Alex Schulman – „Vergiss mich“

„Es ist wie einem Theaterstück beizuwohnen, einer Tragödie, die letzte Szene, das Ende von allem.“

Das Wort Kipppunkt ist ein aktuell häufig verwendeter Begriff. Ganz allgemein beschreibt er einen kritischen Punkt, an dem eine kleine Veränderung zu einem größeren, oft unumkehrbaren Wandel in einem System führt. Auch im Hinblick auf den Alkoholkonsum wird er gebraucht. Ab wann wird aus einem bewussten Trinken ein maßloses, unkontrollierbares? Im Fall von Lisette geschah es wohl in jener Zeit, als sie Mutter drei kleiner Söhne ist. Ein Jahr nach ihrem Tod schreibt ihr Sohn Alexander ein Buch darüber, wie der Alkohol und ihr Trinken die Familie nahezu aufgefressen haben.

Autobiografisch aufgeladen

2016 erschien das Buch mit dem schwedischen Originaltitel „Glöm mig“. Neun Jahre später ist es nun auch ins Deutsche übertragen worden. Alex Schulman ist mittlerweile einer der angesehensten Autoren seines Landes und hat auch hierzulande viele Anhänger. Immer wieder erzählt er in seinen autobiografisch aufgeladenen Büchern von seiner Familie, von den dunklen Flecken, von kaputten Beziehungen, von Schmerz, Trauer und Traumata, die ihn bereits als Kind auch unbewusst prägten, aber sein Leben fortan beeinflussten und veränderten.

In „Die Überlebenden“ erzählt er von einer schwierigen Beziehung dreier Brüder, in „Verbrenn all meine Briefe“ über seinen Großvater, den berühmten Schriftsteller Sven Stolpe (1905-1996). Eine fiktive Familiengeschichte schildert er indes in seinem jüngst erschienenen Roman „Endstation Malma“. Zwei frühere Bücher, 2008 und 2011, widmen sich seinem Vater Allan und Schulmans Frau Amanda.

Nun ist es die Mutter – und ihre Alkoholabhängigkeit, die der Schwede in „Vergiss mich“ literarisch verarbeitet und die autobiografische Vorlage zu „Die Überlebenden“ bildet. Ein Buch, das kein Roman ist. Lisette ist Mutter dreier Söhne, eine kluge und belesene Frau,  erfolgreich und anerkannt im Job, bis ihre Alkoholsucht auffliegt und sie gekündigt wird. Sie versteckt die Flaschen im Kleiderschrank, liegt tagelang im Bett, ihre „Fahne“ versucht sie mit Halsbonbons zu kaschieren. Ihre unberechenbaren Stimmungsschwankungen sorgen für eine aufgeheizte Stimmung. Die Söhne durchleben ein Wechselbad der Gefühle aus Trauer, Verärgerung, Schuldgefühlen, werden zu Komplizen der Mutter, wenn es darum geht, ihre Sucht zu verschleiern. Es dauert Jahrzehnte bis das Schweigen über ihre Alkoholabhängigkeit ein Ende findet und Alex seine Mutter darauf anspricht – und sie ihn dafür abstraft.

„Wir waren drei Kinder in der ersten Reihe: Sie hatten so viel getrunken, dass sie unerreichbar waren, füreinander und für uns. Und in dem Maße, wie unsere Eltern verstummten, verstummten auch wir.“

Wie dunkle Perlen auf einer Kette durchziehen drastische Szenen dieses Buch: wie Alexander als Kind von seiner Mutter völlig missachtet wird, die Brüder als Kinder die leeren Weinflaschen im Schrank finden, wie die Mutter betrunken zu Ikea fährt, sie auf die kleine Tochter von Alex aufpassen soll und sie im Rausch indes komplett vergisst, wie Bruder Niklas mit seinen Kindern aus dem Sommerhaus der Familie flieht, er seine Brüder um Hilfe bittet, weil das Verhalten der Mutter nicht mehr auszuhalten ist. Während Lisette trinkt und trinkt, gleitet ihr Mann in die Tablettensucht.

