Zach Williams – „Es werden schöne Tage kommen“

„Das Universum muss eine Illusion sein, irgendwie.“

Ob der Sturm über das Land fegt, Dunkelheit und Feuchte in das Zimmer kriechen, seine Lieblingspuppe übel zugerichtet ist oder er aus dem Wasser herausgezogen wird und nach Luft schnappt. Auf die Frage seiner Mutter sagt der kleine Max das immer selbe Wort: „Unheimich“. Das Wort könnte über all jenen zehn Stories stehen, mit denen der US-Amerikaner Zach Williams reichlich Begeisterung bei Kritikern und Lesen auslöst(e) – in Übersee und mittlerweile auch hierzulande. „Es werden schöne Tage kommen“ heißt sein  Band, der Menschen in Extremsituationen zeigt, skurrile Szenen beschreibt und beim Leser das Gefühl weckt, in schräge Zwischenwelten gelandet zu sein.

Keine Wohlfühl-idylle

Doch noch einmal zurück zu Max. Seine Geschichte und die seiner Eltern ist dafür ein Paradebeispiel. Die Familie richtet sich in einem abgelegenen und altmodischen Sommerhaus ein. Die Zeit verrinnt, die Eltern Jacob und Ronna werden immer älter, das Kind indes nicht. Die Idylle zu Beginn wandelt sich zu einem düsteren Horrorszenario. Marlen Haushofers „Die Wand“ lässt grüßen. Ein gewisses Unwohlsein macht sich breit. In dieser Erzählung wie beispielsweise auch in „Nachbarn“, in dem ein Mann im Nachbarhaus auf die Leiche seiner Nachbarin stößt und dabei das Gefühl hat, eine weitere Person stehe im Raum.

Die Texte sind unterschiedlich lang, jede fasziniert durch eine extreme Verdichtung. Wie ein Roman auf engstem Raum, zusammengepresst wie ein Diamant. Williams rollt die Geschichten aus, erzählt den Lebensweg der Figuren, von ihren Ängsten und Verlusten, ihren Gedanken und Fantasien. „Lucca Strand“, eine der längeren Stories, erzählt von der Seltsamkeit eines Tages, von Walter, dessen Frau vor einem Jahr gestorben ist. Er lebt allein mit seiner Tochter. Unterwegs trifft er auf einen herrenlosen Hund, der ihn zu Aggie führt. Walter kennt sie aus dem Diner, das er regelmäßig aufsucht und in dem sie arbeitet. Und damit ist die Odyssee des Mannes noch längst nicht beendet.

Menschlich wie kritisch

Die meisten Protagonisten sind einsame Helden, kaum erfolgreich im Leben, in der Masse der Menschen gehen sie wegen ihrer unscheinbaren Art eher unter. Wie jene Brüder in „Der Golfwagen“, die mit ihrem kranken Vater auf einer riesigen Farm leben, oder Mr. Rose, der im Jeep Touristen durch die Wüste karrt und zu mysteriösen Sandsteinmonumenten führt. Er denkt an seine verstorbene Frau, die vergangenen Jahre und seine Kinder. In den Geschichten stecken immer wieder Trauer und Traurigkeit. Williams‘ Blick auf seine Protagonisten ist ein zutiefst menschlicher, der auf die gesellschaftlich-politischen Zuständen ein klarer wie kritischer, durchdringend und sezierend. Verschwörungstheorien und Gewalt, die Folgen des wirtschaftlichen und technischen Fortschritts, die Frage nach dem Menschsein, Mensch und Natur – all das sind seine Themen.

„Ich lehnte mich zurück, schloss die Augen. Das ganze Jahr war eine solche Wildnis.“ (aus: „Lucca Castle“)

Zach Williams, im Übrigen nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen US-amerikanischen Sänger und Grammy-Preisträger, hat Creative Writing an der New York University studiert. Vor seiner Autorenlaufbahn hat er über ein Jahrzehnt an einer High School unterrichtet. Williams wurde mit dem Wallace Stegner Fellowship in Fiction an der Stanford University ausgezeichnet, wo er heute als Dozent tätig ist. Seine Texte sind bisher unter anderem im „New Yorker“ und in der „Paris Review“ erschienen. Mit seinem Debüt „Es werden schöne Tage kommen“ (Original: „Beautiful Days“) landete Williams, der mit seiner Frau und zwei Kindern in San Francisco lebt, auf Barack Obamas alljährlicher „Summer Reading List“.

„All die Morgenstunden aller Tage fächerten sich auf, wie Reflexionen in einander gegenüberstehenden Spiegeln.“ (aus: „Das Sauerkleehaus“)

„Es werden schöne Tage kommen“ – man sollte wohl auch nicht diesem Optimismus trauen – ist keiner dieser Erzählbände, bei denen man jeden Abend vor dem Einschlafen immer nur eine Geschichte liest. Vielmehr ist Williams‘ Erstling in einer präzisen wie leuchtenden Sprache verfasst eines dieser herausragenden Beispiele des leider hierzulande eher unterschätzten Genres. Stories haben es gegenüber dem großen Bruder Roman bekanntlich nicht leicht.

Dabei zeigen sie wie eine beeindruckende fotografische Momentaufnahme eine in sich geschlossene Welt und erzählen zusammen von den kleinen und großen Schicksalen und den Abgründen der menschlichen Existenz. Und einmal mehr hat die dtv Verlagsgesellschaft nach Größen und Wiederentdeckungen wie James Baldwin, Joy Williams und Barbara Kingsolver erneut für einen spannenden Import aus Übersee gesorgt.

Weitere Besprechungen auf den Blogs „Buch-Haltung“ und „Bücheratlas“


Zach Williams: „Es werden schöne Tage kommen“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, in der Übersetzung aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Clemens J. Setz; 272 Seiten, 24 Euro

Foto von Aaron Burden auf Unsplash

2 Kommentare zu „Zach Williams – „Es werden schöne Tage kommen“

Hinterlasse eine Antwort zu Constanze Matthes Antwort abbrechen

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..