Carl Frode Tiller – „Halt“

„(…) alles floss zusammen, löste sich auf und floss wieder zusammen.“

Johannes ist gerade mal zwölf, als er durch einen Unfall plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Sein tragischer Tod lassen seine Eltern Elisabet und Sakarias in eine tiefe Trauer stürzen, die auch ihre Ehe beendet. Sie trennen sich. An Heiligabend kommen sie jedoch zusammen, um das Grab ihres Sohnes zu besuchen. Auch den Abend verbringen sie gemeinsam – und sie sind dabei nicht allein.

Stimme des Toten Sohnes

Johannes scheint bei ihnen zu sein. Ein magisches wie mystisches Gefühl, dass der norwegische Schriftsteller Carl Frode Tiller auf geradezu verblüffende Weise in seinem berührenden wie außergewöhnlichen Roman „Halt“ darstellt, entsteht. Er erzählt die Geschehnisse aus den Perspektiven aller drei Hauptfiguren. Die Eltern erzählen, aber auch Johannes kommt zu Wort – auch nach seinem tragischen Tod.

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Sowohl das Kind als auch die Eltern blicken zurück, schildern ihre Gedanken, ihre Gefühle, auch die unterdrückten, die nun hervorbrechen. Der Leser, die Leserin blickt in das Leben einer Familie, in der es zuvor schon Spannungen und Krisen gegeben hat. Der zu Beginn fokussierte Blick auf ein tragisches Ereignis weitet sich. Bereits vor dem Tod ihres Sohnes kriselt es in der Ehe von Elisabet und Sakarias. Sie, eine Pianistin, greift zur Flasche, ihr Mann, der in einem Museum als Kurator arbeitet, kann schwer mit dem besonderen Wesen seines Kindes umgehen.

Johannes ist ein stilles, in sich gekehrtes Kind, das kaum Freunde hat, aber akzeptiert und angenommen werden will. Doch sein Vater will einen starken Sohn. Konflikte entstehen – zwischen dem Jungen und seinen Eltern, zwischen Mann und Frau, die selbst gewissermaßen noch „Kinder“ sind, sich um ihre Mütter kümmern, die allein beziehungsweise in einem Pflegeheim leben. Abhängigkeiten und Erwartungen sowie die Einsamkeit im Alter sind ebenfalls Themen eines Romans, der zugleich ein vielschichtiges Familienporträt aufzeigt.

Besondere Zeitsprünge und Perspektivwechsel

Nun sind mehrere Perspektiven in einem Roman nicht außergewöhnlich, ist Tillers Erzählkunst, die ein konzentriertes und empathisches Lesen verlangt, dennoch sehr speziell. Zeitsprünge und Perspektivwechsel gehen nahtlos ineinander über. Ab und an überlappen sich die Zeiten und die Stimmen wie bei einem Film, der die Technik der Überblendung nutzt.

„(…) ich wollte hinter die Wörter, wollte hinter die Sprache, Spielen hieß, sich hinzugeben, loszulassen, sich fallen zu lassen, und ich wollte mich fallen lassen, raus aus der Sprache, hinein in etwas anderes, in eine andere Sprache (…).“

Tiller, 1970 geboren, zählt zu den angesehensten Schriftstellern seines Landes, für seine Werke wurde er vielfach mit Preisen geehrt. Bereits für sein 2001 erschienenes Debüt „Skråninga“, das wenige Jahre später als Bühnenfassung Premiere feierte, erhielt der studierte Historiker den Tarjei-Vesaas-Debütantenpreis und war nominiert für den Bragepreis, den er schließlich 2007 für seinen Roman „Innsirkling“ erhielt, mit dem ihm auch der Sprung nach Deutschland gelang. Der erste Teil der Trilogie erschien hierzulande 2018 unter dem Titel „Kennen Sie diesen Mann?“ und erzählt die Geschichte von David, der sein Gedächtnis verloren hat. Zuletzt erschien in Norwegen im vergangenen Jahr Tillers Roman „Arbeidarhjerte“, Auftakt einer weiteren Trilogie über einen Mann, der wie der Verfasser aus dem Arbeitermilieu stammend mittels einer höheren Ausbildung diese gesellschaftliche Klasse hinter sich lassen kann, aber später in eine Krise stürzt.

Tiller ist zudem Musiker, gehört als Texter und Gitarrist der Band „Kong Ler“ an. Die Musik zieht sich denn auch wie ein roter Faden durch den Roman. Allen voran Bachs Musik, speziell „Das wohltemperierte Klavier“, das zu den bekanntesten Werken des in Eisenach geborenen Barock-Komponisten zählt und aus zwei Teilen besteht, 1722 beziehungsweise in den Jahren 1740/42 fertiggestellt wurde.  Jeder Teil enthält 24 Satzpaare, bestehend aus je einem Präludium und einer Fuge in allen zwölf Dur- und Moll-Tonarten. Auch Tillers Roman besteht aus 24 Kapiteln und birgt in sich verschiedene Stimmungen.

Zuletzt habe ich keinen Familienroman über Tod und Trauer, Schmerz und seelische Wunden, Liebe und Vergebung gelesen, der mich sprachlich und stilistisch so fasziniert und in den Bann gezogen hat wie „Halt“.  Ein großer psychologischer Roman, der einmal mehr beweist, dass in Norwegen die Autoren kreativ und mutig im Erzählen ganz traditioneller Themen sind.


Carl Frode Tiller: „Halt“, erschienen im btb Verlag, in der Übersetzung aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger; 256 Seiten, 15 Euro

Foto von Claire Kelly auf Unsplash

2 Kommentare zu „Carl Frode Tiller – „Halt“

  1. Ich bin damals mit „Kennen Sie diesen Mann?“ in die Bücher von Tiller eingestiegen und war schwer begeistert. Vermutlich hätte ich die Reihe auch weitergelesen, wenn mir nicht „Der Beginn“ dazwischengekommen wäre, das ich in seiner Schwermut nur bedingt erträglich fand. Allgemein scheint Tiller ein bisschen zu dieser Schwermut zu neigen. Und „Halt“ scheint rein thematisch ähnlich gelagert zu sein. So gerne ich mich mal wieder mit seinen Büchern beschäftigen würde – ich warte damit lieber bis zum Sommer. ;-)

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    1. „Kennen Sie diesen Mann?“ habe ich noch ungelesen auf dem Stapel liegen, „Der Beginn“ noch im Blick. Für solche Bücher braucht es auch einen gewissen Zeitpunkt. Aber ich empfinde es auch als Bereicherung, wenn Bücher nachwirken. Vielen Dank für Deinen umfangreichen Kommentar und viele Grüße

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