Toine Heijmans – „Irrfahrt“

„Wenn das Denken aufhört, übernimmt das Meer.“

Ein Sturm zieht über der Nordsee vor der Küste der Niederlande auf. Auch wenn er sein Ziel bereits vor Augen hat, entscheidet Donald, auf der See auszuharren. Zur Sicherheit – für sich und seine siebenjährige Tochter Maria, die ebenfalls an Bord ist. In seinem schmalen Romandebüt „Irrfahrt“ erzählt der Niederländer Toine Heijmans von einer besonderen Segeltour, einem Mann, seiner Familie und dass nichts ist, wie es auf den ersten Blick scheint.

Von Thyborøn nach Harlingen

Es sollte die Schlussetappe seiner dreimonatigen Segeltour über den Atlantik und die Nordsee sein. Donald hatte sich eine Auszeit genommen, seine Frau Hagar und Tochter Maria und seinen Job hinter sich gelassen, sich in die Einsamkeit auf dem weiten Meer zurückgezogen. Nur er, die Jacht, die Weite des Wassers. Vom dänischen Thyborøn nach Harlingen soll Maria ihren Vater auf den letzten zwei Tagen begleiten, so Donalds Wunsch. Hagar gibt diesem nur schweren Herzens nach, setzt dann doch die gemeinsame Tochter in den Flieger nach Dänemark und vertraut das gemeinsame Kind ihrem Mann an.

Die ersten Tage auf See sind unaufgeregt. Donald steuert routiniert seine Segeljacht „Ismael“, nach dem einzigen Überlebenden in Klassiker „Moby Dick“ von Herman Melville benannt, über das Meer – auch dank einer Steuerautomatik. Täglich schreibt er ins Logbuch. Sie sonnen sich auf dem Deck, gehen im Meer schwimmen, beobachten die anderen Boote und Schiffe. Doch auf den letzten Seemeilen schlägt das Wetter um. Sie gehen vor der westfriesischen Insel Terschelling vor Anker, während die Mutter im Hafen ausharrt. Doch dann ist Maria plötzlich verschwunden samt ihrem Kuscheltier, einem Eisbären. Lag sie nicht wenige Minuten zuvor noch friedlich schlafend in ihrer Koje? Der Vater verzweifelt.

„Das Problem des Menschen ist, dass er alles vermenschlicht. Der Mensch denkt, das Wasser hätte ein Vorhaben. Der Mensch will stärker sein als das Wasser, obwohl es doch bloß Wasser ist: Wasser ohne Gedanken, ohne Hintergedanken.“

Heijmans Roman, bereits 2011 erschienen, hat nur etwas mehr als 170 Seiten. Doch die haben es in sich. So einfach mal inmitten der Handlung zu „ankern“ und den schmalen Band zur Seite zu legen, ist nicht. Ich habe das Buch an einem Abend regelrecht verschlungen. Der Roman entwickelt einen Sog, dem man sich nicht entziehen kann. Zugleich ist der Titel mehrdeutig, verweist nicht nur auf die Schwierigkeiten des Helden auf See und allgemein in seinem Leben als Ehemann und Vater, sondern auch auf den raffiniert erzählten Plot, der den Leser so ein wenig an der Nase herumführt, wobei es auch immer wieder Anzeichen gibt, dass irgendwie und irgendetwas nicht stimmt.

Nichts ist, wie es scheint, Donald nicht immer der umsorgte Mann und Vater, die geglaubte Sicherheit ein fataler Trugschluss. Erst auf den letzten Seiten und durch einen tricky Perspektivwechsel nach einem fesselnden Erzähl- und Gedankenstroms des Vaters als Ich-Erzähler erfährt man, wie es wirklich gewesen ist. Mit der Segelfahrt, mit Maria und ihrem Vater.

„In den ersten Stunden einer Fahrt auf dem Meer denkt man immer an das andere Ufer. Wenn es dann in Sicht kommt, will man nicht mehr hin.“

„Irrfahrt“ ist dabei nicht nur ein großartiges, bilderreiches und sinnliches Buch über einen Segeltörn. Heijmans verhandelt in seinem Werk verschiedene Themen: die Vaterliebe, die Komplikationen in einer Familie mit ihren verschiedenen Charakteren, das Verhältnis zwischen Mensch und Meer und dessen Magie. Und der Niederländer weiß, was er da schreibt. Er ist selbst Segler.

Weitere Bestseller

Das Buch wurde in acht Sprachen übersetzt und verfilmt. In Frankreich wurde es mit dem renommierten Prix Médicis étranger ausgezeichnet, der bis dato noch nie zuvor an einen Niederländer vergeben wurde. Heijmans, 1969 im niederländischen Nijmegen geboren, studierte Geschichte und arbeitet für verschiedene Tageszeitungen. Für die niederländische Tageszeitung „De Volkskrant“ schreibt er regelmäßig eine Kolumne, in der er aktuelle Themen und das Leben in seinem Land kommentiert. Seine Bücher „Pristina“ (edition amikejo, 2022) und „Der unendliche Gipfel“ (mairisch, 2023) wurden zu Bestsellern; letztere auch zu eines meiner Lieblingsbücher der vergangenen Jahre.

Und wie dieser Roman über die Berge und die Leidenschaft für das Bergsteigen schildert Heijmans auch in „Irrfahrt“ eine Naturlandschaft, die der Mensch erobert und mit seiner Präsenz eingenommen hat, aber auch von Irrwegen, Wahn und Manie.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Leseschatz“.


Toine Heijmans: „Irrfahrt“, erschienen im mairisch Verlag, in der Übersetzung aus dem Niederländischen von Ilja Braun; 176 Seiten, 16 Euro

Foto von Geranimo auf Unsplash

Ein Kommentar zu „Toine Heijmans – „Irrfahrt“

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