bildung der Frauen einsetzt.

Autorin bereist Region für Recherchen

Der Leser spürt während seiner Lektüre, wie intensiv sich die Autorin mit dem Ort und der Zeit beschäftigt und auseinandergesetzt hat, wie viel Zuneigung sie ihren Heldinnen und Helden entgegenbringt. Svenja Leiber hat die Region um Kaliningrad 2019 besucht. In einem Interview berichtet sie zudem, wie sie zu dem speziellen Thema gekommen ist. Nach einem Gespräch mit einer aus Ostpreußen stammenden Landarbeiterin sowie der Lektüre eines Buches des Historikers Andreas Kossert über die Anna-Grube begann sie, sich mit der Region zu beschäftigen. Eine reiche, landschaftlich markante Gegend, in die sich die wechselvolle Geschichte und die verschiedenen Kulturen eingegraben haben.

„Hinter den Häusern riesige Dünen, wie gestrandete Wale aus uralter Zeit. Die Dünen sind mit Gras und Gebüsch bepflanzt. Das war aber nicht immer so. In der alten Zeit sind sie gewandert, wie die Menschen, hierhin und dorthin, Düne an Düne, wie träumende Riesen. Sie haben sich nicht darum gekümmert, wen und was sie auf ihren Wanderungen begruben. Ganze Dörfer verschwanden unter ihnen, und die Dünen wussten nichts davon.“

Während die Tradition des Bernstein-Abbaus bis weit ins Mittelalter zurückreicht, begann der industrielle Abbau erst im 19. Jahrhundert. 1870 richtete die Firma Stantien & Becker den weltweit einzigen Bernstein-Tagebau ein, zwei Gruben, „Anne“ und „Henriette“ entstanden nahe der Stadt Jantarny (deutsch Plamnicken), an der samländischen Bernsteinküste gelegen. Konnten in den ersten Jahren rund 50 Tonnen Bernstein abgebaut werden, wurden in den 1930er-Jahren bis zu 650 Tonnen von rund 700 Beschäftigten gefördert.  Der heutige Tagebau „Primorsky“ gibt für Besucher Einblicke in  das Gestern und Heute, 2017 wurde eine Aussichtsplattform errichtet. Vor Ort kann auch ein Modell der „Anna“-Grube in Augenschein genommen werden.

Besondere Sprache gefunden

Trotz der grausamen Ereignisse in einer düsteren Zeit erzählt der Roman auch berührende Momente der Wärme und Menschlichkeit, des Zusammenhalts und der Liebe.  Leiber, die mit dem Erzählband „Büchsenlicht“ 2005 debütiert hat und 2018 mit „Staub“ ihren bereits dritten Roman vorlegte, hat für die Beschreibungen des Landes und seiner Menschen eine besondere Sprache gefunden, die manchmal rau und spröde wirkt, immer jedoch von einem poetischen Klang getragen wird und eindrückliche sowie sinnliche Bilder im Kopf des Lesers entstehen lässt.  Ein berührender und lehrreicher Roman wie ein funkelnder Bernstein mit wertvollem Einschluss.


Svenja Leiber: „Kazimira“, erschienen im Suhrkamp Verlag; 336 Seiten, 24 Euro

Bild von İbrahim Özkadir auf Pixabay

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