Birgit Lutz – „Mein Spitzbergen“

„Nur noch sehr selten findet man sich noch an Orten wieder, wo die Welt so aussieht, rundherum, als gäbe es den Menschen nicht.“

Manche Traumziele lösen bei den meisten Kopfschütteln und ein mitleidiges Lächeln aus. Die weiße wie kalte Welt abseits des nördlichen Polarkreises zählt sicherlich dazu. Zugegeben: Palmen und tropische Temperaturen jenseits der 30 Grad sind nicht so meins. Eine meiner Wunschreisen geht irgendwann, ich hoffe bald, nach Spitzbergen. Schon etwas länger liebäugele ich mit der arktischen Inselgruppe, zwischen dem norwegischen Festland und dem Nordpol gelegen. Expeditionsleiterin und Autorin Birgit Lutz hat über den Archipel im Nordpolarmeer ein ganz persönliches Buch geschrieben.

Faszination weisse Welt

Mit meinem Traum bin ich allerdings nicht ganz allein. In den letzten Jahren hat der Tourismus auf Spitzbergen zugenommen, vor allem Kreuzfahrtschiff-Reisen boomen. Eine Entwicklung, die einer anderen traurigen gegenübersteht und sie gleichzeitig begünstigt: Spitzbergen ist stark vom Klimawandel betroffen. Beides schildert Lutz, die 15 Jahre lang als Journalistin für die Süddeutsche Zeitung geschrieben hat, in ihrem Band. Schon vor vielen Jahren hat sie ihre Faszination für die Arktis entdeckt. Sie reiste zum Nordpol, durchquerte Grönland. Doch immer war es Spitzbergen, das sie besonders anzog und das sie seit nunmehr 16 Jahren bereist.

1729937249722_neu2

Ihre Erfahrungen und ihr reiches Wissen versammelt sie in ihrem Buch, das kaum ein Thema auslässt, mehrere Inseln und Orte ansteuert und eine wunderbare Mischung an Texten beinhaltet. Es umfasst sowohl Erlebnisberichte als auch geschichtliche Abrisse. Sie erzählt von abenteuerlichen Expeditionen und wagemutigen Entdeckern und Arktisforschern wie den Schweden Salomon August Andrée oder den Norweger Roald Amundsen genauso wie von den Menschen, die dort leben und die herausfordernden und unberechenbaren Verhältnisse tagtäglich annehmen, eine besondere Gemeinschaft bilden und gewisse Verhaltensweisen pflegen.

Die Häuser sind stets offen, in den Autos steckt der Schlüssel, die Häuser werden nur mit Socken betreten, sogar Museen. Man pflegt, nackt in eiskaltes Wasser zu steigen. Rund 2.500 Menschen leben auf Spitzbergen, der größte Teil, nämlich vier Fünftel im Hauptort Longyearbyen, der, auf dem 78. Breitengrad liegend, zu den nördlichsten Siedlungen auf der Welt zählt.

Von Plastikmüll bis Pyramiden

Ein großer Teil des Buch beschäftigt sich mit der einzigartigen Landschaft und Tierwelt, zu der natürlich nicht nur König Eisbär gehört. Lutz‘ Ziel ist es, den Reisenden sowie den Lesern ihres Buches die Augen zu öffnen für das vermeintlich karge und reizarme und stille Land, das die Sinne und Demut weckt, und für das dortige Leben, das bedroht wird. Durch Plastikmüll und den Klimawandel. Spitzbergen ist zu einem bedeutsamen Zentrum in Sachen Klima- und Polarforschung geworden. Die Gletscher schmelzen, der Permafrost taut, die Temperaturen steigen. „Mein Spitzbergen“ vermittelt einiges an Wissen dazu – und darüber hinaus: Was macht die Arktis aus? Was ist die sogenannte Zehn-Grad-Isotherme? Was geschah mit Pyramiden, der einst blühenden russischen Bergbau-Siedlung, die heute eine Geisterstadt ist? Was hat es mit der Norwegisierung Spitzbergens auf sich und welche Folgen hat sie?

„Die Arktis dagegen wird von einigen Menschen geradezu als karg und leblos empfunden, doch bewirkt gerade diese Reduziertheit eine genauere Wahrnehmung selbst der allerkleinsten Dinge und eine viel größere Dankbarkeit für ihre Existenz.“

So unterschiedlich die Themen, so verschieden ist auch der Ton des Buches. Mal heiter, mal ernst, mal melancholisch. Schmunzeln musste ich bei der berühmten Geschichte zu Rudolf, dem Rentier (das Ende wird hier nicht erzählt), fasziniert war ich von den Fähigkeiten des Krabbentauchers, der im Sommer in riesigen Kolonien auf Spitzbergen brütet und die Jungen heranzieht, um später in südlicheren Gebieten zu überwintern.

„Mein Spitzbergen“ ist eine liebevolle Ode an einen besonderen Landstrich und eine große Lehrstunde. Nicht nur für Arktis-Fans, sondern auch für all jene, die es vielleicht einmal werden wollen. Lutz‘ Botschaft, die Natur respektvoll zu behandeln und zu achten, hat über die Arktis hinaus eine allgemeine Gültigkeit. Mit dem Alfred-Wegener-Institut für Polar-und Meeresforschung in Bremerhaven hat die gebürtige Oberpfälzerin ein Projekt zum Thema Plastikmüll initiiert. Mit Schiffsgäste sammelt sie den Plastikmüll an Spitzbergens Stränden ein, wiegt und zählt ihn. Zu ihrem Herzensort schreibt sie gleich zu Beginn: „Mein Spitzbergen ist unser aller Spitzbergen. Aber ist ein Ort, an dem all gleich sind und die gleichen Rechte haben, ein Ort ohne Militär, Konflikte und Krieg, eine Utopie?“

Norwegen hat in diesem Jahr aufgrund des wachsenden Arktis-Tourismus eine Reihe an neuen strengeren Bestimmungen zum Schutz des arktischen Lebensraums erlassen, die ab Januar 2025 gelten werden.


Birgit Lutz: „Mein Spitzbergen“, erschienen im mare Verlag; 224 Seiten, 20 Euro

Foto von Katarzyna Zygnerska auf Unsplash

Kommentar schreiben

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..