„Wieder einmal hat der Schoß des Amazonas ihn aufgenommen, weil hier alles besser ist, weil hier alles anders ist.“
In einem Slum am Rande des Amazonas lebt der kleine Darwyne mit seiner Mutter Yolanda. Ihr gemeinsames Zuhause ist ärmlich, die Hütte aus Blech und Holz droht jeden Moment zusammenzufallen und vom stets wachsenden Dschungel einverleibt zu werden. Eines Tages bekommt die Sozialarbeiterin Mathurine die Akte des Jungen auf den Tisch. Ein anonymer Anrufer gab den Hinweis, dass es in der kleinen Familie nicht mit rechten Dingen zugeht.
Leben im ärmlichen Slum
Der nach dem kleinen Helden benannte Thriller des französischen Autors Colin Niel gleicht in den ersten Kapiteln einer Sozialstudie. Beschrieben wird der Slum namens Bois Sec in Französisch-Guayana, der sich wie ein Parasit in den lebendigen Dschungel hineinfrisst. Für neue Behausungen wird der Wald gerodet. In Bois Sec leben vorrangig Migranten, die von der einheimischen Bevölkerung als missliebig angesehen werden. Auch Yolanda war vor Jahren, damals schwanger, hierhergekommen. Ihr Sohn kam hier zur Welt. Ein Kind, das im Gegensatz zu seiner schönen Mutter von verwachsener Statur ist. Der Körper des Zehnjährigen ist klein, die Füße sind plump und von eigenartiger Form.

Als Mathurine Mutter und Sohn besucht, fällt ihr zu Beginn nichts Gravierendes auf. Ja, die Familie ist arm, aber die Frau scheint ihr Kind zu lieben, das zudem für die Sozialarbeiterin eine besondere Gabe besitzt. Mathurine entdeckt, dass Darwyne ein besonderes Verhältnis zum Dschungel besitzt. Er kennt die Tiere, scheint in diesem tropischen Urwald zu Hause zu sein, während andere sich in den grünen Weiten verlaufen. Mathurine, die verzweifelt versucht, selbst Mutter zu werden, ist fasziniert von dem Jungen und will die Akte noch nicht schließen. Und etwas weckt dann doch ihr Misstrauen: Yolandas frühere Partner gelten als verschwunden. Und selbst Jhonson, Mann und Darwynes Stiefvater Nummer acht, fühlt, dass die Hütte, in der sie leben, etwas Unheimliches umgibt.
Dramatischer Erdrutsch
Mehr und mehr baut der Roman eine düstere Spannung auf. Mathurine wird zu einer Art Ermittlerin, die sich von Yolanda und vor allem Darwyne nicht lösen kann und will. Die Sozialarbeiterin entdeckt, dass hinter der Schönheit der Frau etwas Dunkles und Bösartiges steckt. Ihr Sohn nennt sie „kleines Opossum“ und „Drecksvieh“. Das Ende, das von einem dramatischen Erdrutsch eingeleitet wird und zeigt, dass das Kind sich durchaus auch wehren kann, ist verstörend und auf eine besondere Art auch mystisch.
„Sie hat das Gefühl, dass die Welt, die sie umgibt, ihr Fassungsvermögen übersteigt. Die Gewissheit, dass, was immer sie auch tut, wie viel sie auch lernt, der Amazonas seine Geheimnisse nie ganz preisgeben wird. Seinen Zauber bewahrt, selbst wenn alles rationalisiert und domestiziert worden ist.“
Colin Niel, 1976 im französischen Clamart geboren, studierte Evolutionsbiologie und Ökologie, arbeitete zunächst als Agrar- und Forstingenieur und beschäftigte sich mit dem Thema Biodiversität. Seine Wege führten ihn auch nach Französisch-Guyana, wo er mehrere Jahre lebte. 2017 erhielt er für „Nur die Tiere“, 2021 auch auf Deutsch erschienen, unter anderem den Prix Landerneau Polar und den Prix Polar en séries. Auch sein Roman „Unter Raubtieren“ (2022, beide Lenos Verlag) wurde mit mehreren literarischen Preisen geehrt. Er gilt als große Stimme des Roman noir.
Dschungel als stiller Held
Niels Wissen und seine Erfahrungen fließen in seinen Roman ein. Der Dschungel als Schauplatz wird zu einem stillen Helden. Niel nennt zahlreiche exotische Tierarten mit sonderbaren Namen – vom Rotkehlkarakara über den Einfarbwürgeling und dem Capybara bis zum Stummelfußfrosch. Großes Thema seines Buchs ist die Vernichtung der Natur durch den Menschen – im Kleinen wie im Großen. Der Amazonas-Regenwald erstreckt sich über neun Staaten Südamerikas und ist der größte seiner Art auf der Welt. Massive Rodungen und der Klimawandel bedrohen dieses kostbare Refugium vieler, mitunter noch unbekannter Tier- und Pflanzenarten.
Der junge Held als Freund der Tiere und Pflanzen setzt dazu ein berührendes Gegengewicht. Er liebt die unbändige und vielfältige Natur des Dschungels, er ist ein Teil von ihr. Hier kann er der sein, der er sein will, hier wird angenommen trotz seines Handicaps, das Menschen abstoßend finden. Dass sein Name an den großen Forscher und Entdecker der Evolutionstheorie Charles Darwin (1809-1882) erinnert, kommt nicht von ungefähr.
Doch nicht nur das mystische Ende wird bei dem einen oder anderen Leser für Fassungslosigkeit und Grauen sorgen. Ein weiteres Thema, dem sich Niels widmet, ist die Kindeswohlgefährdung durch Armut und die uferlose Gewalt, die viele Gesichter trägt, von Schlägen bis hin zur psychischen Unterdrückung reicht, und gegen die Mathurine und ihre Kolleginnen ankämpfen – mit mal mehr mal weniger Erfolg. Auch die überbordende Bürokratie scheint da wie ein Morast, in dem Menschen verloren gehen.
Colin Niel: „Darwyne“, erschienen im Suhrkamp Verlag, in der Übersetzung aus dem Französischen von Anne Thomas, herausgegeben von Thomas Wörtche; 302 Seiten, 18 Euro
Foto von KAL VISUALS auf Unsplash


Hiermit melde ich Ihre mail-Zusendungen ab sofort ab, mfG Claudia Rohrbacher
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Das bedauere ich sehr, liebe Frau Rohrbacher. Können und wollen Sie mir die Gründe dafür nennen? Ich nehme Sie aus der Mailing-Liste heraus. Viele Grüße und Danke für das Lesen
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Einfach viel zu viel, der Apettit immer größer als der Magen, die zu
verwaltenden emailEingänge schlicht nicht mehr zu bewältigen. Und die
vielen Bücher, die Lektüre, geraten ins Hintertreffen. Da habe ich mir
strikte Abstinenz verordnet …
Alles Gute für Sie,
herzlich grüßend,
Claudia Rohrbacher
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