„Die Welt zerfällt in zwei Lager: die Forscher und die Versüßer.“
Von der kleinsten Hütte bis zum prunkvollen Präsidentenpalast: Häuser erzählen immer wieder Geschichten. Von der Zeit, in der sie bestehen, von den Menschen, die ob kurz oder lang in ihnen wohnen. In ein schon etwas marodes Haus in New Jersey und in zwei Jahrhunderte führt die Amerikanerin Barbara Kingsolver in ihrem Roman „Die Unbehausten“, in dem die Vergangenheit einem vertrauter erscheint, als einem lieb ist.
Vier Generationen unter einem Dach
Die Journalistin Willa Knox zieht mit ihrer Familie nach Vineland. Man schreibt die 2010er Jahre. Die Zeiten sind rau geworden. Es mangelt ihr an Aufträgen, ihr Mann Iano, ein Politikwissenschaftler mit griechischen Wurzeln, verliert seinen Job. Ihr erwachsener und hoch verschuldeter Sohn Zeke ist durch einen Schicksalsschlag unfreiwillig alleinerziehender Vater geworden. Willas Schwiegervater Nick ist schwer krank. Vier Generationen leben unter einem Dach eines abrissreifen Hauses, von dem leise, aber beharrlich der Putz rieselt.
Doch zu den privaten Tragödien kommt eine erschreckende politisch-gesellschaftliche Entwicklung hinzu. Im Land will der republikanische Präsidentschaftskandidat, von allen nur „Das Megafon“ genannt, das Weiße Haus erobern. Wer die reale Vorlage für diese Figur mimt, die von Nick, der trotz Alters und Krankheit frauenfeindliche und rassische Sprüche klopft, verehrt wird wie kein anderer, lässt sich in dem bereits 2018 erschienenen Roman leicht erahnen. 2016 gewann Donald Trump die amerikanischen Präsidentschaftswahlen und sitzt nach der Wiederwahl 2024 erneut auf dem „Thron“.
Briefe an den großen Darwin
Ihre Recherchen zur Geschichte des Hauses führen Willa ins 19. Jahrhundert und in die Leben des Naturkundelehrers Thatcher und der Naturforscherin Mary Treat, die an Ort und Stelle als Nachbarn gelebt und eine besondere Freundschaft gepflegt haben. Er schreibt jeden Menschen einer bestimmten Pflanze zu, sie hält fleischfressende Pflanzen und pflegt einen regen Briefwechsel mit keinem Geringeren als dem Evolutionsforscher Charles Darwin, der mit seinen Erkenntnissen zur Entstehung des Lebens und des Menschen auch in Vineland für Aufruhr und vor allem für eine geteilte Gesellschaft sorgt. Der Stadtgründer Landis und Schulleiter Cutler, zwei autoritäre Kleingeister mit viel Macht und Einfluss, wollen die moderne Wissenschaft aus ihrem Ort verbannen. Der Bürgerkrieg ist noch in den Köpfen der Menschen.
„Wenn die Menschen fürchten, ihre Gewissheiten zu verlieren, folgen sie jedem Tyrannen, der ihnen verspricht, die alte Ordnung wiederherzustellen.“
Wissenschaftsfeindlichkeit – das kennen wir doch schon! Wenngleich Kingsolver zwei verschiedene Jahrhunderte gegenüberstellt, hat man das untrügliche Gefühl, in der länger entfernten Vergangenheit ein großes Stück Gegenwart zu lesen. Überhaupt gleichen sich beide Zeiten fast spiegelbildlich. Da ist ein heruntergekommenes Haus, Bewohner, die in Nöten sind, in beiden Familien kommt es zu Disputen über das Hier und Jetzt. Sowohl Willa und auch Thatcher wissen indes Menschen an ihrer Seite, die auf verschiedene Weise Beistand leisten. Ob es nun die kluge Mary oder der umtriebige Archivar Christopher, der Willa bei ihren Forschungen zur Geschichte des Hauses unterstützt, ist.
„Meine Liebe, Geschichte besteht nicht aus guten oder schlechten Nachrichten, sondern ist eine große Erzählung, die sich nach und nach entfaltet. Es gibt keine kleinen Rollen, nur kleine Darsteller.“
In ihrem Roman versammelt Kingsolver, 1955 in Annapolis, Maryland, geboren und bereits mehrfach preisgekrönt, eine Reihe starker Frauenfiguren: neben Willa und Mary ist da unbedingt auch Willas Tochter Tig zu nennen, die ihr Biologie-Studium abgebrochen hat und wieder in den elterlichen Haushalt eingezogen ist. Sie kümmert sich rührend um das Baby ihres Bruders, der, anstatt sich um sein Kind zu sorgen, nach Boston gezogen ist, um Karriere zu machen. Der amerikanische Traum ruft. Kein Wunder, dass bei der Familie Knox-Tavoularis der Haussegen schief hängt, es zu heftigen politischen wie gesellschaftlichen Diskussionen kommt, wobei Kingsolver ihre Figuren eher in Schwarz-Weiß tüncht und zwei klar abgetrennte Lager zuweist, als ihnen verschiedene Nuancen und Entwicklungsmöglichkeiten zu geben. Beide Zeitebenen verbindet sie indes nicht nur rein inhaltlich, sondern auch stilistisch: Die letzten Wörter eines Kapitels bilden die Überschrift des folgenden.
Der Niedergang der Mittelschicht
Waren in ihrem, im vergangenen Jahr auf Deutsch erschienenen Meisterwerk „Demon Copperhead“ die Armut und die verheerende Opioidkrise die bestimmenden Themen, erzählt sie in ihrem 2018er Roman von ganz verschiedenen Problemen – so vom Klimawandel und der Naturzerstörung, vom angeschlagenen Gesundheitssystem in den USA, den Auswirkungen des Populismus und dem Hass gegenüber Wissenschaftlern und Journalisten, der sich Bahn bricht in erschütternder Gewalt. Beide Bücher erzählen indes in ihrer besonderen lebendigen Art vom Niedergang der US-amerikanischen Mittelschicht, wobei das Haus in Vineland symbolisch steht. Und beide sind eindrückliche sozialkritische Pageturner auf ihre ganz eigene Weise.
Weitere Besprechungen auf den Blogs „Literaturleuchtet“, „Feiner reiner Buchstoff“ und „Bücheratlas“.
Barbara Kingsolver: „Die Unbehausten“, erschienen in der dtv Verlagsgesellschaft, in der Übersetzung aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren; 624 Seiten, 26 Euro
Foto von Joseph Pillado auf Unsplash



das Buch war für mich ein Lesevergnügen! Such wenn es mir nicht ganz so gut wie ihr „Demon Copperhead“ gefiel.
LikeGefällt 1 Person
Ja, es ist auch etwas anders als „Demon Copperhead“, mir hat es auch sehr gut gefallen. Mal sehen, wann ein neuer Roman von ihr erscheint. Viele Grüße
LikeLike
ich freue mich darauf. Danke für die schöne Rezension, liebe Conny!
LikeGefällt 1 Person
Vielen Dank für das Lob, und viel Freude mit dem Buch. Viele Grüße
LikeLike