„Alle Spielregeln änderten sich. Alles geriet ins Wanken. Diese Übergangsphase war verwirrend für mich, denn alles, was ich darüber wusste, wie man sich als Kind in dieser Familie verhielt, galt plötzlich nicht mehr.“

Der Erzähler schaut als Erwachsener auf Kindheit und Jugend, das Vergangene fließt in die Gegenwart. Einen roten Faden, eine Chronologie, gibt es nicht. „Vergiss mich“ ist ein Strom aus Erinnerungen und Gedanken, die sich um eine Frage kreisen: Wann wurde aus einer liebevollen Mutter eine jähzornige und abweisende Frau. Die Frage nach dem „Wie“ ist wohl schnell beantwortet. Dabei geht der Blick in die eigene Familiengeschichte noch weiter – zu Großvater Sven, auf den die folgenreichen Konflikte und Schatten zurückzuführen sind.

schonungslos und aufrüttelnd

Schulman, 1976 in Hemmesdynge geboren, studierte in Stockholm Filmwissenschaft, Literaturwissenschaft und Philosophie. Er schrieb für Zeitungen und Blogs als Kolumnist und Kritiker, war Moderator einer eigenen Talkshow und arbeitet als erfolgreicher Podcaster. Sein Roman „Die Überlebenden“, der nach dem Tod der Mutter einsetzt und ebenfalls zum Sommerhaus der Familie führt, wurde ein internationaler Bestseller und in 30 Sprachen übersetzt.

Im Gegensatz zu jenem, Jahre später erschienenen Werk enthält „Vergiss mich“ keinen raffiniert konstruierten Plot oder allzu überraschende Wendungen eines Romans, an emotionaler Wirkung verliert es dennoch nicht. Das Buch, das den beiden Brüdern Calle und Niklas gewidmet  ist, ist schonungslos und aufrüttelnd, sehr persönlich und authentisch. In einer Gesellschaft, in der Menschen, die abstinent leben, oftmals belächelt werden, in der das Trinken als schick gilt und nicht hinterfragt, aber Süchtige ausgegrenzt werden, wird das Buch wohl kein Umdenken erzwingen. Auch vermag dieses Buch nicht, den Schmerz all jener „Kinder“ zu nehmen, die ähnliches erfahren haben.

Was ihm allerdings mit all seiner literarischen Kraft gelingt, ist es, das Leid der Angehörigen zu verdeutlichen, ihnen eine Stimme zu geben und über die dramatischen Folgen einer Alkoholabhängigkeit auch für kommende Generationen glaubhaft zu erzählen. Und das ist wohl mehr als es jede Aufklärungsbroschüre vermag.

Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „Lust auf Literatur“, „Bücheratlas“ und „literaT(o)ur“.


Alex Schulman: „Vergiss mich“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, in der Übersetzung aus dem Schwedischen von Hanna Granz; 256 Seiten, 23 Euro

Foto von Frank Tunder auf Unsplash

4 Kommentare zu „Alex Schulman – „Vergiss mich“

  1. Scheinbar sein ganzes literarisches Werk dient der Aufarbeitung seiner familiären Vergangenheit. Und es sind ja nicht wenige Romane, die er bisher veröffentlicht hat. Das ist schon sehr bitter.
    Welches von ihm hat dich denn bisher an meisten beeindruckt?

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    1. Ja, diese dunklen Flecken in der Familiengeschichte sind schon erschreckend. Ich habe „Die Überlebenden“, das erste auf Deutsche erschienene Buch, aber vor allem „Verbrenn all meine Briefe“ sehr gern gelesen, weil es auch ein Stück schwedischer Literaturgeschichte erzählt. Liebe Grüße und Danke für Deinen Kommentar

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  2. Ich komme aus einer Alkoholikerfamilie und schaffe es nicht, solche Bücher zu lesen. Leider wird das Thema Alkoholsucht noch sehr doll verharmlost. Und wie Du schreibst, Constanze: Es beeinflusst die gesamte Familie, und das in der Tat über Generationen.

    Eine sehr gute Rezension zu dem Thema, vielen Dank.

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    1. Vielen Dank für Deinen Kommentar, liebe Anne-Marit. Ich bin da ganz bei Dir und weiß auch, was so etwas bedeutet für die Familie. Ich finde es wichtig, dass man – wie Du es auch machst – offen darüber spricht Und ich denke, man sollte sich manchen Dämonen allerdings auch stellen. Liebe Grüße

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